Ausländer in Japan: Honne oder Tatemae?

Aufgrund der Vergreisung der Bevölkerung werden ausgerechnet von der nationalistischen Regierung mehr Ausländer ins Land gelassen, es fehlen Arbeiter, während die Akademiker-Arbeitslosigkeit hoch ist

Ironischerweise wird es der Amtszeit des rechtskonservativen japanischen Ministerpräsidenten Shinzō Abe beschieden sein, eine soziale Revolution in Gang gesetzt zu haben, die das Selbstverständnis der Japaner erschüttern könnte. Ausgerechnet unter seiner Regierung erlebt das traditionell isolationistische und fremdenskeptische Land einen bisher nie gekannten Zustrom von Ausländern. Ihre Zahl ist seit dem Amtsantritt Abes vor fünfeinhalb Jahren geradezu explodiert.

Diese Politik entstammt weniger einer pragmatischen Einsicht oder einer plötzlichen Wandlung der regierenden rechtsnationalistischen Liberaldemokratischen Partei, kurz LDP. Vielmehr war es eine pragmatische, wenn auch desperate Entscheidung, zu der die Regierung gedrängt wurde: Japans Bevölkerung schrumpft derart rasch, dass dem Land Arbeitskräfte ausgegangen sind.

In einer für die japanische Ausdrucksweise typisch vagen Wortwahl meinte der Staatschef demnach, dass eine weitere Öffnung, vor allem für unqualifizierte Arbeiter zwar unabdingbar sei, allerdings mit der Einschränkung, dass es diesen Menschen verwehrt bleiben werde, Teil der japanischen Gesellschaft zu werden. Nach einer festgelegten Periode müssten sie wieder in ihre Länder zurück. Diese Periode wurde erst kürzlich von drei auf maximal fünf Jahre ausgedehnt, eine geplante Gesetzesnovelle wird unter bestimmten Kriterien zusätzliche fünf Jahre erlauben.

Bei der Migrationspolitik entschied man sich für eine „japanische Lösung“. Das soziale Konzept von Honne und Tatemae bezeichnet in Japan den Kontrast zwischen den eigenen persönlichen Gefühlen, Wünschen und den Äußerungen und dem Benehmen nach außen, also der Fassade, die von der Gesellschaft erwartet wird. Das ist das stets freundliche japanische „Gesicht“ in der Öffentlichkeit.

Im weitesten Sinne dient dieser Verhaltenskodex der Erhaltung der gesellschaftlichen Harmonie. In diesem Geiste werden nun unqualifizierte Gastarbeiter in großer Zahl ins Land geholt, ohne diese als solche zu bezeichnen und ohne sich seitens der Regierung einer öffentlichen Debatte über Einwanderung stellen zu müssen. Dass ausgerechnet nationalistische Politiker, allen voran der Premierminister Shinzō Abe, diese Diskussion unterdrücken, zeugt von der puren Not, die sie antreibt. Offiziell verbietet die Regierung Ausländern, unqualifizierte Tätigkeiten auszuüben, eingeladen werden ausschließlich hochqualifizierte Fachleute für eng definierte Industriesparten.

Die meisten der Neuankömmlinge stammen aus China, gefolgt von Vietnam, Philippinen und Nepal. Junge Nepalesen fallen aufgrund ihres Äußeren besonders auf. Die meisten kommen mit einem Studentenvisum ins Land. Schon in ihrer Heimat müssen sie sich verpflichten, in Japan einen Sprachkurs zu absolvieren, der aus eigener Tasche zu bezahlen ist. Nach dem Unterricht, so der Deal der Rekrutierungsfirmen, können sie sich bis in späte Abendstunden und am Wochenende in Fabriken und Betrieben als „Trainees“ etwas dazu verdienen. Der Stundenlohn liegt zwischen 700 und 1000 Yen (5 bis 8 Euro). Davon sind die Sprachschule, die Wohnung und die Verpflegung zu bezahlen – keine leichte Aufgabe in einem Land mit deutlich höherem Preisniveau als in Westeuropa.

Weil sie offiziell als nicht angestellt gelten, sind sie rechtlos und auf das Wohlwollen ihrer Arbeitgeber angewiesen. Erst in April 2018 machten Fälle mehrerer Vietnamesen Schlagzeilen, die, statt wie vereinbart, bei einer Baufirma ausgebildet zu werden, zu Aufräumarbeiten an kontaminierten Orten in Fukushima oder gar am Gelände des havarierten Atomkraftwerks eingesetzt wurden. Dabei hatte die Firma ihre Gefahrenzulagen einbehalten. Andere vietnamesische Arbeiter berichteten von Misshandlungen, Zahlungsweigerung, wahllosen Kündigungen oder von vertuschten Arbeitsunfällen. Die Anzahl der Vietnamesen hat sich innerhalb von fünf Jahren vervierfacht und lag Mitte 2017 bei rund 230.000. Ähnlich ist die Entwicklung bei chinesischen Migranten. Diese tendieren allerdings dazu, selbst kleine Unternehmen, etwa Restaurants oder Geschäfte zu gründen.

https://www.heise.de/tp/features/Auslaender-in-Japan-Honne-oder-Tatemae-4158391.html

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