Rohstoffe werden knapp: Industriekommissar Tajani fordert in Berlin gemeinsames Vorgehen

EU-Industriekommissar Antonio Tajani hat ein gemeinsames Vorgehen in der EU für eine sichere Rohstoffversorgung eingefordert.

In Berlin sagte Tajani heute (Mittwoch), Rohmaterialien seien der Schlüssel zum Erfolg der Industrie. Die weltweit starke Nachfrage sowie protektionistische Maßnahmen hätten jedoch zu Lieferengpässen geführt, sagte Tajani auf dem Kongress der CDU/CSU-Bundestags -Fraktion zum Thema “Werte und Wertschöpfung – Rohstoffsicherheit für Deutschland und Europa” mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.

“Wir sind derzeit mit Herausforderungen konfrontiert, die weder schnell noch auf rein nationaler Ebene zu lösen sind” sagte Tajani. Neben der Kooperation mit anderen Staaten, wie Japan und den USA, sowie der effektiven Nutzung der eigenen Ressourcen, sieht der Kommissar die Lösung vor allem in Forschung und Innovation. Tajani betonte, zwischen der deutschen und europäischen Rohstoffstrategie bestünden klare Synergien. Als gute Beispiele lobte er die Gründung der Deutschen Rohstoffagentur und des Ressourcen-Effizienzprogramms.

Der Vizepräsident der Kommission ist noch bis Donnerstag in Berlin. Neben seinem Besuch im Bundestag, trifft er Verkehrsminister Peter Ramsauer und Wirtschaftsminister Philipp Rösler sowie Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverband des deutschen Handwerks, Dieter Hundt, Präsident Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Hans Peter Keitel, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutscher Industrie- und Handelskammertag und Peter Meyer, Präsident des ADAC.

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Unzulässige Millionen-Beihilfen für Tierkörperbeseitigung in Rheinland-Pfalz

Der Zweckverband Tierkörperbeseitigung in Rheinland-Pfalz muss rund 30 Millionen Euro unzulässig erhaltener staatlicher Zuwendungen zurückzahlen.

Das beschloss die Europäische Kommission heute (Mittwoch). Die Zahlungen der Kommunen im Land Rheinland-Pfalz seien nicht mit den EU-Beihilfevorschriften vereinbar.

Der Zweckverband erbringt in Rheinland-Pfalz Dienstleistungen für die Tierkörperbeseitigung und die Entsorgung von Schlachtabfällen.

Er erhält von seinen Mitgliedern (Kommunen im Land Rheinland-Pfalz) jährliche Zahlungen von rund 2,25 Millionen Euro als Ausgleich für seine Verluste. Nach Auffassung Deutschlands sind diese jährlichen Zahlungen gerechtfertigt, da sie einen Ausgleich für die Erfüllung einer gemeinwirtschaftlichen Verpflichtung – das Vorhalten von Reservekapazitäten für Seuchenfälle (z. B. Maul- und Klauenseuche) – darstellen. So argumentierte auch das Bundesverwaltungsgericht.

Die Kommission stellte in ihrer eingehenden Untersuchung fest, dass dem Zweckverband TKB keine zusätzlichen Kosten für die Vorhaltung der Reservekapazitäten anfallen, weil er in Krisenzeiten auf normalerweise nicht genutzte Kapazitäten (nachts, Wochenenden) zurückgreifen kann. Zudem zeigte die beihilferechtliche Untersuchung, dass der Zweckverband TKB die staatliche Unterstützung für eine wirtschaftlich nicht tragfähige und aggressive Preispolitik nutzt und Tierkörperbeseitigungsdienste zu nicht kostendeckenden Preisen anbietet.

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Dauerkrise: Sparunwillen der Bürger bringt Europa ins Wanken

Die Regierungen Europas haben Mühe, ihre Bürger von der Notwendigkeit drastischer Budget-Einschnitte zu überzeugen. Das gefährdet das Krisenmanagement der Euro-Zone.

Als wüssten sie es nicht besser, als hätten nicht die vergangenen zwölf Monate eindrucksvoll und immer wieder aufs Neue gezeigt, womit sich die Finanzmärkte, diese schwer zu fassenden Schatten der Politik, besänftigen lassen. Als hätten Italien und Spanien nicht erlebt, dass sie umso weniger Zinsen für ihre Staatsanleihen bieten müssen, je entschiedener sie den Eindruck vermittelten, sich an die Konsolidierung ihrer Haushalte zu machen. Als wäre das Ringen um eine europäische Strategie des angemessenen Wirtschaftens nie geschehen. So scheint es in dieser Woche.

Allenthalben auf dem Kontinent flüchtet der Wähler in die Arme derer, die Unbezahlbares versprechen, die ein Ende der unmittelbaren Pein durch Sparpakete und entschiedene Steuereintreibung geloben, die nicht konsolidieren wollen, sondern Geld ausgeben. Wachstum schaffen, nennen sie das.

Es gilt für die Wahl vom vergangenen Wochenende in Frankreich, es gilt für die bevorstehende in Griechenland. In den Niederlanden und in Tschechien stürzen die Regierungen, weil sich keine Mehrheiten dafür finden, die seit 15 Jahren geltenden Spielregeln der europäischen Währungsunion einzuhalten: Nicht mehr neue Schulden zu machen als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Europa steht ein harter Sommer bevor – einer, der einen Rückschritt hinter das bereits Erreichte darstellen könnte. “Die Ereignisse in Frankreich und den Niederlanden könnten den Beginn einer Kursänderung im Krisenmanagement der Euro-Zone bedeuten”, sagte Carsten Brzeski, leitender Volkswirt bei der belgischen Bank ING.

Der Kampf gegen die Schuldenkrise in der Euro-Zone hat einen Namen: Fiskalpakt. In Berlin wagte Gerda Hasselfeldt eine als Appell zu verstehende Prognose: Die Vereinbarungen des Vertrags seien für alle europäischen Staaten von so großem Vorteil, dass sich dem kein Land verschließen werde, sagte die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag. Der Vereinbarung für eine strengere Haushaltsdisziplin hätten außerdem die Regierungen zugestimmt, betonte sie – ganz zu Recht. Allein: Wie viel wird diese Zustimmung in naher Zukunft wert sein?

Die Bewährungsprobe steht noch aus. In den Parlamenten – oder durch Volksabstimmung wie in Irland – ratifiziert ist der Vertrag noch in fast keinem Land. Sollte Frankreichs nächster Präsident François Hollande heißen, wird der “nachverhandeln” wollen, wie er ankündigte.

Das erinnert an die Jahre 2002 bis 2004, als der Regelbruch zur Praxis wurde. Die Maastricht-Neuverschuldungsgrenze war kaum etabliert, da drangen die größten europäischen Volkswirtschaften angesichts wirtschaftlicher Schwierigkeiten darauf, sie nicht so eng zu sehen. Die Rede ist von Frankreich und Deutschland.

Griechen versprechen niedrigere Steuern

Die schlechten Nachrichten wollen einfach nicht abreißen: Die am Boden liegende Wirtschaft Griechenlands schrumpft weiter. Die Zentralbank in Athen rechnet für das laufende Jahr mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um fast fünf Prozent, noch einmal ein halbes Prozent mehr als vor vier Wochen vorausgesagt.

2011, im bisher schlimmsten Jahr der griechischen Wirtschaftskrise, war das Bruttoinlandsprodukt 6,9 Prozent geschrumpft. Damit befindet sich das Land nun das fünfte Jahr in Folge in der Rezession. Keine gute Ausgangslage für die beiden großen Regierungsparteien, die am 6. Mai wiedergewählt werden wollen.

So behilft sich Antonis Samaras, dessen Partei Neue Demokratie (ND) zusammen mit den Sozialisten von Pasok das Kabinett von Premier Papademos stützt, mit Wahlversprechen. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy geht mit leuchtendem Beispiel voran und zeigt, wie viel europäische Überzeugungen im Kampf um Wählerstimmen noch zählen.

In den jüngsten Umfragen hat ND zwar an Zustimmung eingebüßt, die Partei kann aber bei der Wahl im Mai mit rund 22 Prozent der Stimmen rechnen und würde damit die größte Fraktion im Parlament stellen. Weniger Steuern kündigte Samaras also den Griechen an, mehr staatliche Sozialausgaben. Gerade den Spitzensteuersatz will er senken, von 45 auf 32 Prozent.

Das mag den 19 Prozent der Griechen, die nach der Prognose der Zentralbank in diesem Jahr keine Arbeit haben werden, nicht viel helfen; den 300.000 Menschen, deren Arbeitsplätze im vergangenen Jahr auf absehbare Zeit verschwunden sind, erst recht nicht.

Aber auch für sie hält Samaras teuren Trost bereit: Um auch etwas für den Griechen mit geringerem Einkommen zu tun, soll die Mehrwertsteuer um vier Prozentpunkte reduziert werden. Damit soll freilich keine Abkehr von der Zusicherung, die Samaras den europäischen Regierungschefs schriftlich gab, verbunden sein. An den Reformzusagen werde auch nach der Wahl nicht gerüttelt. Eine Glücksspielsteuer soll die Mindereinnahmen ersetzen. Ob das hilft? Die extremen Parteien, links wie rechts im politischen Spektrum Griechenlands, legen nach allen Umfragen zu.

Dabei blenden sie ebenso wie Samaras aus, was die Zentralbank in ihrem Bericht als Schreckensszenario präsentiert: Ohne die den Geldgebern versprochenen Reformen würde alles nur noch schlimmer: Wird das mit der EU und dem Internationalen Währungsfonds vereinbarte Programm nicht umgesetzt, werden wichtige Strukturreformen nicht eingeleitet und auch durchgehalten und wird die versprochene Haushaltskonsolidierung ins Stocken geraten – dann drohe Griechenland “ein Rückfall um mehrere Jahrzehnte” und auch der Austritt aus der Euro-Zone.

Deutschland: Die Angst des Lehrmeisters

Nicht alle Regierungsstürze in der Euro-Krise haben bei Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble Sorgen ausgelöst. Dem früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi trauert man in Berlin nicht hinterher. Im Gegenteil. Und dem neuen spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy attestiert man zumindest öffentlich mehr Reformwillen als seinem Vorgänger.

Nun könnten allerdings Machtwechsel im Euro-Klub bevorstehen, die in Berlin für Probleme sorgen werden. Kämen in Griechenland extreme Parteien an die Macht, die die EU-Reformauflagen ablehnen, wäre die Rettung des Landes wohl gescheitert. Die Geduld der Bundesregierung war zuletzt ohnehin schon ziemlich erschöpft

Griechenland aber ist nur ein Problem: In ungewohnt deutlicher Weise hatte sich Merkel zum Beispiel im französischen Wahlkampf positioniert und für Nicolas Sarkozy getrommelt. Mit ihm verbindet sie zwei Jahre Krisenbekämpfung. Zuletzt hatte sich der Franzose sogar deutschen Vorstellungen angeschlossen und mit der Kanzlerin den Fiskalpakt in Europa durchgesetzt. Und auch in der niederländischen Regierung fand Merkel bisher stets einen treuen Verbündeten, wenn es um strenge Sparauflagen für die Krisenländer ging.

Deshalb sieht man die neuen Entwicklungen in Frankreich und Holland durchaus als Risiko. Zwar glaubt man in Berlin nicht, dass der Sozialist François Hollande nach einem Wahlsieg den Fiskalpakt tatsächlich kippen würde. Doch es würde mit ihm sicherlich nicht einfacher, den Sparkurs in Europa zu halten.

Ohnehin ist der Druck auf die Bundesregierung zuletzt gestiegen: Sparen alleine reiche nicht, man brauche auch Maßnahmen zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums, haben sich Merkel und Schäuble bei Treffen mit ihren Kollegen zuletzt regelmäßig anhören müssen – sei es beim Europäischen Rat in Brüssel oder bei der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Die Euro-Länder, die ihren Bürgern harte Sparrunden abfordern, wollen eine Belohnung. Für die Strategie der Bundesregierung ist es entscheidend, wie lange die Geduld in den Ländern reicht. Springt die Konjunktur nicht an, dürften die Zweifel an der von Deutschland verschriebenen Reformmedizin wachsen.

In Deutschland selbst setzt die Regierung auf ein anderes Rezept, das Schäuble als “wachstumsfreundliche Konsolidierung” bezeichnet. Soll heißen: Von einschneidenden Sparmaßnahmen sieht man ab, um die Konjunktur nicht zu gefährden. Die schwarz-gelbe Koalition meint, es reichte aus, die Ausgaben einigermaßen konstant zu halten.

Das fällt nicht sonderlich schwer: Die niedrige Arbeitslosigkeit entlastet den Sozialetat. Und dann profitiert Deutschland auch noch von der Euro-Krise: Die Investoren suchen verzweifelt nach sicheren Anlagemöglichkeiten und reißen sich um deutsche Staatsanleihen. Der Finanzminister kann sich deshalb zu günstigen Konditionen Geld am Kapitalmarkt leihen. Das sparte bares Geld bei den Zinszahlungen.

 

Diesen ohne eigenes Zutun niedrigeren Ausgaben stehen höhere Einnahmen gegenüber. Die Steuerschätzungen werden halbjährlich nach oben korrigiert. Auch bei den Sozialkassen gibt es Überschüsse. Und so kommt der Defizitabbau in Deutschland fast automatisch voran. Im vergangenen Jahr meldete die Bundesregierung ein gesamtstaatliches Defizit von einem Prozent nach Brüssel. Schäuble will nun die Schuldenbremse, die eine strukturelle Neuverschuldung von 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts vorschreibt, bereits 2014 erfüllen – und nicht wie vorgeschrieben erst 2016.

Die FDP wagt sich noch weiter vor. Die Parteispitze fasste gerade den Beschluss, im Jahr 2014 einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen zu wollen. Den Defizitabbau, der anderen Regierungen der EU das Leben schwer macht, wollen Union und FDP im Wahlkampf für sich nutzen.

Dank des starken Wirtschaftswachstums gelingt der schwarz-gelben Regierung die Haushaltskonsolidierung sogar ohne schmerzhafte Sparmaßnahmen. Und es geht noch weiter: Längst haben die Politiker von CDU, CSU und FDP wieder angefangen, Geschenke unterm Volk zu verteilen.

Aktuell streitet die Koalition über das Betreuungsgeld, das 1,2 Milliarden Euro jährlich kosten wird. Und in der Union wird sogar überlegt, den internen Widerstand gegen die neue Leistung mit einer weiteren Ausgabe zu brechen: Durch eine bessere Anerkennung der Erziehungsleistung könnten die Rentenzahlungen um vier Milliarden Euro angehoben werden.

Ökonomen und Wirtschaftsverbände, die der Bundesregierung ohnehin mangelnden Sparwillen vorwerfen, sind entsetzt. Sogar beim Koalitionspartner FDP stößt so viel Großzügigkeit auf Widerstand. Täglich neue Sozialleistungen auflegen zu wollen gefährde die Sanierung des Haushaltes und Deutschlands Vorbildrolle bei der Euro-Rettung, sagt FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle deshalb. Sozialdemokraten und Grüne werfen der Bundesregierung Doppelzüngigkeit vor: In Europa predige sie Wasser, zu Hause trinke sie Wein.

Frankreichs Politiker umgarnen die Rechten

Wenn die Prognosen sich erfüllen und Nicolas Sarkozy am 6. Mai tatsächlich die Stichwahl gegen François Hollande verliert, dann wird er dies nicht allein wegen der Krise tun, sondern vor allem, weil er Nicolas Sarkozy ist. Die Abneigung gegen den Amtsinhaber ist in Frankreich für viele Wähler bei der Stimmabgabe ein wichtigeres Motiv als die Wirtschaftsdaten.

Dennoch hat die Krise in Frankreich das politische Klima verändert – und wird dies auch über den 6. Mai hinaus tun. Im Wahlkampf erfreuten sich rechts- wie linkspopulistische Vorstellungen großer Beliebtheit. “Europa” wurde weitgehend als Chiffre für unbegrenzte Zuwanderung und entfesselten Kapitalismus benutzt und musste als Sündenbock für sämtliche Übel herhalten, die Frankreich in der jüngsten Vergangenheit widerfahren sind.

Viele französische Wähler sehen ihr Heil nicht in Reformen, sondern in einer Begrenzung der Zuwanderung oder in Wirtschaftsprotektionismus. Die 18 Prozent der Stimmen für die rechtsextreme Marine Le Pen belegen dies ebenso wie die elf Prozent für den linken Volkstribun Jean-Luc Mélenchon. Der einzige Kandidat, der nüchterne Argumente für solides Haushalten vorbrachte – der Zentrist François Bayrou – büßte derweil im Vergleich zu 2007 die Hälfte seiner Stimmen ein.

Doch nicht nur an den Rändern wurde Kritik am “Spardiktat” aus Brüssel laut. Der Sozialist Hollande gründete seinen Wahlkampf auf das Versprechen, den Fiskalpakt “neu verhandeln” zu wollen und um ein Wachstumsprogramm zu erweitern. Sarkozy schwenkte gegen Ende der Kampagne ebenfalls in diese Richtung und verlangte eine aktivere Rolle der Europäischen Zentralbank, um Wachstum zu bewirken.

Der Wahlerfolg von Marine Le Pen zwingt nun beide Kandidaten, vor der zweiten Runde die Wähler der Rechtsextremen zu umgarnen. Sarkozy tut dies bereits seit Längerem offensiv, aber auch Hollande will versuchen, jene Wählerschaft zu “überzeugen”, die “einen sozialen Zorn” zum Ausdruck bringe.

Holland verlernt das Sparen

Das Königreich der Niederlande hat eine jahrhundertealte calvinistische Tradition des vernünftigen Haushaltens. Holländer lernen schon früh, nicht mehr auszugeben, als sie besitzen. Das haben die Holländer anderen europäischen Ländern auch immer vorgehalten. Als Deutschland vor einigen Jahren die Maastrichter Stabilitätskriterien verletzte, stand der niederländische Finanzminister blitzschnell bei seinem Kollegen in der Berliner Wilhelmstraße vor der Tür, um ihm die Leviten zu lesen.

Nun haben die Niederländer selber Probleme mit ihrem Haushalt, der mit einem Minus von 4,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts über der Maastricht-Grenze von 3,0 Prozent liegt. Die liberalkonservative Minderheitsregierung von Premier Mark Rutte, die von dem Rechtspopulisten Geert Wilders geduldet wurde, wollte deshalb etwa 15 Milliarden Euro einsparen.

Am Samstag dann entzog Wilders nach fast zwei Monate dauernden Verhandlungen den Sparplänen seine Unterstützung. Am Montag reichte Rutte bei Königin Beatrix den Rücktritt des Kabinetts ein. Im September gibt es wohl Neuwahlen.

Wilders geißelte im Parlament das “Spar-Diktat von nicht gewählten Eurokraten aus dem Superstaat Brüssel”. Seine Anhänger kommen vor allem aus der unteren Mittelschicht, die Angst vor der Euro-Krise, der Globalisierung und Überfremdung haben.

Die sozialistische Partei SP, die bei der Wahl 2010 knapp zehn Prozent holte, hat eine ähnliche Wählerschaft und lehnt die Sparpläne mit ihren tiefen Einschnitten für Geringverdiener ebenfalls ab. Und sogar die etwa doppelt so starke sozialdemokratische PvdA, die immer eine staatstragende Funktion in den Niederlanden spielte, will die Einsparungen nicht mittragen, jedenfalls noch nicht 2013.

Das verstößt jedoch gegen den im März unterzeichneten europäischen Fiskalpakt. Eine Geldstrafe in Milliardenhöhe wäre die Folge.

Es ist also unsicher, ob der Sparkurs noch eine Mehrheit in den Niederlanden findet. Noch hat das Land das Rating AAA, doch die Agentur Moody’s warnte am Montag schon vor den Folgen einer politischen Krise, die Agenturen S&P und Fitch drohten mit der Herabstufung.

In den Niederlanden herrschte am Montag schon leichte Panik, weil die Risikoaufschläge für Staatsanleihen im Vergleich zu jenen, die Deutschland zahlen muss, stiegen. Doch am Dienstag konnte Den Haag problemlos fast zwei Milliarden Euro zu immer noch eher niedrigen Zinsen aufnehmen.

Koalition in Prag steht auf der Kippe

Dass Tschechiens Mitte-rechts-Regierung wankt und am Freitag nur mit viel Mühe eine Vertrauensfrage im Parlament überstehen dürfte, hat in erster Linie mit innerer Zerstrittenheit und Fällen von Korruption zu tun. Aber auch damit, dass das Kabinett von Petr Necas einen harten Sparkurs fährt, gegen den es am vergangenen Wochenende die größte Demonstration der Gewerkschaften seit 1989 gegeben hat.

Das Haushaltsdefizit soll im kommenden Jahr unter das Maastricht-Kriterium von drei Prozent gedrückt werden. Prag würde damit die Forderungen des EU-Fiskalpakts erfüllen, auch wenn es sich dem offiziell bislang nicht angeschlossen hat. Tschechien ebnet sich damit gleichzeitig den Weg, in ein paar Jahren entsprechend der Verpflichtung aus seinem EU-Beitrittsvertrag den Euro einzuführen, auch wenn dafür bislang kein Datum genannt wird.

Aus gutem Grund: Zwei Drittel der Tschechen wollen – im Einklang mit Staatspräsident Václav Klaus – lieber ihre Krone behalten, sehen das Projekt der Gemeinschaftswährung vor dem Hintergrund der Schuldenkrise als falsch und zum Scheitern verurteilt an.

Die Haushaltskonsolidierung ist deshalb so unbeliebt, weil die zwar über Ausgabenkürzungen, vor allem aber über Steuererhöhungen erreicht werden soll. Die Anhebung der Mehrwertsteuer hat dazu geführt, dass mittlerweile fast alle Lebensmittel in Tschechien teurer sind als im benachbarten Deutschland. Das Einkommensniveau unterscheidet sich aber nach wie vor gravierend zu Ungunsten der Tschechen: In Deutschland ist es durchschnittlich etwa drei Mal so hoch.

Elend auf der Iberischen Halbinsel

Die Nervosität in Madrid am Dienstagmorgen war riesig. Würden die Märkte spanische Papiere kaufen? Und zu welchen Zinsen? Das Aufatmen war groß, als schließlich fast zwei Milliarden Euro bei der Auktion zusammenkamen. Aber die von den Investoren verlangten Risikoaufschläge verdoppelten sich und treffen das ohnehin gebeutelte Land hart.

Spanien verharrt im Griff der Finanzmärkte, hangelt sich von Sparpaket zu Sparpaket, von Emission zu Emission. Mit Argusaugen schauen internationale Investoren, die anderen Euro-Regierungen und die EU-Kommission auf jeden Beschluss.

Der Druck ist gewaltig, den der im November gewählte konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy aushalten muss – aber die Bürger danken es ihm nicht. Seine Umfragewerte sind im Sinkflug, er ist das unbeliebteste Mitglied im eigenen Kabinett. Dabei haben ihn die Spanier, des sozialistischen Zauderers José Luis Zapatero müde, bewusst gewählt. Die Boomjahre sind vorbei, das hat die große Mehrheit verstanden, und so sollte die neue Regierung das deutsche Europadiktat umsetzen und Spanien wenigstens wieder auf einen stabilen Pfad führen: sparen, sparen, sparen.

Genau das tut Rajoy auch, Ende März brachte er den Haushalt mit Kürzungen in Höhe von 27 Milliarden Euro durch das Parlament, um das von Brüssel vorgegebene Defizitziel von 5,8 Prozent zu erreichen. Insgesamt 60 Milliarden Euro müssen es in den kommenden zwei Jahren sein. Es sind die schmerzhaftesten Einschnitte, die Spanien seit Ende der Diktatur aushalten muss.

Aber nur knapp vier Monate nach dem Wechsel machen die Bürger schon nicht mehr mit: Millionen Spanier nahmen am Generalstreik Ende März teil, allein in Madrid protestierten 100.000 Menschen gegen den Sparbeschluss, die Stimmung ist gereizt.

Vergangene Woche boxte Rajoy dann noch einmal zehn Milliarden Euro weniger für Gesundheit und Bildung durch – Bereiche, die für viele Bürger direkt spürbar sind. “Ich bitte die Spanier, diese Maßnahmen zu verstehen, weil sie gerecht und vernünftig sind”, bat Rajoy beinahe flehentlich. Er weiß, dass er sehr wenig Zeit hat. Bereits bei den Wahlen in der wichtigen Region Andalusien im März bekam er die erste schallende Ohrfeige.

Die absolute Mehrheit im Parlament mag den Konservativen vorerst ein Schutzschild bieten – aber der Druck der Straße wird weiter wachsen, die Umfragen für Parteien am linken Spektrum gehen nach oben, der PP versucht es derweil am rechten Rand. Rajoys Sprecher Alfonso Alonso wetterte am Dienstag, das nationale Gesundheitssystem sei “kein Auffangbecken” für illegale Einwanderer.

Auch im Nachbarland Portugal regiert seit bald einem Jahr ein Konservativer mit absoluter Mehrheit und peitscht brutale Sparprogramme durchs Abgeordnetenhaus. Allerdings hat Pedro Passos Coelho den politischen Vorteil, dass sein Land bereits EU-Hilfen bekommt. Die Austeritätspeitsche teilt er sich mit den strengen Kontrolleuren von Internationalem Währungsfonds, EU-Kommission und Europäischer Zentralbank.

Aber ob in Lissabon oder Madrid, das Elend ist dasselbe: Die Einschnitte und Reformprogramme sind tief greifend, aber die ökonomische Erholung wird auf Sicht nicht kommen. Die Wirtschaft schrumpft, die Banken geben keine Kredite, die Arbeitslosigkeit steigt, vor allem die der jungen Menschen. Dass die Regierung im Triple-A-Land Niederlande über ihr Sparpaket stürzt, verschärft die Unsicherheit der Südwesteuropäer nur noch mehr. Wie lange machen die iberischen Bürger den Kurs ihrer Regierungen noch mit?

Italien: Nur noch jeder Dritte würde Monti wählen

Mario Monti würde derzeit bei einer Wahl immerhin noch 30 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen können, so viel wie kein Parteiführer Italiens. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte liest sich so: Mittlerweile würde nur noch jeder dritte Italiener den parteilosen Mario Monti wählen.

Vieles spricht für die zweite Lesart, denn der Premier-, Wirtschafts- und Finanzminister verliert keine sechs Monate nach seiner Ernennung durch Staatspräsident Giorgio Napolitano am 16. November 2011 stetig an Zustimmung in der Bevölkerung. Dass der ehemalige EU-Kommissar für Binnenmarkt und Wettbewerb die Ministerien seiner “technischen Regierung” wie angekündigt auf Sparkurs gesetzt hat, macht ihn nicht populärer. Die euphorische Stimmung des Aufbruchs und der Hoffnungen, die ihn in den ersten Monaten seiner Regierung herrschte, ist verflogen.

Sogar der Rechnungshof und die Zentralbank warnen inzwischen vor den negativen Folgen des Sparprogramms für das Wachstum, das Italien am allernötigsten brauche. Hier bahne sich die Gefahr eines “Kurzschlusses” zwischen Sparmaßnahmen und Wachstum an.

Noch hält Rom im stürmischen Europa ruhig am eingeschlagenen Kurs fest. Das Dekret zur Steuervereinfachung wurde in der vergangenen Woche durch den Senat und dann durch das Parlament verabschiedet. Es ermöglicht unter anderem die Einführung einer neuen Immobiliensteuer und die freie Versteigerung der TV-Lizenzen.

Vor allem in Norditalien trotzen nicht wenige Qualitätsunternehmen mit hohen Exportquoten der Krise – fast so wie in Deutschland. Der Spagat zwischen einer Rentenreform mit all ihren Opfern, die sie der Bevölkerung abverlangt, und der nötigen Reform des Arbeitsmarktes bleibt der Regierung aber dennoch als enorm große Herausforderung erhalten.

Artikel 18 des Arbeitsgesetzes mit seinem rigiden Kündigungsschutz, der Italiens Volkswirtschaft von Bozen bis Palermo fesselt, macht Monti die Arbeit besonders schwer. An der Reform dieses Wachstumshemmnisses haben sich bisher noch alle Premiers Italiens die Zähne ausgebissen.

 

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EU-Haushalt 2013 soll um 6,8 Prozent steigen

In Zeiten strikter Sparpolitik in vielen Mitgliedstaaten will die EU-Kommission den Gemeinschaftshaushalt der Europäischen Union deutlich steigern. Die EU-Behörde zieht für das kommende Jahr ein Plus der Zahlungsermächtigungen von 6,8 Prozent auf 138 Milliarden Euro in Betracht, wie aus einem Dokument hervorgeht, das Reuters vorlag.

Das sei notwendig, weil Verpflichtungen aus der Vergangenheit zu erfüllen seien. Die neuen Verpflichtungszusagen sollen dagegen nur um zwei Prozent steigen. Der Sprecher von EU-Haushaltskommissar Janusz Lewandowski wollte keine Stellungnahme zu dem Entwurf abgeben. Dieser soll heute veröffentlicht werden.

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Fluggastdaten-Abkommen mit USA rückt näher

Der Innenausschuss des Europaparlaments stimmte für das Abkommen zur Weitergabe von Fluggastdaten zwischen der EU und den USA. Im April werden die EU-Abgeordneten abstimmen.

Der Innenausschuss des Europaparlaments hat für ein Abkommen zur Weitergabe von Fluggastdaten zwischen der Europäischen Union und den USA gestimmt. Das teilten Vertreter mehrerer Fraktionen am Dienstag in Brüssel mit. Damit hat das Abkommen einen wichtigen Schritt hin zu einer endgültigen Verabschiedung gemacht: Das Votum des Ausschusses gilt als richtungsweisend für die Abstimmung aller EU-Abgeordneten im April.

Die EU-Länder hatten bereits im Dezember der von der EU-Kommission ausgehandelten Vereinbarung im Dezember mehrheitlich zugestimmt.

15-jährige Datenspeicherung

Das Abkommen sieht vor, dass zahlreiche Daten von Flugreisenden aus der EU in die USA an die US-Sicherheitsbehörden übergeben und von diesen bis zu 15 Jahre lang aufbewahrt werden dürfen. Weitergegeben werden etwa Anschrift und E-Mail-Adresse eines Reisenden, dessen Kreditkartennummer sowie die Zahl seiner Koffer.

Die Verhandlungen mit den USA waren nötig geworden, weil das EU-Parlament Änderungen an der bisherigen Vereinbarung aus dem Jahr 2007 gefordert hatte, um die Angaben von USA-Reisenden besser zu schützen.

viaFluggastdaten-Abkommen mit USA rückt näher « DiePresse.com.

EU-Bürger können mehr Demokratie wagen

Ein Thema treibt Sie um, das von der EU dringend geregelt werden müsste? Aber niemand kümmert sich darum? Ab dem 1. April 2012 können Sie es selbst in die Hand nehmen – mit der Europäischen Bürgerinitiative.

Wenn Sie in Europa mit einer Bürgerinitiative etwas verändern wollen, benötigen Sie Mitstreiter mit Wahlberechtigung aus mindestens sechs weiteren EU-Staaten. Gemeinsam gründen Sie einen Bürgerausschuss, den Sie bei der EU-Kommission registrieren lassen. Denn die Kommission hat auf europäischer Ebene das alleinige Initiativrecht für Gesetzesvorhaben, über die dann vom Europäischen Parlament und dem Europäischen Rat entschieden wird.

Kleine Rechtslücke

Vor der Antragstellung empfiehlt sich allerdings eine kleine Rechtsprüfung. Eine Bürgerinitiative ist nur möglich, wenn Brüssel auch der richtige Ansprechpartner ist. Manche Fälle sind eindeutig: Für Fragen der Zollunion oder des Außenhandels ist die EU zuständig, Bildungsfragen indes entscheiden die Mitgliedsstaaten selbst. Manchmal sind die Kompetenzen allerdings äußerst kompliziert verteilt: Das Rauchverbot zum Beispiel wurde national geregelt, während die EU ein europaweites Tabak-Werbeverbot durchgesetzt hat.

Wenn Sie kein Gesetz anstoßen, sondern sich lediglich über einen Missstand beschweren wollen, gibt es alternativ noch die Petition und die Beschwerde beim Bürgerbeauftragten. Beschreiben Sie also genau den Gegenstand und die Ziele ihrer Initiative und geben Sie an, welche Bestimmungen in den EU-Verträgen Sie in diesem Zusammenhang für relevant halten.

Kleine Budgetlücke

Als nächstes müssen Sie die Ihnen bereits bekannten Finanzierungsquellen angeben – jedenfalls Sponsoren, die Ihre Initiative mit mehr als 500 Euro im Jahr unterstützen. Schließlich sind eine Million Unterschriften mitsamt Adressen erforderlich. Dafür müssten 1000 Engagierte in einem Jahr 1000 EU-Bürger – also etwa drei pro Tag – von dem Vorhaben überzeugen. Das kostet viel Personal, viel Zeit und damit – viel Geld. Ohne Sponsoren werden Sie also nicht weit kommen.

Kleine Datenschutzlücke

Sind alle Voraussetzungen erfüllt, wird Ihre Initiative von der EU-Kommission registriert. Jetzt können Sie anfangen, Unterstützerunterschriften samt Namen, Anschrift, Geburtsdatum und Staatsangehörigkeit zu sammeln. Das können Sie auf Papier tun oder online. In beiden Fällen muss garantiert sein, dass die Daten nur für den vorgesehen Zweck verwendet und danach vernichtet werden.

Wenn Sie technisch versiert sind, können Sie die Unterstützer Ihrer Bürgerinitiative im Internet sammeln. Dafür stellt die EU-Kommission eine entsprechende Software zur Verfügung. Sie können aber auch ein eigenes Online-Sammelsystem nutzen, das den datenschutzrechtlichen Sicherheitsanforderungen entsprechen muss. Eine entsprechende Bescheinung bekommen Sie von der zuständigen Behörde in Ihrem Heimatland.

Auf Bedenken des Europäischen Datenschutzbeauftragten Peter Hustinx haben die Entwickler der EU-Bürgerinitiative weitestgehend reagiert: In der veröffentlichten Unterstützerliste steht nicht mehr die Email-Adresse und die Postanschrift der Unterzeichnenden. Auch muss niemand seine persönliche Identifikationsnummer angeben, wenn er eine Initiative unterstützt. Unklar ist aber, wer überprüft, dass die Daten bis zum Abschluss der Bürgerinitiative sicher aufbewahrt und danach vernichtet werden. Fest steht allerdings, dass Sie als Organisator haften, wenn die sensiblen Daten Ihrer Unterstützer durch eine Sicherheitslücke rutschen und unrechtmäßig verwenden werden.

Eine Million Unterstützer aus sieben Staaten

Sie müssen nicht in allen Mitgliedsstaaten Unterstützer finden: Die erforderliche Million Unterschriften muss aber aus mindestens sieben Staaten stammen. Dabei gib es je nach Land eine bestimmte Mindestzahl an Unterzeichnern – je nach Bevölkerungszahl: aus Deutschland müssen es zum Beispiel mehr als 74.000 sein, aus Malta dagegen nur 4.500. Die gesammelten Unterschriften lassen Sie sich dann noch von den zuständigen nationalen Behörden bescheinigen.

Wenn Sie dann alles zusammengetragen haben, entscheidet die EU-Kommission, ob sie Ihre Initiative annimmt. Falls ja, wird das normale Gesetzgebungsverfahren eingeleitet: Die EU-Kommission präsentiert das Vorhaben Europaparlament und Europäischem Rat. Wenn diese es annehmen, könnte aus Ihrer Europäischen Bürgerinitiative innerhalb von etwa zwei Jahren tatsächlich ein Gesetz werden.

viaEU-Bürger können mehr Demokratie wagen | Europa | DW.DE | 26.03.2012.

Europas Kampf um Rohstoffe

Der Verteilungskampf um Rohstoffe wird härter. Seitdem der Ressourcen-Hunger neuer Technologien die Märkte leer fegt, suchen die europäischen Industrienationen Wege aus der Krise.

Es sind die Stoffe, die High-Tech-Träume wahr werden lassen: Seltene Rohstoffe wie Rhodium, Tantal, Kobalt oder Coltan stecken in fast allen innovativen Produkten. Ohne diese Metalle und Mineralien gäbe es keine Mobiltelefone, iPads, Flachbildschirme, Katalysatoren oder Elektroautos. Ohne sie wäre die moderne Welt einfach nicht mehr modern. Mit den enormen Möglichkeiten durch ihre Verwertung sind aber auch enorme Abhängigkeiten entstanden – vor allem für die europäische Industrie, die viele dieser Rohstoffe nahezu vollständig importieren muss. Für Brisanz sorgt die rasante Nachfrage, mit der das Angebot kaum Schritt hält. Versorgungsängste werden auch von China geschürt, das seine Exporte gedrosselt hat, um den wachsenden Eigenbedarf zu stillen. Eine bedrohliche Entwicklung für Europa, weil es im besonderen Maße am Tropf Chinas hängt. Bereits jetzt geben die Klagen von Unternehmen über sich abzeichnende Versorgungsengpässe und gestiegene Preise Anlass zur Sorge.

Innovationspartnerschaft für Rohstoffe

Seit Jahren überlegt die EU, wie Europa im globalen Poker um wertvolle Bodenschätze mithalten kann. Im Februar 2011 stellte die EU-Kommission ihre lang erwartete Rohstoffstrategie vor. Vielen Kritikern ging sie aber in wichtigen Details nicht weit genug. Rund ein Jahr später hat die Kommission nun nachgelegt und in ihrem Vorschlag einer “Innovationspartnerschaft für Rohstoffe” einige Punkte ihrer Strategie konkretisiert. Von einem ganzheitlichen Ansatz ausgehend sollen EU-Mitgliedstaaten, Unternehmen sowie private und öffentliche Forscher gemeinsam die Erkundung, Gewinnung und Verarbeitung von Rohstoffen voranbringen.”Wir müssen unsere Kräfte bündeln, um Europas enormes Potenzial an Rohstoffen auszuschöpfen. Darin liegt der Schlüssel für die Fähigkeit Europas, heute die Technologien von morgen zu entwickeln”, schreibt Antonio Tajani, Vizepräsident der Europäischen Kommission, in seiner Presserklärung. In welcher Form dies alles genau geschehen soll, ist noch unklar.

Die Kommission hat dafür konkrete Ziele festgelegt, die spätestens im Jahr 2020 erreicht werden sollen. Innerhalb von ein bis drei Jahren sollen erste Ergebnisse vorliegen. Im Kern geht es darum, eigene Rohstoffquellen anzuzapfen, auch um die Abhängigkeit von Importen zu reduzieren. Die EU-Kommmission gibt sich optimistisch. Ihr liegen Schätzungen vor, nach denen in Europa Bodenschätze im Wert von rund 100 Milliarden Euro lagern – allerdings in Tiefen von 500 bis 1000 Metern auf dem Festland und im Meeresboden. Der Rohstoff-Experte des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln, Hubertus Bardt, bezeichnet den Plan gegenüber der Deutschen Welle als einen wertvollen Schritt: “Er kommt etwas spät, aber wenn gelingt, was man sich vorgenommen hat, ist Europa auf einem richtigen Weg.” Man könne aber nur wettbewerbsfähig sein, wenn die Bodenschätze “zu verträglichen Kosten abbaubar sind”.

Elektroschrott besser recyceln

Dessen ist sich auch die EU-Kommission bewusst. Neue Technologien sollen deshalb helfen, die schwer zugänglichen Materialien günstig und effizient abzubauen. So könnte der Bergbau nach EU-Angaben durch Fernsteuerung und Automatisierung wettbewerbsfähiger und nachhaltiger werden. Zudem sollen Ersatzstoffe für natürliche Ressourcen entwickelt und Rohstoffe in elektronischen Geräten umweltverträglicher wiederverwertet werden. Schon wenige Zahlen verdeutlichen die Dringlichkeit von Recycling: Im Durchschnitt erzeugt jeder EU-Bürger pro Jahr 17 Kilogramm Elektroschrott. Bereits bis 2020 rechnet die EU mit einer Steigerung auf 24 Kilogramm.

Auch deshalb werden wohl alle EU-Staaten einer Innovationspartnerschaft grundsätzlich zustimmen. Konflikte drohen aber, wenn es um die konkrete Umsetzung und um Detailfragen geht. “Es ist leider jetzt schon so, dass nicht alle Länder an einem Strang ziehen”, sagt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament, Reinhard Bütikofer, der Deutschen Welle. Als Beispiel nennt er den Umgang mit Elektroschrott. Dies sei eigentlich eine großartige Rohstoffquelle, weil darin viele seltene Metalle enthalten seien, die man wiederverwerten könnte: “Und trotzdem wird Elektroschrott in großem Umfang illegal aus der EU exportiert, dann irgendwo verbrannt und entsorgt. Das vergiftet die Böden, zerstört die Gesundheit von Kindern in der Dritten Welt und die Rohstoffe gehen weitgehend verloren.” Dabei käme es nur darauf an, dass die Mitgliedsländer der EU die bestehende Gesetzgebung konsequent umsetzten – doch dies werde in den verschiedenen Staaten noch sehr unterschiedlich gehandhabt.

“China hat kein Rohstoffmonopol”

Bütikofer ist aber zuversichtlich, dass die Innovationspartnerschaft dazu führt, dass Europa nicht so leicht von China erpresst werden kann. Weil die eigenen Rohstoffe aber bei weitem nicht ausreichten, solle die EU mit anderen Förderländern in Afrika oder Südamerika faire Rohstoffpartnerschaften aufbauen. “Bei einigen seltenen Rohstoffen ist China sehr dominant, aber nur deswegen, weil Europa und auch die USA nichts dagegen unternommen haben. Es ist keinesfalls so, dass China ein Monopol hätte”, sagt Bütikofer. Auch der Rohstoffexperte Bardt glaubt, dass sich Europa nur mit ausländischer Hilfe aus der chinesischen Importfalle befreien könne. Die große Herausforderung sei, die Märkte offen zu halten, damit das Gleichgewicht zwischen Import und Export von Rohstoffen nicht gestört wird: “Das ist auch der große Streit mit China, das seine Märkte abschottet und versucht, Produktionen aus Europa und den USA ins Land zu holen.” In der letzten Zeit hatte die Regierung in Peking immer wieder versucht, ausländische Käufer zu zwingen, Rohstoffe bereits in China halbfertig zu verarbeiten. Damit würden die Chinesen eine größere Wertschöpfung in ihr Land holen. Auf Ebene der internationalen Handelsverhandlungen “muss Europa dagegenhalten”, fordert Bardt. Auch deswegen hofft die EU, dass sie durch die Erschließung eigener Rohstoffquellen eine bessere Verhandlungsbasis hat.

viaEuropas Kampf um Rohstoffe | Europa | DW.DE | 06.03.2012.

 

Die europäische Aussenpolitik ist zu moralisch

«Man kann mit Putin sehr viel machen»

Der einzige Kandidat, der einem jungen, aufstrebenden Russland im Ansatz eine Stimme hätte geben können, sei Michael Prochorow. Doch der Multimilliardär verfügt selbst nicht über einen lupenreinen Leumund, da er seinen Reichtum in den 90er-Jahren aus etwas dubiosen, nicht leicht zu durchschauenden Quellen anhäufte. Gemäss Hochrechnungen erreichte Prochorow einen Stimmenanteil von immerhin fast 10 Prozent.

Rahr betrachtet die Wahl von Putin auch als Chance: Denn der neue und ehemalige Präsident versuche sich durchaus dem Westen anzunähern und zeige sich kooperativer, als in den Medien vielfach hingestellt. «Die europäische Aussenpolitik ist zu moralisch», kritisiert Rahr, und sehe die Vorteile eines Bündnisses mit Russland nicht. Stattdessen werde versucht, Russland die eigenen Werte «überzupflanzen». Solche Belehrungen funktionierten aber weder in Russland noch in China. In Russland rufe dies vielmehr Erinnerungen an die zahlreichen europäischen Überfälle wach. Statt Belehrungen solle der Westen vielmehr auf eine «pragmatische Interessenspolitik» setzen.

Gross: Putin ist «ein Quell von Instabilität»

Für Wahlbeobachter Gross ist Putin nichts mehr als «ein Quell von Instabilität». Seine Anhänger würden nicht begreifen, dass Stabilität aus einer funktionierenden Demokratie entspringe und eine solche lasse Putin nicht zu. Gross rechnet damit, dass es in den nächsten 2 bis 3 Tagen zu grossen Demonstrationen gegen die Regierung kommen wird. Es sei gar möglich, dass diese blutig enden. Das hinge im Wesentlichen davon ab, ob die Regierung Putin eine Gegenbewegung überhaupt zulasse oder diese gleich von Beginn weg unterdrücke. «Wenn die Wahlbeobachter und zahlreichen Journalisten aus dem Ausland wieder abreisen, kann es gefährlich werden», sagt Gross.

viaHintergrund: «Die europäische Aussenpolitik ist zu moralisch» – News Ausland: Europa – tagesanzeiger.ch.

EU setzt auf “Schatzsuche” daheim

Rohstoffimporte werden teurer, die Staatskassen sind eher leer, und die Konjunkturprognosen für die Euro-Zone bzw. in der EU sind für dieses Jahr bescheiden. Brüssel will deshalb künftig verstärkt eigene Quellen anzapfen. Helfen sollen dabei moderne Technologien, die es ermöglichen, tiefer in die Erde vorzudringen, wie die EU-Kommission mitteilte.Laut Brüssel lagern in Europa Rohstoffe im Wert von rund 100 Milliarden Euro in Tiefen zwischen 500 und 1.000 Metern unter der Erde. Automatisierung und ferngesteuerte Maschinen sollen es längerfristig ermöglichen, diese Vorkommen zu erschließen. Außerdem soll die Rückgewinnung wertvoller Rohstoffe aus Elektroschrott forciert werden. „Wir müssen unsere Kräfte bündeln, um Europas enormes Potenzial an Rohstoffen auszuschöpfen“, sagte EU-Industriekommissar Antonio Tajani.90 Millionen Euro Förderungen pro JahrEinem Vorschlag der Kommission vom Mittwoch zufolge sollen die EU-Mitgliedsstaaten, Unternehmen und Wissenschaftler in einer Innovationspartnerschaft zusammenarbeiten. Insgesamt stünden für die Initiative ab 2014 insgesamt 90 Millionen Euro pro Jahr bereit, sagte Tajani. Eine solche Partnerschaft könne auch wesentlich die Abhängigkeit Europas von Importen verringern.Fundgrube ElektroschrottUm die Entwicklung zu beschleunigen, schlug die Kommission konkrete Ziele vor, die bis 2020 erreicht sein sollten. Dazu zählen Pilotprojekte etwa in der Rohstoffgewinnung, mehr Effizienz beim Materialeinsatz sowie ein Netz von Forschungszentren. Auch Recycling sei entscheidend: Nach Angaben der Kommission produziert jeder EU-Bürger im Durchschnitt pro Jahr 17 Kilogramm Elektroschrott. Bis 2020 werde diese Zahl auf 24 Kilogramm steigen.Zu den knappen Rohstoffen zählen vor allem die seltenen Erden, die für Elektromobilität, Windenergie, Katalysatoren, Informations- und Kommunikationstechnik unerlässlich sind. China verfügt über ein Drittel der Vorkommen weltweit und versorgt den Weltmarkt zu 97 Prozent. Seit 2009 beschränkt Peking allerdings die Exporte.Deutsche Industrieriesen starten InitiativeVor allem die deutsche Industrie will sich auf den Weltmärkten stärker in Stellung bringen und den Aufbau einer „Allianz zur Rohstoffsicherung“ auf die Beine stellen. Zweck ist die Beteiligung an Rohstoffprojekten im Ausland. Zu den zwölf Gründungsfinanziers gehören die Chemieriesen BASF und Bayer, die Autobauer Daimler und BMW, der Zulieferer Bosch und der Stahlkonzern ThyssenKrupp.Deutschland hat von den 27 EU-Staaten den größten Bedarf an Rohstoffen, zahlreiche unverzichtbare metallische Primärrohstoffe müssen, wie in anderen europäischen Ländern auch, bisher zu 100 Prozent importiert werden.

viaEU setzt auf “Schatzsuche” daheim – news.ORF.at.

Europas Privatpleitiers und Insolvenztouristen

Während bei der Zahl der Privatinsolvenzen im Jahr 2010 noch ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen war, sind die Pleiten bei Privatpersonen im Jahr 2011 – als die Schuldenkrise teilweise aus dem Ruder zu laufen drohte – zurückgegangen. In den Volkswirtschaften, die eine entsprechende Statistik zu Privatinsolvenzen führen, wurden insgesamt 1,5 Prozent weniger Privatinsolvenzverfahren gezählt als im Vorjahr. Insgesamt wurden 373.284 Fälle erfasst. Das entspricht in absoluten Zahlen einem Minus von rund 5.800 Personen.Insgesamt hat sich die Lage an den europäischen Arbeitsmärkten in der zweiten Jahreshälfte 2011 eingetrübt. Bedingt durch die konjunkturelle Abkühlung in einigen aufstrebenden Volkwirtschaften sowie die strukturellen Anpassungen infolge der Staatsschuldenkrise stieg die Arbeitslosigkeit in vielen Volkswirtschaften Europas spürbar an.Hauptauslöser für private ÜberschuldungArbeitslosigkeit und unverantwortliches Konsumverhalten stellen die Hauptauslöser für eine Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit dar. Dementsprechend nahm die Zahl der Privatinsolvenzen 2011 in einer Vielzahl europäischer Staaten zu.Den stärksten Zuwachs an zahlungsunfähigen Verbrauchern verzeichneten im Vergleich zu 2010 Frankreich plus 26,4 Prozent, gefolgt von den Niederlanden plus 26,0 Prozent und Finnland plus 19,7 Prozent. In absoluten Zahlen entfiel auf diese drei Volkswirtschaften ein Zuwachs an Privatinsolvenzen um ca. 15.300 Personen.Der Trick mit dem Umzug in den NachbarstaatNeben konjunkturellen Faktoren spielte vermutlich auch eine Rolle, dass Verbraucher in einen benachbarten EU-Staat ziehen, um sich dort einem Insolvenzverfahren zu unterziehen.Dieser Insolvenztourismus liegt vor allem darin begründet, dass eine Harmonisierung des Insolvenzrechts innerhalb der EU weiterhin ausbleibt. Folglich gestaltet sich die Durchführung der Insolvenzverfahren für Verbraucher höchst unterschiedlich – vor allem was die Dauer der Wohlverhaltensperiode, bis also eine Restschuldbefreiung erreicht wird, anbelangt.Die maßgeblichen Treiber für die rückläufige Entwicklung bei den Privatinsolvenzen sind die Bundesrepublik und Großbritannien. Allein in diesen beiden Staaten ging die Zahl der Pleitiers in absoluten Zahlen im Jahr 2011 um ca. 21.820 zurück. Die Zahl der Privatinsolvenzen in Deutschland fiel 5,8 Prozent geringer aus als im Vorjahr – insgesamt sind 129.800 Fälle 2010: 137.780 gezählt worden.Trotz Konjunkturlage bleibt Niveau der Privatinsolvenzen hochWie dem Creditreform Schuldneratlas 2011 zu entnehmen ist, hat die private Überschuldung mit der weiter aufhellenden Arbeitsmarkt- und Konjunkturlage in Deutschland abgenommen. Ein Wermutstropfen bleibt jedoch: Das Niveau der Privatinsolvenzen bleibt weiter hoch. Und es ist nicht davon auszugehen, dass Deutschland diese Zahl mittelfristig reduzieren kann.Mit der von sechs auf drei Jahre verkürzten Wohlverhaltensperiode wird die Zahl der Privatinsolvenzen voraussichtlich stark zunehmen. Eventuell ist in der durch diese Perspektive verursachte Zurückhaltung bei der Eröffnung eines Verfahrens auch ein Grund für den starken Rückgang der deutschen Insolvenzzahlen zu sehen.In Großbritannien ging die Zahl der Privatinsolvenzen in absoluten Zahlen um 13.840 Personen zurück. Prozentual entspricht dies einem Rückgang um 8,8 Prozent – dem größten Rückgang unter den europäischen Volkswirtschaften.Nichtsdestotrotz wurden in Großbritannien im dritten Jahr in Folge die meisten Privatinsolvenzen innerhalb Europas registriert. So mussten 2011 insgesamt 143.871 Briten den Gang zum Insolvenzgericht antreten – mit Abstand die höchste Zahl an Privatinsolvenzen in Europa 2010: 157.712.Großbritannien: Leben auf Pump an der TagesordnungGrund für dieses äußerst hohe Niveau: Das Leben auf Pump ist in Großbritannien an der Tagesordnung. Kaum ein anderes Industrieland weist eine dermaßen hohe Verschuldung privater Haushalte auf Quelle: OECD.Auch im historischen Vergleich bereiten diese Zahlen Anlass zur Sorge: Gegenüber 2003 38.930 Fälle hat sich die Zahl der Fälle mehr als verdreifacht. Hinter diesem langfristigen Anstieg der Privatinsolvenzen stecken in erster Linie eine Neustrukturierung des Insolvenzrechts und die Einführung neuer Verfahren, die Verbrauchern die Anmeldung der Privatinsolvenz erleichtern und den Prozess bis zur Restschuldbefreiung wesentlich beschleunigen.

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