Reisen Erreger auf Mikroplastik durchs Meer?

Es wimmelt bedenklich: Unmengen winziger Kunststoffpartikel wirbeln in den Meeren umher und machen den Lebewesen zu schaffen. Nun haben deutsche Forscher eine weitere mögliche Bedrohung durch das Mikroplastik aufgezeigt: Sie entdeckten potenziell krankheitserregende Bakterien auf den schwimmenden Partikeln in Nord- und Ostsee. Sie wollen nun die mögliche Rolle des Mikroplastiks bei der Verbreitung von Erregern genauer untersuchen.

Bakterien mögen’s warm: Mit den steigenden Temperaturen im Rahmen des Klimawandels können sich die Mikroben in Nord- und Ostsee stärker vermehren. In den vergangenen Jahren waren darunter auch ausgesprochen problematische: Bakterien der Gattung Vibrio, die Durchfallerkrankungen oder schwere Entzündungen hervorrufen können. „Vibrionen sind Klimawandel-Gewinner, weil ihre Anzahl bei hohen Temperaturen in die Höhe schnellt“, sagt Gunnar Gerdts vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) auf Helgoland. Gerade in küstennahen Gebieten der Ostsee kam es in der Vergangenheit bei Hitzewellen immer wieder zu Krankheits- und auch Todesfällen, für die das Bakterium Vibrio vulnificus verantwortlich war.

Krankheitserreger an Bord?

Gerdts und seine Kollegen sind nun der Frage nachgegangen, ob sich diese Erreger auch auf einem vergleichsweise neuen Lebensraum breit machen: auf den Oberflächen der winzigen Plastikpartikel. Schon lange prangern Umweltschützer das Problem des Mikroplastiks an. Es handelt sich um Teilchen von unter fünf Millimetern Größe, die sich vor allem durch den Zerfall von Kunststoffen im Meer bilden. Auf den Partikeln können sich bekanntermaßen Lebewesen ansiedeln – Bakterien, Pilze und Algen bilden auf ihnen schleimige Schichten, sogenannt Biofilme. Enthalten sie aber auch die problematischen Vibrionen?

Um das zu klären, haben die AWI-Wissenschaftler an 62 Stationen in Nord- und Ostsee Wasserproben genommen sowie Mikroplastikpartikel gezielt von unterhalb der Wasseroberfläche abgefischt. Die Laboruntersuchungen zeigten: Bei 19 der insgesamt 185 Proben fanden die Forscher Vibrionen auf den Plastikpartikeln. Es handelte sich bei ihnen allerdings nicht um die schlimmsten Formen dieser Bakterien. Bei Vibrionen unterscheidet man neben Arten auch Genotypen, deren krankheitserregendes Potential unterschiedlich ist. Doch in jedem Fall scheint klar: Die Mikropartikel bieten diesen Mikroben Lebensraum.

Wachsamkeit ist angesagt

„Das zeigt das Potenzial auf, dass die Krankheitserreger möglicherweise auf den Partikeln hitchhiken, sich also per Anhalter innerhalb eines Ökosystems verteilen und auch darüber hinaus verbreiten können“, sagt Gerdts. „An der Nord- und Ostseeküste untersuchen die Landesuntersuchungsämter bereits exemplarisch Wasserproben hinsichtlich Vibrio-Spezies. Sollte sich in der Zukunft zeigen, dass mit Vibrionen aufgeladene Mikroplastikpartikel regelmäßig vorkommen, gibt das Anlass zur Sorge, da Biofilme allgemein höhere Bakterien-Dichten aufweisen als das Freiwasser“, sagt der AWI-Forscher.

Er und seine Kollegen wollen die Rolle der Partikel für die Anreicherung und mögliche Verbreitung dieser Bakterien nun noch genauer untersuchen. Eine wichtige Frage ist dabei, wie dicht die Partikel mit den Problem-Bakterien besiedelt sind. Denn bisher konnten die Wissenschaftler ausschließlich nachweisen, ob Vibrionen an den Mikroplastikpartikeln leben oder nicht. „In Zukunft wollen wir daher die Anzahl der Vibrionen auf den Plastikpartikeln zusätzlich mittels der sogenannten quantitativen Polymerase-Kettenreaktion bestimmen, die dann auch quantitative Vergleiche ermöglicht“, sagt Gerdts.

Quelle: Reisen Erreger auf Mikroplastik durchs Meer? – bild der wissenschaft

Hirnforschung: Fehlerhafte MRT-Software schürt Zweifel an Zehntausenden Studien

Hirnforscher greifen für die Auswertung von Magnetresonanztomographen auf Software zurück, die viel zu hohe Fehlerraten hat. Das haben Forscher jetzt ermittelt und entkräften damit möglicherweise rund 40.000 Studien.

Die am häufigsten genutzte Software zur Auswertung von funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI) weist offenbar viel zu hohe Fehlerraten auf, was Jahrzehnte an Hirnforschung entwerten könnte. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine Gruppe von Forschern um den Schweden Anders Eklund, wie dessen Universität von Linköping zusammenfasst. Sie überprüften die Analysemethoden der meistgenutzten Software-Pakete für die fMRI-Analyse (SPM, FSL, AFNI) und fanden Raten von sogenannten False Positives – also Hirnaktivität, wo gar keine war – die teilweise 70 Prozent erreichten. Akzeptabel und theoretisch zu erwarten seien jedoch lediglich 5 Prozent.

Hirnforschung von außen

Bei der funktionellen Magnetresonanztomographie werden Durchblutungsprozesse im Gehirn quasi live gefilmt, ohne dass dafür störend in den Körper eingegriffen werden muss, erklärt Spektrum der Wissenschaft. Weil sauerstoffreiches Blut andere magnetische Eigenschaften hat als sauerstoffarmes, können starke Magnetfelder die Sauerstoffsättigung in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns mit großer Auflösung sichtbar gemacht werden. Hirnforscher hatten diese Technik jahrelang als Segen verstanden und unzählige Untersuchungen dazu unternommen, welche Hirnareale bei bestimmten Tätigkeiten aktiv sind und daraus die unterschiedlichsten Schlüsse gezogen.

Wie die Wissenschaftler um Eklund nun erläutern, werden bei der fMRI-Forschung beispielsweise die 3D-Aufnahmen von 20 gesunden Probanden mit denen von 20 kranken verglichen, also beispielsweise Patienten mit Hirnverletzungen oder bestimmten Schädigungen. Die dabei gefundenen Unterschiede werden ausgewertet und Forschungsgrundlage. Eklund und seine Kollegen verglichen nun aber stattdessen die Aufnahmen des Ruhezustands von 20 gesunden Probanden mit denen von anderen 20, ebenfalls Gesunden. Die Software sollte dabei eigentlich keine statistisch signifikanten Unterschiede finden (also weniger als 5 Prozent), stattdessen seien aber 60 bis 70 Prozent herausgekommen.

Grund für die Fehler sind den Wissenschaftlern zufolge jene Algorithmen, die aus den einzelnen gemessenen Bildpunkten im dreidimensionalen Raum größere Cluster bildet. Werden zwischen solchen Clustern auf zwei Aufnahmen Unterschiede erkannt, heben sie Cluster hervor. An der Zuverlässigkeit und der Reproduzierkarbeit dieses Verfahrens hatte es schon vorher Kritik gegeben. So hatte Spektrum der Wissenschaft das Vorgehen einiger Forscher mit dem eines Revolverhelden verglichen, der wahllos auf ein Scheunentor schießt und danach Zielscheiben um die Einschlusslöcher malt, die am nächsten beieinander liegen. Andere Forscher hätten mit den etablierten Methoden auch schon Hirnaktivität bei einem toten Lachs festgestellt.

Rechenpower als Lösung

Eklunds Ergebnisse mit der mathematisch untermauerten Kritik wurden nun in der Wissenschaftspublikation Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht. Es sei möglich, dass ungefähr 40.000 Studien davon betroffen sind, erklärt der Forscher. Einige seien vor mehr als zehn Jahren durchgeführt worden und es sei nicht einmal klar, ob das dafür verwendete Datenmaterial noch existiere. Er selbst schlägt jedenfalls vor, die Software zur Auswertung auf weniger Hypothesen zu begründen und dafür mehr Rechenzeit zu veranschlagen. Dank moderner Grafikkarten könne die dafür benötigte Zeit inzwischen auf akzeptable Maße gesenkt werden.

Quelle: Hirnforschung: Fehlerhafte MRT-Software schürt Zweifel an Zehntausenden Studien | heise online

Der häufigste Tod der Österreicher: Krankes Herz und Krebs

Eine Analyse der Statistik Austria hat ergeben: Rund 70 Prozent der Österreicher, die im Vorjahr verstorben sind, litten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs

Rund vier von zehn Verstorbenen (44 Prozent) des Jahres 2015 hatten eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Konkret waren das 35.537 Menschen. An zweiter Stelle der Todesursachen verzeichnet die Statistik Austria Krebs, dem 20.349 Menschen (24,5 Prozent) zum Opfer fielen. Damit entfallen etwa sieben von zehn Sterbefällen auf diese beiden Gruppen.

Die übrigen Todesfälle verteilten sich im Vorjahr auf Krankheiten der Atmungsorgane (4.464 bzw. 5,4 Prozent), der Verdauungsorgane (2.855 bzw. 3,4 Prozent), auf sonstige Krankheiten (15.343 bzw. 18,5 Prozent) und nichtnatürliche Todesursachen (Verletzungen und Vergiftungen; 4.525 Personen bzw. 5,4 Prozent).

2015 starben in Österreich 83.073 Personen, davon 52 Prozent Frauen. Berücksichtigt man die wachsende Bevölkerung und ihre kontinuierliche demografische Alterung, so sank die Sterblichkeit in den vergangenen zehn Jahren altersstandardisiert um elf Prozent. Ausschlaggebend dafür war vor allem die Abnahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Lebensmitte

Zwischen Sterbealter und Todesursachen zeigt sich ein klarer Zusammenhang: So waren 2015 gut drei Viertel (77,6 Prozent) aller Verstorbenen 70 Jahre oder älter. Am häufigsten in dieser Altersgruppe sind Herz-Kreislauf-Krankheiten, gefolgt von Krebs sowie mit großem Abstand Krankheiten der Atmungsorgane und Ernährungs- bzw. Stoffwechselkrankheiten.

Rund ein Fünftel aller Todesfälle trat zwischen dem 40. und dem 70. Lebensjahr auf, wobei der Großteil davon auf Krebserkrankungen zurückzuführen war. Vier von zehn Sterbefällen in dieser Altersgruppe werden durch ein Karzinom verursacht. Weiters sind im mittleren Erwachsenenalter bereits die Herz-Kreislauf-Krankheiten als Todesursache von Bedeutung: Rund jeder fünfte Todesfall war darauf zurückzuführen.

Frühes Sterben

Bei Jugendlichen und Erwachsenen unter 40 Jahren, zusammen knapp zwei Prozent aller Sterbefälle, zählten Unfälle zur häufigsten Todesursache. Ebenfalls relativ häufig waren Suizide und Krebs.

Bei den wenigen Todesfällen von Kindern im Alter von ein bis unter zehn Jahren (69 Todesfälle bzw. 0,1 Prozent) waren neben Krebs, Transportmittelunfälle und Fehlbildungen die häufigsten Ursachen. Bei Säuglingen (259 Todesfälle bzw. 0,3 Prozent) führten Geburtskomplikationen und angeborene Fehlbildungen am öftesten zum Ableben. (APA, 6.7.2016)

Quelle: Der häufigste Tod der Österreicher: Krankes Herz und Krebs – Krankheit – derStandard.at › Gesundheit

Gefährlichen Folgen von Unterernährung

Millionen Kinder sterben jährlich an Unterernährung. Die britische Wissenschaftlerin Claire Bourke glaubt, dass bessere Ernährung allein die Tragödie nicht verhindern wird. Sie sieht in dem Problem eine Immunkrankheit.

Jedes Jahr sterben mehr als drei Millionen Kinder unter fünf Jahren an Unterernährung. Claire Bourke von der Queen-Mary-Universität in London ist der Ansicht, dass sich diese Tragödie nicht allein durch eine bessere Ernährung verhindern lässt. Sie betrachtet Unterernährung als Immunkrankheit und begründet dies unter anderem damit, dass die Betroffenen zumeist an einer Infektion sterben, nicht an einer Auszehrung. Unser traditionelles Bild von Unterernährung sei sehr oberflächlich, schreiben Bourke und ihre Kollegen in der Zeitschrift „Trends in Immunology“ (doi.org/10.1016/j.it.2016.04.003). Es sei das Bild von Menschen, die immer fragiler werden. Unterernährung sei aber mehr als ein zu geringes Körpergewicht und eine zu geringe Körpergröße. Sie führe auch zu Problemen mit dem Immunsystem, was die Betroffenen anfällig für Infektionen mache, so die Wissenschaftler weiter.

Allerdings ist derzeit noch nicht klar, was Ursache und was Wirkung ist. Ist das Immunsystem angeschlagen, weil es zu wenig Energie für seine Aktivitäten erhält, oder sind die Betroffenen unterernährt, weil ihr Immunsystem durch eine epigenetische Prägung aus der Schwangerschaft in Mitleidenschaft gezogen ist? Man weiß jedenfalls, dass sich die Ernährung der Vorfahren über solche Prägungen im Genom auch auf die Gesundheit der Nachkommen auswirkt.

Unterernährung ist mit einer Reihe immunologischer Probleme verbunden. Die Betroffenen haben weniger weiße Blutkörperchen, produzieren mehr entzündungsfördernde Botenstoffe, lassen mehr Keime durch ihre Haut und ihren Darm passieren und haben Probleme mit den Lymphknoten. Auch die Darmfunktion ist beeinträchtigt. Bourke und ihre Kollegen sind der Ansicht, dass sich Unternährung nur dann effizient beseitigen lässt, wenn auch etwas gegen diese immunologischen Probleme getan wird. Falls sie mit dieser Sicht recht haben, wäre für die Ausrottung des Hungers mehr nötig als größere Essensportionen. Die Vereinten Nationen haben sich offiziell zum Ziel gesetzt, bis zum Ende des 21. Jahrhunderts den weltweiten Hunger zu beseitigen.

Quelle: Gefährlichen Folgen von Unterernährung

Wenige Langzeitarbeitslose finden Job

Die Wirtschaft brummt, trotzdem haben Langzeitarbeitslose in Deutschland nur geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ein Trick schönt die Statistik.

Trotz der guten Konjunktur haben Langzeitarbeitslose in Deutschland nur geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Lediglich 13 Prozent der Langzeitarbeitslosen, die im vergangenen Jahr ihre Arbeitslosigkeit beendeten, hätten tatsächlich eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden, zitierten die Zeitungen der Funke Mediengruppe (Mittwochsausgaben) aus einer Antwort der Bundesagentur der Arbeit auf eine Anfrage der Linksfraktion. Der überwiegende Teil dieser Langzeitarbeitslosen sei einfach aus der Statistik gestrichen worden.

Danach wechselten im vergangenen Jahr 54 Prozent jener Langzeitarbeitslosen, die nicht mehr als arbeitslos erfasst wurden, offiziell in die Nichterwerbstätigkeit: 36 Prozent wurden als erwerbsunfähig eingestuft, elf Prozent wurden wegen fehlender Verfügbarkeit oder Mitwirkung gestrichen, hinzu kamen Sonderregelungen etwa zum Vorruhestand.

Den zitierten Angaben der Bundesagentur zufolge verharrt die Langzeitarbeitslosigkeit seit Jahren trotz des Aufschwungs auf hohem Niveau: Seit 2011 habe die Zahl der Arbeitslosen, die mindestens ein Jahr ohne Beschäftigung sind, nur um 2,7 Prozent abgenommen. Sie liege bei 1,04 Millionen.

„Erfolglosigkeit der Regierung“

Die Anfrage an die Bundesagentur hatte die Vizefraktionschefin der Linken im Bundestag, Sabine Zimmermann, gestellt. Zimmermann sagte den Funke-Zeitungen, die Zahlen belegten „die Erfolglosigkeit und Untätigkeit der Bundesregierung“. Zimmermann forderte eine Kehrtwende in der Arbeitsmarktpolitik, um mehr für Langzeitarbeitslose zu tun: „Es müssen ausreichend Gelder für Weiterbildung und gute öffentlich geförderte Beschäftigung zur Verfügung gestellt werden.“

Zudem müsse über Verpflichtungen für Arbeitgeber nachgedacht werden. Sie dürften nicht wie bisher aus Vorurteilen Langzeiterwerbslose bei Stellenbesetzungen nicht berücksichtigen. Die Arbeitsmarktexpertin warnte, eine Konzentration der Politik nur auf leichter vermittelbare Arbeitslose, die den Rest seinem Schicksal überlasse, sei „mehr als unsozial“.

Quelle: Wenige Langzeitarbeitslose finden Job

Algorithmische Moral: Wen soll das Roboterauto im Zweifelsfall opfern?

Roboterautos sollen die Zahl der Verkehrsopfer senken. In schlimmen Situationen aber müssen sie zwischen mehreren Übeln wählen. Nur wie? Forscher zeigen, wie janusköpfig wir denken.

Die Fürsprecher autonom fahrender Autos führen ein großes Versprechen im Munde: Wenn einmal Computer selbständig Fahrzeuge steuern, dann kann das Gros der Verkehrsunfälle vermieden werden. Weniger Menschen würden verletzt oder gar getötet. Manche Berechnungen gehen davon aus, dass bis zu 90 Prozent aller heutigen Unfälle mit autonomen Autos vermeidbar sind. Auf diesem Hoffnungsszenario liegt ein Schatten, nachdem vergangene Woche bekannt wurde, dass ein Fahrer eines Tesla-Autos tödlich verunglückte, der dem Autopiloten seines Fahrzeugs vertraut hatte.

Unabhängig von diesem Todesfall stellt das Konzept autonom fahrender Autos Computer und Algorithmen vor Entscheidungen, die bisher Menschen treffen müssen – und die in Dilemmas enden können. Das verdeutlicht ein unlängst in der amerikanischen Wissenschaftszeitschrift „Science“ erschienener Artikel.

Der Schutz anderer Verkehrsteilnehmer ist wichtig

Für den Beitrag haben amerikanische und französische Wissenschaftler in sechs nicht-repräsentativen Online-Befragungen im vergangenen Jahr rund 2000 Amerikanern mit unterschiedlichen Fragestellungen konfrontiert. Obwohl die Befragungen unterschiedlich ausgestaltet waren, drehten sie sich im Kern immer um eine Frage: Ob es moralischer wäre, wenn ein autonom fahrendes Auto einen oder auch mehrere Fahrzeuginsassen tötet, um so eine höhere Zahl an Menschenleben außerhalb des Fahrzeugs zu retten? Über alle Befragungen hinweg entschied eine Mehrheit der Teilnehmer, dass der Schutz Außenstehender wichtiger sei. Doch variierten die Zustimmungsraten in den einzelnen Befragungen beträchtlich, je nachdem wie die exakte Fragestellung lautete.

So stimmten zum Beispiel 76 Prozent der rund 180 Teilnehmer der ersten Befragung der Aussage zu, dass es durchaus moralischer sei, wenn ein autonomes Auto einen Fahrzeuginsassen tötet, um zehn Fußgänger zu retten. Später wurden diese Befragten darum gebeten, auf einer Skala von 0 bis 100 anzugeben, ob autonome Autos so programmiert sein sollten, dass sie den Fahrer schützen (0) oder dass sie die Zahl der Todesfälle minimieren (100). Das Medianergebnis lautete dabei 85 – 50 Prozent der Befragten tendierten also deutlich dafür, dass autonome fahrende Autos die Zahl der Todesfälle minimieren sollten.

Kommen Verwandte ins Spiel, wird es kompliziert

In einer zweiten Befragung mit nunmehr 450 Teilnehmern passten die Wissenschaftler sodann die Zahl der Opfer außerhalb des Autos an: Je nach Frage, variierte sie zwischen eins und einhundert. Wenn lediglich ein Menschenleben außerhalb des Autos gerettet werden sollte, waren nun gerade einmal noch 23 Prozent der Befragten dafür, dass der oder die Fahrzeuginsassen geopfert werden sollten. Stieg die Opferzahl außerhalb des Fahrzeug, stieg aber auch wieder die Zustimmung dafür, stattdessen die Fahrzeuginsassen zu opfern und erreichte schnell die Werte der ersten Befragung.

In einer dritten Umfrage stießen die Wissenschaftler dann auf ein Dilemma: Sie wollten von den Teilnehmern unter anderem wissen, wie wahrscheinlich es ist, dass sie sich selbst für eines von zwei verschiedenen autonom fahrenden Autos entscheiden: eines, das die Fahrzeuginsassen schützt, und eines, das die Zahl der Opfer außerhalb minimiert. Dabei stellte sich heraus, dass die Befragten generell immer noch dafür waren, dass ein autonom fahrendes Auto die Zahl der Todesopfer minimieren sollte. Wenn sie oder ihre Familienmitglieder aber selbst in einem solchen säßen, entschieden sie sich im Mittel häufiger für das Fahrzeug, das die Insassen schützt.

Die vierte Umfrage bestätigte diese Einstellung. Darin gaben die Wissenschaftler nun die Programmierung des Autos vor: Wenn Fußgänger auf der Straße wären, würde das Auto diesen stets ausweichen und damit womöglich die Fahrzeuginsassen oder aber unbeteiligte Fußgänger am Straßenrand gefährden. Außerdem variierten sie die Zahl der möglichen Todesopfer außerhalb des Fahrzeugs. Generell bewerteten die Teilnehmer dieser Umfrage nun wieder jenen Algorithmus positiv, der dazu führt, dass ein unbeteiligter Fußgänger am Straßenrand getötet wird, um zehn Menschen auf der Straße zu retten. Weniger Zustimmung erhielt aber jener Algorithmus, der lediglich einen unbeteiligten Fußgänger opfern würde, um einen Menschen auf der Straße zu retten. Der Algorithmus jedoch, der seinen Fahrer opfern würde um zehn Menschen auf der Straße zu retten wurde gemischt eingeschätzt.

Ein Trittbrettfahrer-Problem

In Punkto allgemeiner Moral bewerteten ihn die Befragten sehr positiv. Sie waren auch dafür, dass andere Nutzer autonomer Autos genau diesen Algorithmus verwenden sollten. Wenn es aber darum ging, selbst ein so programmiertes Auto zu kaufen, sank die Zustimmung. Das zeige dreierlei, schreiben die Autoren des „Science“-Beitrags. Zwar befürworten die Befragten autonome Autos, die die Zahl der Todesfälle minimieren und dafür womöglich den Fahrer opfern. Sie fänden auch gut, wenn andere Verkehrsteilnehmer solchermaßen programmierte Autos fahren würden. Aber für sich selbst würden sie sie eben nicht in Erwägung ziehen.

Die Autoren sehen in dieser Reaktion ein klassisches gesellschaftliches Dilemma, das auf dem Feld der Trittbrettfahrer-Theorie fußt. Jeder potentielle Nutzer eines autonomen Autos, das die Zahl der Todesfälle minimieren soll, habe die Versuchung, es eben gerade nicht zu nutzen. So komme es dazu, dass das gesellschaftlich bestmögliche Ergebnis nicht eintrete, nämlich die Verletzten und Toten im Straßenverkehr zu reduzieren.

Regulierung stößt an Grenzen

Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte Regulierung sein, dass also der Gesetzgeber vorgibt, wie ein autonomes Auto programmiert sein muss. In ihren beiden abschließenden Befragungen erkundeten die Wissenschaftler daher, wie die Teilnehmer zur Regulierung stehen. Es stellte sich unter anderem heraus, dass die Neigung sehr gering ist, ein autonom fahrendes Auto zu kaufen, für das der Gesetzgeber vorschreibt, dass es den Fahrer opfert, um Außenstehende zu schützen. Die Autoren schließen daraus, dass Regulierung für autonom fahrende Autos zwar notwendig sei aber auch kontraproduktive Folgen zeitigen könnte. Insbesondere seien Regulierer mit zwei Schwierigkeiten konfrontiert. Auf der einen Seite scheinen die Menschen autonom fahrende Autos nicht zu wollen, die die Zahl der Menschenleben minimieren und dafür womöglich den Fahrer opfern. Schlimmer wiegt aber laut den Wissenschaftler, dass genau diese Art der Regulierung die Einführung der autonomen Autos verhindert, obwohl sie ja eigentlich Menschenleben retten soll. Es liege daher in der Verantwortung des Gesetzgebers sowie der Autohersteller, diese Hürde aus dem Weg zu räumen.

Dass das nicht einfach wird, ist den „Science“-Autoren bewusst. „Herauszufinden, wie eine ethisch handelnde autonome Maschine gestaltet sein muss, ist eine der größten Herausforderungen, vor der die Forschung an künstlicher Intelligenz heute steht. Doch weil wir anfangen Millionen Autos mit Autonomie auszustatten, ist es dringend nötig, dass wir uns über algorithmische Moral Gedanken machen.“

Quelle: Algorithmische Moral: Wen soll das Roboterauto im Zweifelsfall opfern? – Wirtschaftspolitik – FAZ

Schweden: Erneut Dutzende sexuelle Übergriffe auf Musikfestivals

Auf Musikfestivals in Schweden sollen erneut mehrere Männer junge Frauen begrapscht haben. Es gab Dutzende Anzeigen, auch Vergewaltigungen wurden gemeldet.

Die Übergriffe erinnern an die Kölner Silvesternacht: Auf mehreren Musikfestivals in Schweden hat es laut schwedischen Medienberichten sexuelle Übergriffe auf Mädchen und Frauen gegeben. Allein nach dem Festival „Putte i Parken“ am Wochenende in Karlstad habe es bislang rund 25 entsprechende Anzeigen gegeben. Das jüngste Opfer ist demnach gerade einmal 12 Jahre alt.

Im Gedränge vor der Bühne hätten junge Männer sie aus einer Gruppe heraus am Hintern betatscht, berichtete etwa eine 17-Jährige der Zeitung „Göteborgs Posten“. Als sie sich umdrehte, habe sie nicht sicher sagen können, wer sie belästigt habe. Dann habe sie begonnen zu schreien. Der Vater eines Mädchens schilderte Sveriges Radio, wie er mitbekam, dass ein Mann seiner Tochter in den Schritt packte.

Bei zwei Festivals nahe Norrköping und Växjö soll es in den vergangenen Tagen zudem nicht bei Belästigungen geblieben sein. Wie unter anderem die schwedische Zeitung „Svenska Dagbladet“ berichtet, wurden auf dem Bråvalla Festival fünf Vergewaltigungen angezeigt, zudem soll eine 19-Jährige auf dem Säljerydsfestival vergewaltigt worden sein.

Ähnliche Übergriffe hatte es bereits in vergangenen Jahren auf Festivals gegeben. Erst zu Beginn des Jahres hatte die schwedische Polizei einräumen müssen, mehrere sexuelle Übergriffe durch mutmaßlich ausländische junge Männer bei Musikfestivals heruntergespielt zu haben. Polizeichef Dan Eliasson argumentierte damals in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE: „Es ist egal, ob die Täter Afghanen waren oder nicht.“

Ein Polizeisprecher mutmaßte laut „Svenska Dagbladet“ zu den nun angezeigten Übergriffen, dass inzwischen mehr Mädchen und Frauen die Übergriffe auch meldeten. „Früher hat man es vielleicht nicht gewagt“, sagte er demnach. Das „Peace and Love“-Festival in Borlänge, das am Donnerstag startet, hat nach den jüngsten Vorfällen im schwedischen Staatsfernsehen jedenfalls nun angekündigt, die Sicherheitsmaßnahmen zu verstärken.

Quelle: Schweden: Erneut Dutzende sexuelle Übergriffe auf Musikfestivals – SPIEGEL ONLINE

Musikfestivals in Stockholm: Schwedens Polizei vertuschte sexuelle Übergriffe

„Wir hätten die Informationen veröffentlichen müssen“: Die Polizei in Schweden hat eingeräumt, mehrere sexuelle Übergriffe durch mutmaßlich ausländische junge Männer bei Musikfestivals heruntergespielt zu haben. Ministerpräsident Stefan Löfven spricht von einem „doppelten Betrug an jungen Frauen“.

Die schwedische Polizei hat eine Vertuschung von sexuellen Übergriffen durch mutmaßlich ausländische junge Männer eingeräumt. Bei Musikfestivals in Stockholm im August 2014 und 2015 habe es insgesamt 38 Anzeigen wegen sexueller Übergriffe gegeben, in zwei Fällen wurden Vergewaltigungen zur Anzeige gebracht, gaben die Behörden am Montag bekannt.

„Wir hätten die Informationen veröffentlichen müssen“, sagte ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur AFP. Doch tatsächlich hatte die Polizei nach den Festivals jeweils nur mitgeteilt, es habe „angesichts der vielen Teilnehmer relativ wenige Delikte und Festnahmen gegeben“. Wie viele Verdächtige tatsächlich festgenommen wurden, sei nie festgehalten worden. Es ist zu keiner Verurteilung gekommen.

Die Zeitung „Dagens Nyheter“ zitierte aus einem Polizeibericht, der Verdacht habe sich gegen eine Gruppe von rund 50 jungen Asylbewerbern aus Afghanistan gerichtet. Wegen der großen Menschendichte seien die Ermittlungen schwierig gewesen.

Schwedens Ministerpräsident Stefan Löfven reagierte erbost auf die Enthüllung. Er empfinde eine „große Wut“, dass junge Frauen nicht auf ein Musikfestival gehen können, „ohne belästigt oder angegriffen zu werden“. Dass die Polizei die Vorfälle unter den Teppich gekehrt habe, sei „ein Problem der Demokratie für unser Land“.

Es handle sich „um einen doppelten Betrug an diesen jungen Frauen“, sagte er der Zeitung „Expressen“. Zum einen seien die Übergriffe nicht angemessen verfolgt worden. Zum anderen habe die Polizei nicht über diese Probleme informiert.

Laut „Guardian“ waren rund 170.000 Besucher auf dem fünftägigen Festival, sie sollen hauptsächlich zwischen 13 und 19 Jahren alt gewesen sein. Polizeichef Dan Eliasson versprach auf einer Pressekonferenz eine vollständige Untersuchung. In dem Bericht wird auch ein Sprecher der Polizei in Stockholm zitiert: „Natürlich war das ernst“, sagte demnach Varg Gyllander. Es seien zu viele Fälle gewesen – aber gemessen an der Anzahl der Besucher des Festivals auch nicht übermäßig viele. Dass die Übergriffe nicht öffentlich gemacht wurden, sei keine geplante Vertuschung gewesen, sondern „Selbstzensur“ einzelner Beamter. „Es gibt Polizeimitarbeiter, die aufgrund der aktuellen Flüchtlingsdebatte Sorgen davor haben, über diese Dinge zu sprechen.“

Der Fall aus Schweden erinnert an die sexuellen Übergriffe in Köln Ende Dezember: Dort hatte die Polizei noch in der Silvesternacht zunächst von einem ruhigen Abend gesprochen. Inzwischen sind bei der Polizei mehr als 500 Anzeigen eingegangen, Polizeipräsident Wolfgang Albers wurde in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Zuletzt warf Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger der Kölner Polizei schwere Fehler vor. Dabei verwies er unter anderem auf die Art und Weise, wie die Öffentlichkeit von der Polizei über die Ermittlungen informiert wurde.

Quelle: Spiegel online