Rohöl: Die Lage an den internationalen Ölmärkten ist angespannt – Kein Land kann einen Ausfall Irans ersetzen – Saudi-Arabien hebt Preisziel auf 100 $ an
Rohöl ist der wichtigste Rohstoff der Welt – für die globale Wirtschaft ebenso wie in Bezug auf Umsatz und Liquidität an den internationalen Rohwarenmärkten. Rohöl hält die Weltwirtschaft am Laufen, sein Preis ist Konjunkturbarometer und Alarmsignal gleichermassen. Die magische Grenze liegt zurzeit bei 100 $ pro Fass der US-Sorte WTI. Analysten, Ökonomen und Staatschefs sind sich für einmal einig: Einen höheren Ölpreis können weder die in eine Rezession abgleitenden europäischen Länder noch die sich zögerlich erholenden USA verkraften.
Das Angebot in Rohöl ist zwar strukturell knapp, aber die Nachfrage ist im kühlen Konjunkturumfeld auch nicht überwältigend. Diese Fundamentalfaktoren würden Preise zwischen 80 und 90 $ nahelegen, die Marke von 100 $ wäre also kein Problem – wenn sich nicht die geopolitische Risikoprämie hartnäckig immer mehr in den Vordergrund drängte.
Handelsfinanzierung stockt
Der arabische Frühling mit einhergehenden Produktionsausfällen in Libyen hatte die Märkte im Frühjahr aufgeschreckt, die Notierungen haben sich in der Folge trotz genügend hoher Ölförderung nicht entspannt. Aber so richtig brenzlig wurde die Situation erst durch das atomare Säbelrasseln Irans und die Drohung einer Blockade der Strasse von Hormus, durch die 32% des weltweit auf dem Seeweg verschifften Öls sowie fast 30% des Flüssigerdgases transportiert werden. Gegendrohungen der USA, Sanktionen anderer Länder sowie Diskussionen um Embargos folgten umgehend. Dazu gesellte sich in den letzten zwei Wochen die Eruption von Problemen in Nigeria, das ebenfalls zu den Top Ten der Ölproduzenten gehört. Wahrlich keine angenehme Situation.
Die sich wegen anhaltender Krise und Misstrauen an den internationalen Finanzmärkten verknappende Handelsfinanzierung ist der Sache auch nicht dienlich. Französische Banken, traditionell wichtige Protagonisten der Handelsfinanzierung, leiden unter dem Vertrauensverlust der Investoren. Es fliessen ihnen deutlich weniger Mittel bspw. amerikanischer Geldmarktfonds zu. Sie müssen ihre Bilanzen entschlacken und fahren demzufolge auch ihre risikoreicheren Kreditengagements herunter.
Die Lage rund um die Versorgung der Weltwirtschaft mit Rohöl ist so angespannt wie schon lange nicht mehr. Die alte Feindschaft der zwei Opec-Giganten Iran und Saudi-Arabien ist aufgeflackert. Für Teheran sind die USA der «grosse Satan», Riad hingegen ist der wichtigste Verbündete Washingtons in der arabischen Welt. Iran warnt das Ölkartell allgemein und Saudi-Arabien im Besonderen davor, den Förderausstoss zu erhöhen, um die für den Westen schmerzhaften Folgen der Sanktionen gegen Teheran – sprich drastisch tiefere Ölexporte – zu lindern.
Seitens der Europäischen Union werden die Aussenminister nächste Woche nochmals über ein Embargo diskutieren und dessen Ausgestaltung festlegen, abgesegnet ist es im Prinzip. Die EU ist nach China der grösste Abnehmer iranischen Öls. Manche Stimmen fordern einen Aufschub um sechs Monate, um Zeit zu haben, alternative Öllieferanten zu finden.
Kapazitätsgrenze ist nah
Und genau dort liegt das Problem: Iran ist mit zurzeit noch rund 3,5 Mio. Fass pro Tag der fünftgrösste Ölproduzent (nach Saudi-Arabien, Russland, den USA und China) und die Nummer zwei der Opec sowie drittgrösster Exporteur weltweit. Kein Land kann einen Produktionsausfall Irans ersetzen – auch Saudi-Arabien nicht, das eifrig bekräftigt, seine Reservekapazitäten bei Bedarf auszuschöpfen und allenfalls gar 12,5 Mio. Fass pro Tag zu fördern, 2,5 Mio. Fass mehr als heute. Dann gäbe es allerdings keine freien Kapazitäten mehr, was die Ölmärkte in höchste Alarmbereitschaft versetzen würde.
Neben Saudi-Arabien verfügt kein anderes Land, zumindest nicht mittelfristig, über Reservekapazitäten. Zudem sind die Angaben zu Produktionsmenge und Kapazitäten nicht gesichert, manche Experten werfen den Saudis diesbezüglich Übertreibungen vor. Das Land gab am Montag an, den Ölpreis um 100 $ halten zu wollen, was deutlich höher ist als das letzte offizielle Preisziel um 75 $.
All diese Faktoren scheinen jedoch von den Märkten noch nicht vollumfänglich wahrgenommen zu werden. Dazu kommt die Unbekannte Israel: das Land will nicht in Reichweite nuklearer iranischer Waffen liegen und könnte präventiv agieren. Eine Entspannung der Lage ist nicht in Sicht.
Ölmultis dürften mehr ausschütten
Die Aktionäre der grossen multinationalen Öl- und Gaskonzerne können sich dieses Jahr wahrscheinlich freuen. Anhaltend hohe Ölpreise werden viel Geld in die Kassen der Unternehmen spülen, was diese wiederum veranlassen dürfte, die Ausschüttungen an die Anteilseigner zu erhöhen.
Im laufenden Jahr könnten sich zwar die Gaspreise angesichts des Booms beim Schiefergas in den USA und anderswo etwas abkühlen. Dagegen dürften die Ölpreise wegen der Spannungen zwischen dem Iran und den westlichen Industriestaaten sowie der Nachschubprobleme in Nigeria hoch bleiben.
Da hohe Preise derzeit auch hohe Geldschöpfung bedeuten, werden die Öl- und Gasmultis nach Ansicht der Analysten das Geld an die Aktionäre weitergeben. «Ein solider Cashflow sollte Spielräume geben, die Anleger mit Dividenden oder Rückkäufen zu belohnen», heisst es etwa bei Credit Suisse. Nach Ansicht der Deutschen Bank gibt es noch «viel Luft nach oben». Die Dividenden könnten im Branchendurchschnitt 5% steigen.
Der Konzern, der mittelfristig mit der höchsten Wahrscheinlichkeit die Dividenden erhöhen wird, ist nach Meinung der Analysten von Nomura Royal Dutch Shell. Das niederländisch-britische Unternehmen profitiere von seinen langfristigen Investitionen in Grossprojekte in Kanada und Katar. Für 2012 erwarten die Analysten für Shell eine Dividendenrendite von 5%.
Auch andere Öl- und Gasmultis wie Eni (6,3%), Total (5,9%) oder ConocoPhillips (4%) dürften im laufenden Jahr mit attraktiven Renditen glänzen. Selbst von BP wird erwartet, dass sie die nach der Katastrophe im Golf von Mexiko zeitweilig ausgesetzte Dividende erhöhen wird, weil die Folgekosten des Unglücks jetzt klarer bezifferbar werden. 2012 sollte nach Meinung der Analysten beim britischen Konzern eine Dividendenrendite von 4,2% drinliegen.
viaAktuelle Ausgabe – Finanz und Wirtschaft.