Rätselhafte Angriffe auf Kuba Wie Schallwaffen funktionieren

vom 30.09.2017

US-Diplomaten sollen auf Kuba Opfer von akustischen Angriffen geworden sein. Ist so eine Attacke überhaupt möglich? Was über Schallwaffen bekannt ist.

Der Vorwurf klingt wie der Stoff für einen Science-Fiction-Film: In Havanna auf Kuba werden angeblich mehr als 20 US-Diplomaten über Monate gezielt angegriffen – und das auf offenbar ausgesprochen hinterlistige Weise.

Die Betroffenen klagen alle unterschiedlich stark über verschiedene Symptome: Von Kopf- und Ohrenschmerzen über Schwindel bis hin zu Gehörverlust sowie Seh- und Schlafstörungen. Einige hätten sogar Gehirnerschütterungen erlitten und dauerhaft ihr Gehör verloren, hieß es von US-Seite.

Die Ursache für die Beschwerden sind noch nicht gefunden. Doch die Behauptung der Amerikaner wirkt wie aus einem James-Bond-Film der Zukunft. Ihre Diplomaten, die noch während der Amtszeit von Barack Obama wieder Beziehungen mit dem kommunistischen Inselstaat vereinbarten, könnten mit Schallwaffen angegriffen worden sein, glaubt man. Nun wurden mehr als die Hälfte des Botschaftspersonals von der Insel abgezogen.

Der Schallwaffen-These scheinen die Ermittler schon seit Ende 2016 nachzugehen. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass die Leiden der US-Diplomaten tatsächlich von Schallwaffen verursacht werden – was ist über die Technik bekannt?

 

Schmerz durch Schall

Physikalisch gesehen ist Schall eine sich ausbreitende, wellenförmige Schwingung. Bei einem Geräusch, wie es etwa entsteht, wenn man ein Buch zuschlägt, werden Luftmoleküle verdrängt und in Bewegung gebracht – Schallwellen entstehen. Werden mehr Luftmoleküle in Bewegung gebracht, weil das Buch sehr stark zusammengeschlagen wird, entsteht ein lauter Ton. Geschieht das eher sachte, werden weniger Moleküle verdrängt – der Ton ist leiser. Schall unterteilt sich in verschiedene Frequenzbereiche: Der für den Menschen hörbare liegt zwischen 16 Hertz und 20 Kilohertz – je nach Alter. Der Bereich drunter wird Infraschall genannt, der über 20 Kilohertz Ultraschall.

Dass Schall Schmerzen auslösen kann, weiß jeder. Bei sehr lauten Geräuschen schützt man seine Ohren reflexartig. Ab wann ein Geräusch als unangenehm und schmerzhaft empfunden wird, ist aber individuell unterschiedlich und hängt auch von der Frequenz ab. Messungen ergeben eine Unbehaglichkeitsschwelle bei Normalhörern zwischen 90 und 110 Dezibel, die Schmerzgrenze liegt etwa 20 Dezibel darüber.

Doch auch unabhängig von den Ohren hat Schall einen Einfluss auf den Körper. Gehörlose etwa spüren Bässe, obwohl sie die Musik selbst nicht hören können. Deshalb besuchen einige gerne laute Technoclubs. Ein sehr hoher Schalldruckpegel kann sogar Organe schädigen. So sterben bei nicht weit entfernten Explosionen manchmal Menschen durch einen Lungenriss.

Mit hörbarem Schall arbeiten Waffenentwickler schon länger: Im Einsatz bei US-Streitkräften und der Polizei ist die Long Range Acoustic Device (LRAD), eine Art Schallkanone. Bei dem Gerät handelt es sich um einen großen Lautsprecher, der sehr gezielt und über weite Strecken eingesetzt werden kann. So übermittelt die US-Polizei etwa Lautsprecherdurchsagen, die bis zu 500 Metern verständlich sein sollen. Das System, an das ein einfacher Mp3-Player angeschlossen werden kann, wurde 2009 bei nicht genehmigten Demonstrationen am Rande des G20-Gipfels in Pittsburgh eingesetzt.

Das LRAD erzeugt einen maximalen Schalldruckpegel von etwa 150 Dezibel. Zudem kann es einen schrillen Piepton abgeben, der bei kürzeren Abständen sehr schmerzhaft ist. So können Angreifer außer Gefecht gesetzt oder Demonstranten auseinandergetrieben werden. Werden Personen mit dieser Schallkanone beschossen, versuchen sie reflexartig ihre Ohren zu schützen. Ist man dem Geräusch länger ausgesetzt, drohen Hörschäden.

Das Gerät, das zunächst beschönigend als Kommunikationsmittel beworben wurde, wurde deshalb kürzlich von einem amerikanischen Richter als Waffe eingestuft. LRAD-Systeme haben zahlreiche Anwendungsbereiche: Derzeit werden sie auch auf Schiffen zur Abwehr von somalischen Piraten eingesetzt.

Wegen der entstehenden Lautstärke gilt es aber als sehr unwahrscheinlich, dass solche Systeme auf Kuba zum Einsatz kamen und für die Beschwerden verantwortlich sind.

Ultraschall gegen Infraschall

Interessanter für die These vom akustischen Angriff ist dagegen der nicht hörbare Bereich. Doch hier ist die Faktenlage bisher äußerst dünn. Bekannt ist zwar, dass in Militärlaboren an solchen Ideen geforscht wurde. Doch eine lautlose Schallkanone bezeichnen Fachleute wie etwa der Experimentalphysiker Jürgen Altmann von der Universität Dortmund als sehr unwahrscheinlich.

Im Ultraschallbereich sei es sehr schwer, Schallwellen mit hoher Frequenz über ein gewisse Entfernung durch ein Medium wie Luft zu transportieren. Denn diese Wellen werden von Luft wesentlich stärker aufgenommen, als solche mit niedrigeren Frequenzen. Zudem passen die zahlreichen beschriebenen Beschwerden bei den Diplomaten nicht zur Wirkung von Ultraschallwellen auf den Körper. Immerhin ist Ultraschall in der Medizin als relativ sanfte Diagnostik bekannt.

Doch Ultraschall kann durchaus auch unangenehme Folgen haben. Bekannt ist etwa das „Mosquito“-System: Hier sendet ein kleiner Kasten einen Piepton aus, der verhindern soll, dass sich Jugendliche an öffentlichen Plätzen treffen und es dort zu Lärmbelästigungen oder Vandalismus kommt. Das System nutzt den Effekt, dass mit dem Alter bestimmte Frequenzbereiche nicht mehr wahrgenommen werden – Menschen ab etwa 25 Jahren fühlen sich also nicht mehr belästigt. Doch für Jüngere wirkt der Ton äußerst nervig. Allerdings verwies der Akustikexperte Holger Schulze gegenüber der ARD darauf, dass bei Tests auch Ältere Beschwerden bekamen, die die Frequenzen eigentlich nicht mehr wahrnehmen.

Auch der ehemalige MIT-Experte Joseph Pompei äußerte sich skeptisch zum Ultraschall-Einsatz auf Kuba: „Damit es etwa zu einer Gehirnerschütterung kommt, hätte jemand den Kopf der Betroffenen in einen Pool tauchen müssen, der mit sehr leistungsfähigen Ultraschallwandlern ausgekleidet ist.“

Schmerzen im Ohr

Eine Waffe, die im Infraschallbereich arbeitet, ist zwar wahrscheinlicher, allerdings scheinen auch hier die beschriebenen Symptome nicht zu passen. Tieffrequenter Infraschall wird in unserer Umwelt von zahlreichen Quellen abgegeben. Dazu gehören Autos, Lkws und Industriebetriebe. Zwar kann Infraschall bei einem hohen Schalldruckpegel zu Schmerzen im Ohr führen sowie systemische Folgen wie Kopfschmerzen oder erhöhten Blutdruck hervorrufen. Aber die Symptome verschwinden, wenn der Infraschall verschwindet.

Solche Schallquellen sind technisch zudem nahezu nur unter Laborbedingungen zu erzeugen, bei denen der Effekt in einem luftdicht abgeschlossenen Raum auftritt. Dass die Angreifer solche Bedingungen in einem Hotel in Havanna schaffen können, ist sehr unwahrscheinlich. Zudem bräuchte es riesige Gerätschaften, die wohl nur schwer zu verbergen wären.

Zwar ist nicht auszuschließen, dass Waffen, die die beschriebenen Schäden verursachen könnten, existieren. Wahrscheinlicher ist aber, dass Umwelteinflüsse eine Rolle spielen. Sogenannte ototoxische Stoffe etwa haben einen giftigen Effekt auf das Innenohr. Sie wirken auf die Sinneszellen des Hör- und Gleichgewichtsorgans. Zu solchen ohrgiftigen Mitteln gehören einige Antibiotika aber auch Lösungsmittel und Schwermetalle.

Quelle: http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/schallwaffen-wie-funktionieren-schallkanonen-a-1170765.html

Advertisements

„Havanna-Syndrom“ Neuer Fall von mysteriöser Krankheit

Die Serie mysteriöser Erkrankungen, die offenbar nur Diplomaten und Diplomatinnen sowie Botschaftsangehörige aus Kanada und den USA in Kuba treffen, geht weiter. Vergangene Woche wurde erneut ein kanadischer Diplomat mit einer Gehirnverletzung unbestimmter Ursache in Kuba ins Krankenhaus eingeliefert. Die Hintergründe dieses „Havanna-Syndroms“ sind weiter unklar.

Es ist der 13. Fall des „Havanna-Syndroms“, der einen Mitarbeiter der kanadischen Botschaft in der kubanischen Hauptstadt Havanna betrifft, berichtet der kanadische Sender CBC. Kanada hat es seinen Botschaftsmitarbeitern freigestellt, auf eigenen Wunsch zurückzukehren. Bereits zuvor wurde ein Teil der Botschaftsmitarbeiter ausgewechselt. Die Regierung untersucht aktuell die Hintergründe der mysteriösen Erkrankung. Dahinter werden Angriffe vermutet, die laut offiziellen Stellen noch nicht näher erklärbar sind.

Bisher ist vor allem etwas über die Symptome bekannt, wenig über die Ursache. Betroffene berichten, dass sie bei Angriffen eine Art Druckwelle in ihrem Kopf spüren. Viele hören auch laute Geräusche, vergleichbar mit Zikaden, die sie innerhalb des jeweiligen Gebäudes verfolgen, beim Öffnen einer Tür nach draußen aber nicht mehr zu hören sind. Einige Betroffene beschreiben zudem eine Art unsichtbaren Energiering.

Die Opfer leiden im Anschluss unter anderem unter Kopfweh, Schwindel, Schlafstörungen und Tinnitus. Bei Untersuchungen wurden Verletzungen gefunden, die mit einem Schädel-Hirn-Trauma, wie sie Soldaten durch Bomben im Irak oder Afghanistan erleiden, vergleichbar sind, wie etwa Hirnschwellungen. Allerdings gibt es laut Ärzten keinerlei Anzeichen einer Verletzung oder eines Angriffs, so der „New Yorker“.

Erster Fall wurde Ende 2016 bekannt

Der erste Fall wurde Ende 2016 bekannt, schreibt der „New Yorker“. Ein CIA-Mitarbeiter und erfahrener Spion berichtete damals, dass er in seinem Haus in Kuba ungewöhnliche Geräusche in seinem Kopf und ein Druckgefühl gespürt habe, gefolgt von Kopfweh und Schwindel. Er wird als erfahrener Spion beschrieben, der auch darauf trainiert wurde, Gegenspionage zu erkennen. Im Gegensatz zu Russland oder China war körperliche Gewalt gegen Agenten in Kuba bis dahin allerdings nicht an der Tagesordnung.

Rund zehn Tage später meldete derselbe CIA-Agent einen weiteren Vorfall. Als Anfang Februar zwei weitere CIA-Agenten von vergleichbaren Symptomen berichteten, die sie in ihren Häusern erlebt hätten, begann die US-Regierung, die Fälle näher zu untersuchen. Sie rief die Mitarbeiter ihrer Botschaft in Kuba auf, sich untersuchen zu lassen – es kamen dabei immer mehr Fälle ans Tageslicht. Mittlerweile sind es über 20 gemeldete Fälle.

Viele CIA-Mitarbeiter betroffen

Vor allem CIA-Mitarbeiter waren zu Beginn von der sonderbaren Erkrankung betroffen, sie machten rund die Hälfte der bis Frühling 2017 gemeldeten 16 Fälle aus. Die Angriffe wurden bis dahin immer in den Wohnungen und Häusern der jeweiligen Opfer durchgeführt. Im April 2017 wurde schließlich auch ein Arzt im Auftrag der US-Regierung in einem Hotel in Kuba Opfer eines solchen Angriffs.

Im Sommer 2017 informierten die USA Botschaftsmitglieder anderer Staaten über die mysteriöse Erkrankung. Daraufhin meldeten sich die ersten Betroffenen aus Kanada, darunter ein Diplomat und seine Familie. Im März 2018 schließlich wurde der erste Fall aus China gemeldet, der jenen aus Kuba sehr ähnlich war.

Kanada reagierte auf die Angriffe, indem es die Botschaftsmitarbeiter an einem gemeinsamen, sicheren Ort statt vieler verstreuter privater Unterkünfte unterbrachte. Auch die USA brachten ihre mittlerweile deutlich reduzierten Botschaftsmitarbeiter in gesicherten Häusern unter. Zwischenzeitlich wurde sogar die Schließung der US-Vertretung überlegt, obwohl sich kurz zuvor die Beziehungen entspannt hatten.

Wer, warum und wie, ist unklar

Wie genau die Angriffe durchgeführt werden, ist ebenso unklar wie die Frage, von wem und warum. Offizielle Stellen aus den USA und Kanada geben an, dass die Angriffe nicht auf bisher bekannte Waffen oder Technologien zurückzuführen seien. Die erste Vermutung lautete, dass die Schäden durch Schallwaffen ausgelöst wurden, dann waren Mikrowellen im Verdacht. Diese sind aber eigentlich nicht präzise genug.

Die jüngste These lautet laut „New Yorker“, dass bestimmte Frequenzen oder elektromagnetische Impulse, die direkt durch das Ohr der Opfer eingetreten sind, für die Schäden verantwortlich sind. Im Innenohr lösen diese eine Art Blasenbildung aus. Die Blasen können beim Explodieren entweder das Gleichgewichtsorgan beschädigen oder, sofern sie ins Gehirn gelangen, dort zu kleinen Schlaganfällen führen.

Kuba weist jede Verantwortung für die Vorfälle von sich und beteiligte sich an den Untersuchungen – ohne Erfolg. Vermutungen, dass Russland hinter den Angriffen steckt, haben sich nicht bestätigt. Mittlerweile beteiligt sich die US-Bundespolizei FBI neben dem CIA und dem Außenministerium an der Untersuchung – ebenfalls bisher ohne Erfolg.

 

Quelle: https://orf.at/stories/3103004/

Ein Urteil empört Griechenland

Nominell hat Griechenland die schlimmste Phase der Finanzkrise hinter sich – die Menschen leiden jedoch weiter stark unter radikalen Einsparungen und extremer Arbeitslosigkeit. In diesem Kontext sorgt der Fall einer Kindergartenputzfrau, die seit diesem Monat eine zehnjährige Haftstrafe absitzt, derzeit in Griechenland für besondere Aufregung.

Derzeit prüft der Oberste Gerichtshof des Landes den Fall und könnte das Urteil in diesen Tagen aufheben und an das Gericht erster Instanz zurückverweisen. Die 53-Jährige wurde verurteilt, weil sie das Volksschulzeugnis gefälscht hatte, als sie sich für den Job als Putzfrau im öffentlichen Kindergarten bewarb. Sie hatte angegeben, die gesamten sechs Jahre Volksschule absolviert zu haben, tatsächlich ging sie nur fünf Jahre in die Schule.

In einem ersten Urteil war die Frau vor zwei Jahren sogar zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Die Strafe wurde in einem Berufungsverfahren vor wenigen Wochen auf zehn Jahre herabgesetzt, unmittelbar danach musste sie die Haft im Gefängnis von Thiva in Zentralgriechenland antreten. Ihr Anwalt Giorgos Sinelis sprach von einem „übertrieben harten“ Urteil. Er beantragte ihre sofortige Entlassung für den Fall, dass das Urteil aufgehoben wird.

„Nicht nur inhuman“

Regierung und Opposition, Gewerkschaften und Menschenrechtsgruppen sind sich einig, dass die Justizentscheidung zu hart ist. „Die Entscheidung ist nicht nur inhuman“, wies die Griechische Liga für Menschenrechte auf ein grundsätzlicheres Problem hin: „Sie ist ein weiteres Zeichen für die andauernden Schwächen in der Strafjustiz.“

Die Frau hatte zuvor 18 Jahre in einem Kindergarten in der mittelgriechischen Hafenstadt Volos als Reinigungskraft gearbeitet. 2014 wurde im Zuge einer Prüfung bekannt, dass sie ihr Volksschulabschlusszeugnis gefälscht hatte. Der Pflichtschulabschluss erfordert in Griechenland sechs Jahre. Dieser ist wiederum Voraussetzung für eine Anstellung im öffentlichen Dienst.

„Damit sie ihre Familie erhalten kann“

„Sie hat nichts gestohlen. Sie hat kein Geld vom Staat unterschlagen. Sie hat für ihn gearbeitet, damit sie ihre Familie erhalten kann“, kritisierte die Gewerkschaft der Reinigungskräfte. Eine Onlinepetition, in der die Freilassung der 53-Jährigen, deren Name öffentlich nicht bekannt ist, sammelte binnen kurzer Zeit mehr als 20.000 Unterschriften. Die Empörung in Sozialen Netzwerken führte dazu, dass die Anklägerin am Obersten Gerichtshof, Xeni Dimitriou, entschied, sich den Fall anzusehen. In diesen Tagen wird eine Entscheidung erwartet.

„Sie brauchte den Job, um ihre zwei Kinder und ihren kranken Ehemann zu unterstützen. Sie musste Arbeit finden“, schilderte Verteidiger Sinelis laut griechischem Radio seine Mandantin. Ihr Ehemann sei behindert, fügte er hinzu.

In Waisenhaus aufgewachsen

Gegenüber der Regionalzeitung „Tachidromos tis Thesalias“ rechtfertigte sich die Frau, sie habe ihrer Familie helfen müssen. „Ich schäme mich, aber ich wollte, dass meine Kinder ein bessere Leben als ich haben“, zitierte die „New York Times“ Aussagen der Frau gegenüber der Regionalzeitung. „Ich hatte schreckliche Angst, dass sie in einem Heim aufwachsen so wie ich.“ Die Frau sagte, sie sei eines von insgesamt zehn Kindern und in einem Waisenhaus aufgewachsen.

Justizminister besuchte Inhaftierte

Laut griechischen Medienberichten gibt es zahlreiche ähnliche Fälle. Das Höchstgericht werde sich „Dutzende“ Fälle von Verurteilungen wegen des Fälschens von Zeugnissen ansehen, hieß es. Der seit September amtierende Justizminister Michalis Kalogirou besuchte die Inhaftierte am Freitag und machte damit die Kritik der griechischen Regierung am Urteil deutlich.

Die griechische Justiz leidet seit Jahren – so wie große Teil der Bevölkerung – unter den Folgen der zahlreichen Sparpakete. Die Gehälter wurden gekürzt, durch Pensionierung frei werdende Stellen wurden oft nicht nachbesetzt, wodurch der Arbeitsdruck zugleich stieg.

Quelle: https://orf.at/stories/3102058/

Ungewöhnliche Uran-Funde im Urin von Patienten

In Deutschland und in der Schweiz wurden Anfang 2017 außergewöhnlich hohe Mengen Uran im Urin mehrerer Patienten nachgewiesen. Woher der Stoff kam, ist bis heute rätselhaft. Eine Spurensuche.

Uran im Urin – „Wir konnten das nicht glauben!“
Als der Schweizer Arzt Thomas Carmine das Uran bei seinen Patienten nachwies, vermutete er zunächst einen Messfehler: „Wir konnten das nicht glauben!“. In den Monaten zwischen Februar und Mai 2017 hatte er 39 Patienten untersucht und in ihrem Urin dabei unüblich hohe Mengen Uran 238 nachgewiesen.* Die Werte waren acht bis zehnmal so hoch wie normal, so Carmine gegenüber dem SWR. Die Proben wurden von zwei unabhängigen Labors in den USA und in der Schweiz per Massenspektrometrie analysiert. Die Patienten wohnen verstreut in einem Gebiet, das große Teile der deutschsprachigen Schweiz abdeckt. Vor und nach diesem Zeitraum dagegen war kaum mehr Uran zu finden. Was war passiert?
Uranspuren auch in Deutschland
Das Rätsel wurde noch größer, als gleiche Resultate aus Deutschland auftauchten. Thomas Fischer, Präsident der Ärztegesellschaft für klinische Metalltoxikologie, konnte im Raum Düsseldorf in 250 Urinproben ebenfalls einen kontinuierlichen Anstieg von Uran im Urin feststellen – im gleichen Zeitraum! Sowohl die Schweizer als auch die Düsseldorfer Daten hat Thomas Carmine auch im Netz veröffentlicht.
Nun kommt Uran natürlich im Erdboden vor. Das radioaktive Element stammt aus der Entstehungszeit des Universums. In unseren Regionen sind die größten natürlichen Konzentrationen im Granit. Mehr als 99 Prozent dieses Natur-Urans bestehen aus dem Isotop Uran 238. Doch dieses natürliche Uran im Gestein ist für den Menschen nicht gefährlich.
Allerdings ist Uran ein sogenannter Alphastrahler. Er hat zwar nur eine sehr geringe Reichweite, dafür eine sehr hohe Energie. Wenn Uran vom menschlichen Organismus aufgenommen wird, kann es die Zellkerne mit den Erbinformationen schädigen.
Woher stammt das Uran, das 2017 im menschlichen Urin nachgewiesen wurde?
Die Suche nach dem Ursprung der ungewöhnlichen Uranfunde gestaltet sich wie ein Krimi. Immerhin gibt es verschiedene Mosaiksteine:

  • Der Schweizer Mediziner Carmine ist sicher: „Es muss irgendwie Anfang des Jahres eine größere Menge Uran insofern freigesetzt worden sein, dass Menschen das inkorporiert haben. Auf welchem Weg auch immer – sei es übers Trinkwasser, über die Nahrung oder über die Atmung. Ich denke mittlerweile, dass der Weg über die Einatmung der wahrscheinlichste ist, weil die regionale Verteilung sehr groß war.“
  • Eine entscheidende Rolle spielte offenbar auch das Wetter. Es herrschte damals nämlich eine ungewöhnlich lange austauscharme Wetterperiode. So konnten sich viele Schadstoffe, darunter Uran, in der bodennahen Luft anreichern. In der letzten Januarwoche und Mitte Februar 2017 entstanden windschwache Inversionswetterlagen. Dabei sind die oberen Luftschichten wärmer als die unteren und halten diese am Boden. Und genau in dieser Zeit fanden die Mediziner in der Schweiz und in Deutschland den uranbelasteten Urin.
  • Uranaerosole, die durch den Einsatz von Uranmunition freigesetzt werden. Uranmunition wird intensiv eingesetzt seit 1990 in weltweiten Konflikten. So auch im Irak, in Afghanistan, Lybien, der Ukraine und in Syrien. Bei einem Treffer mit dieser Munition beginnt das auf über 3.000 Grad Celsius erhitzte Metall zu brennen. So entsteht ein Uranoxid-Aerosol, eine Gaslösung mit feinen Uranpartikeln, die der Wind fortträgt und weiträumig verteilt.
  • Uranaerosole zum Beispiel aus dem Syrienkrieg können bis zu uns nach Mitteleuropa gelangen, sagt der Kernphysiker Martin Kalinowski. Er ist zuständig für weltweite Radioaktivitätsmessungen bei der „Organisation über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen“ mit Sitz in Wien. Diese radioaktiven Schwebeteilchen können beliebig lange in der Luft bleiben und lange Reisen vornehmen, sie können aber auch als Staub zur Erde fallen oder von Regen und Schnee herunter gewaschen werden. Das ist nach einer langen Trockenperiode wahrscheinlich mit dem Uran geschehen, das Anfang 2017 in der Schweiz und im Raum Düsseldorf im Urin von Menschen gefunden worden ist.

Weitere Uran-Quellen in unserem Lebensumfeld

  • Uran gelangt durch die Verbrennung von Kohle in die Luft
  • Europas gefährlichste uranhaltige Quelle für Flugasche sind die beiden Uralt-Braunkohlekraftwerke in der Nähe von Pristina im Kosovo. Die Weltbank bezeichnete das Werk „Kosova A“ bereits vor vielen Jahren als die „größte punktuelle Quelle für Umweltverschmutzung in Europa“ – die schlimmste Dreckschleuder auf dem Kontinent. Dessen Schadstoffausstoß, verteilt über riesige Gebiete, überschreitet die europäischen Grenzwerte bisweilen um das 70-Fache.
  • Uran steckt in den meisten Phosphatdüngern und gelangt so in Ackerboden und Trinkwasser
  • Seit Jahrzehnten sammelt sich in unseren Ackerböden Uran. Enthalten ist es in den meisten Phosphatdüngern. Die meisten natürlichen Phosphatvorkommen waren früher Meere, die dann ausgetrocknet sind. Im Meerwasser ist Phosphat und Uran drin. Wenn das austrocknet, gibt es Ablagerungen. Deshalb stecken in solchen natürlichen Phosphaten erhebliche Mengen an Uran.
  • Allein die deutsche Landwirtschaft hat bisher in all diesen Jahrzehnten um die 15.000 Tonnen Uran ausgebracht. Konservativ geschätzt. Ein Teil davon sammelt sich nicht in den Ackerböden, sondern gelangt ins Grundwasser gelangt und damit in unser Trinkwasser. Deswegen ist verseuchtes uranbelastetes Trinkwasser die wohl unmittelbarste Gefahr, die vom Uran ausgeht.

Quelle: swr.de

China macht Umerziehungslager offiziell

China hat die Existenz von Umerziehungslagern erst bestritten, nun sind diese per Gesetz offiziell gemacht worden – allen internationalen Protesten zum Trotz. Ein Gesetz in der Provinz Xinjiang erlaubt, Menschen in Trainingszentren „zu erziehen und zu transformieren“. Betroffen davon ist die muslimische Minderheit der Uiguren.

Grundlage der Legalisierung sei ein Beschluss des Parlaments des Autonomen Gebiets im Nordwesten der Volksrepublik, hieß es am Mittwoch. Das Gebiet gilt wegen der Spannungen zwischen den Uiguren und den Han-Chinesen als Konfliktherd.

2009 kam es zu Unruhen, später zu mehreren Terroranschlägen. Die Uiguren beklagen politische, wirtschaftliche und religiöse Unterdrückung, während ihnen die Chinesen Separatismus vorwerfen. Nach ihrer Machtübernahme 1949 in Peking hatten die Kommunisten die Region der Volksrepublik einverleibt, was auf Widerstand stieß.

Inhaftierung ohne Urteil

Das neue Gesetz erlaubt die Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren und die Indoktrination in den Lagern. „Durch ideologische Erziehung gegen Extremismus, psychologische Behandlung und Verhaltenskorrekturen soll die Transformation der Insassen gefördert werden, damit sie zur Gesellschaft und ihrer Familie zurückkehren können“, heißt es in Artikel 33. Neben berufsbildenden Maßnahmen sollen die Zentren auch Chinesisch sowie Recht und Gesetz unterrichten.

Menschenrechtsorganisationen und die UNO kritisierten die Masseninhaftierungen mehrfach scharf. Nach offiziell unbestätigten Berichten sollen Hunderttausende Menschen in den Lagern interniert sein. China bestritt lange deren Existenz und sprach von Berufsausbildungszentren. Es säßen meist Personen ein, die sich kleinerer Vergehen schuldig gemacht hätten. Europäische Diplomaten in Peking äußerten sich „sehr besorgt“ über die Lage in Xinjiang und verlangen Zutritt für ausländische Experten.

Warnung vor der „Pan-Halalisierung“

Parteifunktionäre der chinesischen Führung begannen in der Hauptstadt der Region, Ürümqi, auch eine Kampagne gegen Lebensmittel und Produkte, die von Muslimen als „halal“ und damit als „erlaubt“ eingestuft werden. Die Staatsanwaltschaft der Hauptstadt von Xinjiang rief „entschlossen zum Kampf gegen die ‚Pan-Halalisierung‘“ auf. Als „halal“ bezeichnen Muslime alles, was ihnen der Koran erlaubt. Nicht zulässig sind etwa Schweinefleisch und Lebensmittel, die aus Schweinefleisch hergestellt werden. Auch müssen Tiere auf eine bestimmte Weise geschlachtet werden, um als „halal“ zu gelten.

Schwur auf die Partei

Da Parteimitglieder und Beamte ohnehin nicht religiös seien, sei die Ernährung unproblematisch, befand die Staatsanwaltschaft von Ürümqi. Kantinen sollen „reformiert“ werden, damit alle „die Küche der verschiedenen ethnischen Gruppen probieren können“. In Chinas Staatsmedien stieß das Vorgehen auf Unterstützung. Indem vieles als „halal“ eingestuft werde, falle man leicht „in den Morast des religiösen Extremismus“, befand die Zeitung „The Global Times“.

Die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft von Ürümqi seien auch aufgefordert worden, in Sozialen Netzwerken einen Schwur zu verbreiten, der laute: „Ich bin ein treues Mitglied der Kommunistischen Partei. (…) Ich glaube an den Marxismus-Leninismus, nicht an eine Religion. Ich muss fest und entschlossen bis zum Tode gegen die ‚Pan-Halalisierung‘ kämpfen.“

Berichte über Folter und Todesfälle

Erst im September hatte sich das Europaparlament „zutiefst besorgt über die immer drakonischeren Unterdrückungsmaßnahmen“ gegen ethnische Minderheiten in China generell geäußert. Vor allem die muslimischen und turkstämmigen Uiguren und Kasachen würden verfolgt, in Internierungslager gesperrt und dort häufig gefoltert, stellte das Straßburger Parlament in einer Entschließung fest.

Die Abgeordneten verwiesen auf Meldungen über den Tod mehrerer Uiguren in Umerziehungslagern. Besonders besorgniserregend seien zudem die Maßnahmen der chinesischen Regierung zur „umfassenden Überwachung“ in Xinjiang, der Heimat von rund elf Millionen Uiguren und Kasachen, hieß es weiter. Dazu greife man auf GPS-Ortung von Fahrzeugen und Gesichtserkennungsscannern an Kontrollpunkten, Bahnhöfen und Tankstellen zurück. Die USA drohten China zuletzt wegen seines Umgangs mit der muslimischen Minderheit mit Sanktionen.

Quelle: https://orf.at/stories/3057861/

China setzt private Konzerne unter Druck

Staatsfirmen auf dem Vormarsch

In der chinesischen Wirtschaftspolitik bahnt sich eine Abkehr vom Status quo an. Obwohl private Konzerne über Jahre maßgeblich an Chinas Wirtschaftsboom beteiligt waren, will Peking nun den Einfluss von Staatskonzernen erhöhen – und bringt Private dadurch in Bedrängnis.

Im Reich der Mitte werden besorgte und zugleich kritische Stimmen aus der Privatwirtschaft immer lauter. „Der Privatsektor erlebt momentan große Schwierigkeiten“, wird etwa Hu Deping, ein ehemalige Minister und Sohn eines ehemaligen, hochrangigen Kommunisten, in der „New York Times“ („NYT“) zitiert.

Die Sorgen privater Unternehmen werden von dem langsamen Wirtschaftswachstum und dem Handelskrieg mit den USA angefacht. Zuletzt traten US-Abgaben auf chinesische Waren im Volumen von 200 Milliarden Dollar (172,77 Milliarden Euro) in Kraft. Weitere Gespräche über eine Entschärfung der Lage waren geplatzt.

Umsatzeinbrüche bei Privaten

Auch in Zahlen lässt sich eine Tendenz in Richtung staatlich-kontrollierte Firmen festmachen: Der „South China Morning Post“ zufolge ist etwa der Profit privater Industriefirmen in den ersten sieben Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr um 28 Prozent eingebrochen. Der Profit staatlich-kontrollierter Firmen stieg wiederum um rund 28 Prozent.

Laut der Regierungszeitung „Shanghai Securities News“ haben sich heuer bereits 46 private Firmen dem Druck gebeugt und Anteile an staatlich-kontrollierte Firmen verkauft. Obwohl die Zahl für chinesische Verhältnisse noch relativ niedrig ist, zeigt es eine Umkehr des „über zwei Dekaden gehenden Trends, wonach Staatskonzerne Anteile an private Unternehmer verkaufen“.

Autor: Rückzug von Alibaba-Chef „aus Sorge“

„Seit 40 Jahren hat sich China zwischen einer autoritären, kommunistischen Kontrolle und einem unbekümmerten Kapitalismus, wo fast alles passieren kann, bewegt – und manche sehen das Pendel jetzt zurück in Richtung Regierung schwingen“, schreibt die „New York Times“.

So sei der Rückzug Jack Mas von der Spitze des chinesischen Onlineriesen Alibaba im September dem Autor Duncan Clark zufolge aus Sorge geschehen: „Er (Ma, Anm.) ist ein Ausdruck der Gesundheit der chinesischen Privatwirtschaft, und wie weit diese gehen kann, ob er will oder nicht“, sagte Clark, Verfasser eines Buchs über die Alibaba-Gruppe, über Ma. „Sein Rückzug wird als Frustration oder als Besorgnis interpretiert werden“, so Duncan. So hat China etwa seine Regulierungen im Bereich des Onlinehandels verschärft, nachdem dieser seit Xi Jinpings Amtsantritt 2012 enorm an Bedeutung gewann.

Außerdem pocht Peking darauf, Anteile an den größten heimischen Internetfirmen zu erlangen – darunter Alibaba und Tencent. Auch der Immobilienmarkt sowie der Handel mit Videospielen wird stärker reguliert. Obendrein drohen Firmen höhere Steuern. Durch eine neue Art und Weise Zahlungen für Sozialmaßnahmen einzusammeln erwarten Fachleute – trotz Pekings angekündigter Steuersenkungen – im kommenden Jahr noch einen weiteren Kostenanstieg.

Kritiker fordern Abschaffung von Privaten

Auf der anderen Seite werden aber auch die Rufe nach einer „Abschaffung der Privaten“ immer häufiger, darunter sind neben Regierungsmitgliedern vor allem auch Intellektuelle zu finden. Laut eines Berichts der „NYT“ hat Zhou Xincheng, Marxismus-Professor an der Renmin Universität in Peking, im Jänner erklärt, dass Eigentum an privaten Firmen abgeschafft werden soll. Auch ein Blogeintrag des Bloggers Wu Xiaopeng, wonach die Privaten durch ihre Beteiligung am Wirtschaftsboom ihre historische Mission erfüllt hätten, ging im vergangenen Monat viral. Zahlreiche Userinnen und User machten sich über Wus Meinung lustig, der Post musste kurzerhand wieder gelöscht werden. Wu verteidigte sich daraufhin und sagte, es habe sich dabei um Satire gehandelt.

Ein größerer Einfluss von Staatskonzernen sei dahingehend von Bedeutung, weil das Land seine Sozialpakete – darunter die universelle medizinische Versorgung – finanzieren müsse, schreibt die „NYT“. Außerdem werde so gegen die jahrelange Steuerhinterziehung einiger Firmen und gegen die schlechten Arbeitsbedingungen vielerorts vorgegangen.

Spekulationen um Xis Absichten

Das Hickhack zwischen Personen aus der Privatwirtschaft sowie deren Kritikerinnen und Kritikern hat vor Kurzem auch die Staatsspitze erreicht. Der chinesische Präsident Xi versuchte im Zuge von Besuchen von staatlich kontrollierten sowie privaten Unternehmen Ende September zu beruhigen. Peking wolle private Firmen nach wie vor unterstützen, so Xi.

Zugleich sollen aber auch staatlich kontrollierte Unternehmen, die Beobachtern zufolge Private in Bedrängnis bringen, gestärkt werden. „Aussagen wie ‚Es soll keine staatlichen Firmen geben‘ und ‚Wir sollten kleinere Staatskonzerne haben‘ sind einseitig und falsch“, so Xi während eines Besuchs des staatlichen Ölkonzerns China National Petroleum Corporation.

„Herr Xi mag glauben, dass er den Mittelweg wählt, aber Spekulationen zu seinen Absichten bleiben bestehen“, heißt es im „Economist“. Beobachter, so der „Economist“, hätten bei Xis Amtsantritt 2012 noch daran geglaubt, dass Staatskonzerne fortan mehr Wettbewerb ausgesetzt seien – „diese Hoffnungen haben sich in Luft aufgelöst“. Vielmehr werden Staatskonzerne in einigen Hinsichten bevorzugt: so etwa in puncto Vergabe von Bankkrediten, wie erst zuletzt Chinas Premierminister Li Keqiang andeutete.

Privatunternehmen hätten viel Spielraum, letztlich aber würden die Partei- und Regierungsorgane entscheiden, betonte auch der frühere ORF-China-Korrespondent Raimund Löw gegenüber ORF.at. „Auch die reichsten Multimilliardäre wissen, dass sie jederzeit Opfer der Korruptionskampagne werden können, wenn sie sich der Zentralmacht widersetzen“, so Löw, der in seinem aktuellen Buch „Weltmacht China“ gemeinsam mit seiner Frau Kerstin Witt-Löw die Lage analysiert. Xi sei der mächtigste Parteichef seit dem Reformer Deng Xiaoping. Doch die Sanierung ineffizienter Staatsbetriebe werde, wenn überhaupt, nur sehr sachte angegangen.

Private bringen Jobs und Wachstum

Die Bedeutung des chinesischen Privatsektors bleibt aber nach wie vor immens. Immerhin ist das Wachstum zu beinahe zwei Drittel auf private Konzerne zurückzuführen. Ferner stammen neun Zehntel der neuen Jobs aus jenem Sektor, so lauten zumindest Zahlen der Geschäftsgruppe All-China Federation of Industry and Commerce. Auch 90 Prozent der Exporte sowie 80 Prozent der industriellen Produktion sind den Privaten zuzurechnen.

Chinas wirtschaftliches Hybridsystem habe seit den späten 70er Jahren als Katalysator für den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes gedient, so die „South China Morning Post“. Damals wurde es den Bauern vom autoritären Regime erlaubt, auf eigene Kappe zu wirtschaften. Auch Wirtschaftszonen für private Firmen wurde geschaffen. Diese waren weniger Regeln unterworfen und zogen auch Investoren aus dem Ausland an. Mittlerweile ist China nach den USA die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Trotzdem bewegt sich das Reich der Mitte seit jeher in einem Spannungsfeld zwischen Autoritarismus und Freihandel.

Quelle: https://orf.at/stories/3048421/

 

Meng Hongwei

Artikel vom 10. November 2016

Vizepolizeiminister in China und nun Chef von Interpol – was heftig kritisiert wird.

Er ist der erste Chinese in diesem Amt – eine Premiere, die gleich am ersten Tag Debatten ausgelöst hat. Interpol, die größte Polizeiorganisation der Welt, hat seit Donnerstag einen neuen Präsidenten: Meng Hongwei. Nicht, dass es dem 63-jährigen, nun für vier Jahre gewählten Meng an Polizeierfahrung fehlen würde. Bloß hat er sie nach Ansicht seiner Kritiker an falscher Stelle gesammelt: Meng ist Vizepolizeiminister der Volksrepublik China, seit zwölf Jahren schon.

Wie in anderen Ländern auch, hat die Polizei in China die Aufgabe, für Recht und Ordnung zu sorgen. Darüber hinaus aber, und das ist kein Geheimnis, ist sie auch politisches Instrument: Sie soll die Herrschaft der Partei stützen. Amnesty International nannte die Wahl Mengs zum Interpol-Chef „außerordentlich beunruhigend“. China versuche seit Jahren „über Interpol Andersdenkende und Flüchtlinge im Ausland verhaften zu lassen“. Die Interpol-Charta schließt ausdrücklich jede Intervention „politischer Natur“ aus. Bürgerrechtler werfen Interpol dennoch schon seit Jahren vor, sich auch für die Ziele autoritärer Regime wie Iran, Syrien, Russland oder China einspannen zu lassen. China zum Beispiel lässt schon seit 2003 den uigurischen Aktivisten Dolkun Isa per roter Interpol-Ausschreibung suchen, wegen angeblicher „terroristischer Aktivitäten“. Isa ist Generalsekretär des Weltkongresses der Uiguren mit Sitz in München und deutscher Staatsbürger seit 2006.

Der neue Interpolchef Meng Hongwei stammt aus der Stadt Harbin im Nordosten Chinas. Er studierte Jura an der Peking-Universität, bevor er eine Karriere im Sicherheitsapparat machte. 2004 stieg er zum Vizepolizeiminister auf, außerdem zum stellvertretenden Leiter der Bewaffneten Volkspolizei. Das ist eine paramilitärische Einheit, die bei Unruhen im Landesinneren eingesetzt wird.

Die Hilfe von Interpol sucht China seit einiger Zeit vor allem im Rahmen der von Partei- und Staatschef Xi Jinping gestarteten Antikorruptionskampagne. Unter dem Codenamen „Fuchsjagd“ haben Chinas Behörden in den vergangenen zwei Jahren mehr als 340 flüchtige korrupte Beamte aus dem Ausland zurückgeholt. Nach den 100 meistgesuchten wurde 2014 über Interpol per „roter Ausschreibung“ weltweit gefahndet, ein Drittel davon ist mittlerweile zurück in China.

Quelle: https://www.sueddeutsche.de/politik/profil-meng-hongwei-1.3243170