Hirnforschung: Fehlerhafte MRT-Software schürt Zweifel an Zehntausenden Studien

Hirnforscher greifen für die Auswertung von Magnetresonanztomographen auf Software zurück, die viel zu hohe Fehlerraten hat. Das haben Forscher jetzt ermittelt und entkräften damit möglicherweise rund 40.000 Studien.

Die am häufigsten genutzte Software zur Auswertung von funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI) weist offenbar viel zu hohe Fehlerraten auf, was Jahrzehnte an Hirnforschung entwerten könnte. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls eine Gruppe von Forschern um den Schweden Anders Eklund, wie dessen Universität von Linköping zusammenfasst. Sie überprüften die Analysemethoden der meistgenutzten Software-Pakete für die fMRI-Analyse (SPM, FSL, AFNI) und fanden Raten von sogenannten False Positives – also Hirnaktivität, wo gar keine war – die teilweise 70 Prozent erreichten. Akzeptabel und theoretisch zu erwarten seien jedoch lediglich 5 Prozent.

Hirnforschung von außen

Bei der funktionellen Magnetresonanztomographie werden Durchblutungsprozesse im Gehirn quasi live gefilmt, ohne dass dafür störend in den Körper eingegriffen werden muss, erklärt Spektrum der Wissenschaft. Weil sauerstoffreiches Blut andere magnetische Eigenschaften hat als sauerstoffarmes, können starke Magnetfelder die Sauerstoffsättigung in unterschiedlichen Bereichen des Gehirns mit großer Auflösung sichtbar gemacht werden. Hirnforscher hatten diese Technik jahrelang als Segen verstanden und unzählige Untersuchungen dazu unternommen, welche Hirnareale bei bestimmten Tätigkeiten aktiv sind und daraus die unterschiedlichsten Schlüsse gezogen.

Wie die Wissenschaftler um Eklund nun erläutern, werden bei der fMRI-Forschung beispielsweise die 3D-Aufnahmen von 20 gesunden Probanden mit denen von 20 kranken verglichen, also beispielsweise Patienten mit Hirnverletzungen oder bestimmten Schädigungen. Die dabei gefundenen Unterschiede werden ausgewertet und Forschungsgrundlage. Eklund und seine Kollegen verglichen nun aber stattdessen die Aufnahmen des Ruhezustands von 20 gesunden Probanden mit denen von anderen 20, ebenfalls Gesunden. Die Software sollte dabei eigentlich keine statistisch signifikanten Unterschiede finden (also weniger als 5 Prozent), stattdessen seien aber 60 bis 70 Prozent herausgekommen.

Grund für die Fehler sind den Wissenschaftlern zufolge jene Algorithmen, die aus den einzelnen gemessenen Bildpunkten im dreidimensionalen Raum größere Cluster bildet. Werden zwischen solchen Clustern auf zwei Aufnahmen Unterschiede erkannt, heben sie Cluster hervor. An der Zuverlässigkeit und der Reproduzierkarbeit dieses Verfahrens hatte es schon vorher Kritik gegeben. So hatte Spektrum der Wissenschaft das Vorgehen einiger Forscher mit dem eines Revolverhelden verglichen, der wahllos auf ein Scheunentor schießt und danach Zielscheiben um die Einschlusslöcher malt, die am nächsten beieinander liegen. Andere Forscher hätten mit den etablierten Methoden auch schon Hirnaktivität bei einem toten Lachs festgestellt.

Rechenpower als Lösung

Eklunds Ergebnisse mit der mathematisch untermauerten Kritik wurden nun in der Wissenschaftspublikation Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht. Es sei möglich, dass ungefähr 40.000 Studien davon betroffen sind, erklärt der Forscher. Einige seien vor mehr als zehn Jahren durchgeführt worden und es sei nicht einmal klar, ob das dafür verwendete Datenmaterial noch existiere. Er selbst schlägt jedenfalls vor, die Software zur Auswertung auf weniger Hypothesen zu begründen und dafür mehr Rechenzeit zu veranschlagen. Dank moderner Grafikkarten könne die dafür benötigte Zeit inzwischen auf akzeptable Maße gesenkt werden.

Quelle: Hirnforschung: Fehlerhafte MRT-Software schürt Zweifel an Zehntausenden Studien | heise online

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Gedankenübertragung von Indien nach Frankreich

In einem Experiment konnten erstmals Botschaften von Gehirn zu Gehirn übertragen werden. Die Forscher denken, dass dies unsere Kommunikation langfristig radikal verändern könnte.

Kommunizieren wir in Zukunft nur noch via Gedanken, anstatt mit E-Mails oder SMS? Forschern der Universitäten Thiruvananthapuram in Indien und Strassburg ist es in einem Experiment gelungen, Gedanken um die halbe Welt zu senden. Dies berichtet das Fachjournal «Plos One». Ein Transfer von Gehirn zu Gehirn war bislang nur bei Ratten getestet worden. Somit ist es das erste Mal, dass die Gedankenübertragung bei Menschen geklappt hat.

Probanden in Indien erhielten eine Elektrodenkappe aufgesetzt. Die Versuchsteilnehmer wurden gebeten, einen Code aus Einsen und Nullen an ihre Kopfbedeckung zu senden. Je nach Aktivität werden unterschiedliche Bereiche im Gehirn angeregt. Diesen Effekt haben die Forscher ausgenutzt. Mittels der Elektrodenkappe wurde erkannt, welcher Gehirnbereich aktiv war. Stellte der Proband sich vor, er hebe seinen Fuss, wurde eine Null codiert. Eine Eins hingegen wurde mit der Vorstellung einer erhobenen Hand codiert. Dabei wurden jedoch keine Körperteile bewegt – es ging nur darum, sich die Bewegung vorzustellen. Die Hirnaktivität wurde von der Elektrodenkappe aufgenommen und anschliessend von einem Computer ausgewertet.

Aktivität im Gehirn erzeugen

Der zweite Teil des Experiments fand in Strassburg statt. Die Signale aus Indien wurden via Internet in die französische Stadt übermittelt. Um die Signale in das Gehirn des Probanden in Frankreich zu senden, machten sich die Forscher eine Eigenschaft des Denkorgans zunutze. Dieses reagiert auf starke Magnetfelder. Werden Spulen an den Kopf anlegt und durch ebendiese Spulen ein starkes Magnetfeld erzeugt, kann man im Gehirn künstlich Aktivität erzeugen oder bestimmte Hirnbereiche hemmen. Dieses Verfahren wird auch transkranielle Magnetstimulation (TMS) genannt.

Bei dem Versuch wurde der Bereich des Gehirns stimuliert, der für die Auswertung der Nervenimpulse aus den Augen zuständig ist. Der Proband befand sich in einem Isolationsraum. Dadurch sollte eine Beeinflussung durch die Aussenwelt vermieden werden. Während eine Null gesendet wurde, passierte abgesehen von einer diffusen Wahrnehmung nichts im optischen Sichtfeld. Die Stimulation einer Eins bewirkte jedoch den Eindruck eines hellen Lichtblitzes. Die digitale Codierung sah ungefähr so aus: Blitz-diffus-diffus-Blitz-Blitz – je nach gesendeten Inhalten. Auf diese Weise wurden erfolgreich Botschaften wie «Ciao» oder «Hola» verschickt. In 85 Prozent aller Versuche erkannte der Empfänger in Strassburg das Signal von seinem indischen Kommunikationspartner richtig.

«Wichtiger Schritt in menschlicher Kommunikation»

Das Fazit der Forscher: «Dieses Experiment zeigt, dass die Gehirn-zu-Gehirn-Kommunikation beim Menschen möglich ist.» Eine solche neuronale Kommunikation, bei der weder Sprache noch Texte im Spiel sind, könnte laut den Wissenschaftlern in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen. Auch Alvaro Pascual-Leone, einer der Mitverfasser der Studie an der Harvard Medical School, bestätigt: «Dies repräsentiert einen wichtigen Schritt in der menschlichen Kommunikation.» Die Wissenschaftler hoffen, dass sich die Art und Weise, wie wir in Zukunft miteinander kommunizieren, durch ihre Forschungsergebnisse radikal verändert werden.

via20 Minuten – Gedankenübertragung von Indien nach Frankreich – News.

Zuwendungsindex: Mutterliebe lässt Kinderhirne wachsen

Kinder lieber Mütter haben größere Gehirne, das ergab nun eine Studie. Forscher haben die Zuwendung bewertet, die Kleinkinder erfahren – und Jahre später die Hirngröße des Nachwuchses gemessen. Offenbar wirken manche Mütter anregend auf die Körperentwicklung.

Mütterliche Unterstützung in jungen Jahren zeigt sich Forschern zufolge auch im Gehirn. Der Hippocampus, eine Hirnregion, die wichtig ist für Gedächtnis, Emotionen und Stressbewältigung, ist bei Schulkindern größer, wenn diese als Kleinkind von der Mutter stark unterstützt wurden.

Das berichten amerikanische Psychologen in den „Proceedings“ der amerikanischen Akademie der Wissenschaften. Joan Luby und ihre Kollegen von der Universität St. Louis hatten 92 Kinder von drei bis sechs Jahren verschiedenen psychologischen Tests unterworfen. Darunter war auch ein leichter Stresstest, bei dem die Kinder ein bunt verpacktes Geschenk in ihre Reichweite bekamen, es jedoch erst nach acht Minuten öffnen durften. Neben den Reaktionen der Kinder bewerteten die Forscher mit einem Punktesystem auch die Hilfe, Zuwendung und Unterstützung durch die Mutter bei dieser Wartezeit.

Scheinbare Korrelation nicht auszuschließen

Im Schnitt drei Jahre später wurde bei allen Kindern im Magnetresonanz-Tomografen die Größe des Hippocampus im Gehirn gemessen. Dabei zeigte sich, dass dieses zwar vom Geschlecht der Kinder, nicht aber von ihrem Alter oder der sozialen Stellung der Eltern geprägt wurde. Dagegen entdeckten die Forscher einen starken statistischen Zusammenhang mit dem beim vorherigen Tests ermittelten „Zuwendungsindex“, der die Intensität und Sorgfalt des mütterlichen Kümmerns einstuft.

Zwar wären auch andere Ursachen für den gemessenen Zusammenhang denkbar. Eine nur scheinbare Korrelation zwischen Hirngröße und Mutterliebe lässt sich nicht ausschließen. Gleichwohl meinen die Forscher, dass die Studie wahrscheinlich als Hinweis auf die auch langfristig erhaltene Zuwendung als Kleinkind gewertet werden könnte. Dies zeige, dass die Zuwendung und Unterstützung durch die Mutter wichtige Gehirnregionen anregt und ihre Entwicklung fördert.

viaZuwendungsindex: Mutterliebe lässt Kinderhirne wachsen – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Wissenschaft.

Aberglaube in uns macht Sinn, oder nicht?

WARUM ABERGLAUBE SINNVOLL IST

Hinter Vorurteilen und seltsamen Ritualen steckt eine archaische Methode unseres Gehirns, die Welt zu verstehen und daraus zu lernen. Auch das Gehirn mancher Tiere arbeitet so – und macht sie abergläubisch.

Henning Engeln
Bereits 1948 hatte der amerikanische Psychologe Burrhus F. Skinner die Ergebnisse eines erstaunlichen Experiments an Tauben veröffentlicht, das den Titel „Superstition in the pigeon – Aberglaube bei Tauben“ trug. Der Forscher hatte jeweils einen Vogel in eine speziell konstruierte Kiste gesetzt, bei der alle
15 Sekunden völlig automatisch etwas Leckeres in eine Futteröffnung rieselte. Zu Skinners Überraschung verharrten die hungrigen Tauben nicht etwa ruhig, bis die nächste Futterladung kam, sondern sie entwickelten seltsame Rituale, mit denen sie die Zwischenzeit überbrückten: Die einen stolzierten herum und machten zwischendurch Umdrehungen, die anderen hielten ihren Kopf in
eine der oberen Ecke des Kastens, dritte nickten mit dem Kopf, als wollten sie
einen Ball treffen und wegschleudern. Skinners Interpretation: Jene Bewegung, die die Vögel gerade ausführten, wenn das Futter zufällig in der Öffnung erschien, verbanden sie automatisch mit der Belohnung und führten sie daher häufiger aus. Damit war die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Tauben auch bei der nächsten Futtergabe wieder diese typische Bewegung machten und nun erst recht „glaubten“, ihr Verhalten habe das Futter auftauchen lassen. Konditionieren nennen die Verhaltensforscher diesen unbewussten Lernvorgang.
In den 1980er Jahren dachten sich zwei Forscher der Universität Kansas ganz ähnliche Versuche mit 3- bis 6-jährigen Kindern aus. Die Experimentatoren hatten an der Wand eines Zimmers eine Clownspuppe namens „Bobo“ befestigt, die – was die Kinder natürlich nicht wussten – in regelmäßigen Abständen eine Murmel ausspuckte. Für eine bestimmte Anzahl von Murmeln wurde den Kindern ein Spielzeug versprochen. Die Ergebnisse des Experiments ähnelten auf erstaunliche Weise denen von Skinners Taubenexperiment. Nach einer 6-tägigen Versuchsserie von jeweils acht Minuten
Dauer standen einige Kinder Grimassen schneidend vor dem Clown, andere berührten sein Gesicht oder seine Nase, um ihm die Murmeln zu entlocken, einige wiegten sich in den Hüften, eines lächelte Bobo an, ein weiteres küsste seine Nase. 75 Prozent von ihnen entwickelten derartige abergläubische Rituale.
Erwachsene reagieren nicht anders. Ein Psychologe der Universität Tokio setzte Studenten vor einen Tisch mit drei Hebeln. Durch Drücken der Hebel konnten die Versuchsteilnehmer Punkte erzielen, ohne jedoch zu wissen, was die „Treffer“ auslöste. Es gab auch keinen Zusammenhang, denn die Treffer wurden nach bestimmten Mustern unabhängig vom Verhalten des Studenten vergeben. Wiederum „erfanden“ die Probanden seltsame Rituale. Ein Student zog vier Mal schnell hintereinander an einem Hebel und ließ wieder los, um ihn anschließend mehrere Sekunden festzuhalten. Andere prägten andere Varianten des Hebelziehens aus.
Bei einer Variation des Experimentes leuchtete zusätzlich ein Signallämpchen in verschiedenen Farben auf – völlig unabhängig von den vergebenen Trefferpunkten. Dennoch verband rund ein Drittel der Studenten eine bestimmte Farbe mit seinem Ritual des Hebeldrückens. Auch Skinner hatte bei weiteren Taubenversuchen festgestellt, dass die Tiere auf farbiges Licht reagierten, das in keinerlei Zusammenhang mit der Futtervergabe erschien.
All diese Experimente zeigen: Durch Konditionierung verbinden Menschen und Tiere Vorgänge, die eigentlich nicht in einem ursächlichen Zusammenhang stehen. Es sind unbewusste Lernvorgänge, die vor allem in älteren Teilen des Großhirns und des Zwischenhirns ablaufen. So lassen sich manche Rituale und abergläubische Verhaltensweisen erklären. Wenn zum Beispiel Boris Becker monatelang mit dem gleichen Schläger spielt, mit dem er ein Mal gewonnen hat, und glaubt, die neuen baugleichen seien doch nicht so gut, wenn ein Boxer einen Ring am Schuhband trägt, weil das am Körper verboten ist und er sich dadurch Kampfesglück erhofft oder wenn – wie geschehen – ein Sportler zwei Jahre lang seine Socken nicht wäscht, weil er darin in zwei aufeinander folgenden Wettbewerben siegte, dann dürften dies solche unbewussten Konditionierungen sein. Auch das berühmte Klopfen auf Holz, „toi, toi, toi“, die Bedeutung von Maskottchen oder der Talisman, der immer dabei ist, lassen sich so erklären. Es sind Dinge, die zufällig in einer bestimmten Situation da waren, mit ihr verknüpft werden und nun für immer damit verbunden sind. Handelt es sich zudem um eine emotionale Situation, kommt eine starke Gefühlsbindung hinzu, und der Konditionierungseffekt steigert sich.
Dass eine Konditionierung allerdings zu solch bizarren Verhaltensweisen wie bei den Tauben in Skinners Boxen führt, dürfte an der künstlichen Versuchsanordnung liegen, in der ohne jegliches Zutun des Vogels in regelmäßigen Abständen Futter auftauchte. Unter natürlichen Umständen ist das Lernen mithilfe von Konditionierung etwas Sinnvolles, weil das Verhalten der Tiere normalerweise in einem ursächlichen Zusammenhang mit der Futterbeschaffung steht. Es werden also Verhaltensweisen bestärkt, die die Nahrungssuche eines Tieres optimieren. Auch beim Menschen haben Rituale durchaus ihr Gutes, solange sie nicht übertrieben werden. Ob Sportler, Schauspieler oder Schriftsteller – in vielen Lebensbereichen hängen Erfolg und Kreativität von einer Vielzahl von Kleinigkeiten ab, die niemand durchschaut. Und da ist es besser, die Dinge immer auf die gleiche Weise – also mit einem bestimmten Ritual – anzugehen, weil man ja nicht weiß, welche der vielen Winzigkeiten entscheidend zum Erfolg beiträgt. Zudem helfen gewohnte Abläufe, sich in eine besondere Stimmung hineinzuversetzen und das Gefühl zu bekommen, alles unter Kontrolle zu haben. Ein Sportler, der sich mithilfe von eigenartig erscheinenden Gewohnheiten, Ritualen oder Glücksbringern zu beruhigen, zu konzentrieren und zuversichtlich zu stimmen vermag, hat größere Chancen erfolgreich zu sein. Wenn dies gelingt, hat der „Hokuspokus“ seine Zauberkraft bewiesen, und der Mechanismus erhält eine positive Rückkoppelung.

Der Mensch ist jedoch zu kompliziert, so dass unbewusste Konditionierungen nur einen kleinen Teil des Glaubens an Geister und übernatürliche Einflüsse erklären können. Der amerikanische Psychologe Stuart Vyse schildert in seinem Buch „Die Psychologie des Aberglaubens“ ein Experiment, das einen weiteren Aspekt des Aberglaubens erklären kann. Er ließ Studenten des Connecticut College in New London im US-Bundesstaat Connecticut an einem Videospiel teilnehmen, bei dem auf dem Bildschirm ein Gittermuster mit fünf mal fünf Kästchen zu erkennen war und in der Ausgangssituation links oben ein Kreis ruhte. Dieser Kreis ließ sich mithilfe zweier Tasten nach rechts und nach unten bewegen. Aufgabe der Versuchsteilnehmer war es, den Kreis so durch das Gittermuster zu bewegen, dass sie möglichst viele Punkte erzielten. Nur hatten die Studenten keinerlei Ahnung, welche Bewegung einen Treffer auslösen würde; das mussten sie selbst herausfinden. In einem Durchgang des Experimentes erhielten die Teilnehmer Punkte, sobald der Kreis sich in den unteren drei der fünf Reihen bewegte, was die Probanden auch recht schnell durchschauten. Als in anderen Versuchen jedoch die Punktvergabe rein zufällig dosiert wurde, also nichts mit den
Bewegungen des Kreises auf dem Bildschirm zu tun hatte, geschah etwas
Merkwürdiges: Die Studenten begannen, komplizierte Hypothesen darüber aufzustellen, wie das Spiel funktionieren würde. „Man muss ganz bestimmte Kästchen treffen, die von Versuch zu Versuch wechseln, so dass man nie genau weiß, welche es sind“, sagte einer. Ein anderer glaubte, man müsse bestimmte Felder vermeiden, und eine Studentin war überzeugt davon, die Tasten für die Steuerung des Kreises müssten ganz langsam gedrückt werden.
Interessant ist auch, wie die Studenten ihre Misserfolge deuteten, wenn sie sich getreu ihren Hypothesen verhielten und dennoch nicht mehr Punkte erzielten. Dann zweifelten sie nicht etwa an
ihrer Vorstellung, wie das Spiel funktionierte, sondern glaubten, sie hätten
Fehler beim Spielen gemacht. Als die Versuchsleiter den Probanden offenbarten, dass die Punktvergabe in Wahrheit zufällig erfolgt war und ihre Überlegungen nicht stimmten, waren die meisten sehr überrascht und konnten es kaum glauben. Für Stuart Vyse besagen die Ergebnisse solcher Experimente zweierlei: Zum einen neigen die Menschen dazu, hinter einer Kette von Ereignissen Zusammenhänge zu sehen. Ein zufällig vergebener Punkt am Ende eines Versuchsdurchgangs hatte die Probanden dazu gebracht, ihre Hypothese als richtig anzusehen; von da an waren sie von deren Gültigkeit überzeugt und suchten sie immer wieder zu bestätigen.
Zum Zweiten neigen solche abergläubischen Vorstellungen dazu, beibehalten zu werden und sich selbst zu verstärken. Wenn bei Naturvölkern der Medizinmann zum Beispiel einen kranken Stammesangehörigen trotz Geisterbeschwörung nicht heilen kann oder ein Regentanz das lebensnotwendige Nass nicht herbeizaubert, dann zweifeln die Menschen nicht etwa an der Magie als solcher, sondern suchen nach Erklärungen für das Versagen in diesem Fall: Sie glauben, bei dem Ritual sei ein Fehler passiert, böse Geister hätten dazwischengefunkt oder der Schamane sei unfähig. Wird der Kranke aber spontan wieder gesund oder es regnet doch früher oder später, sehen die Menschen einen eindrucksvollen Beweis für die Macht der übernatürlichen Kräfte, der lange in ihrer Erinnerung bleibt.
Prinzipiell ist es für die Menschen durchaus richtig, wenn sie komplizierten Handlungsabfolgen und einmal erkannten Zusammenhängen treu bleiben. Wer einen Kuchen backen will, sollte sich
exakt an das bewährte Rezept halten, um wieder ein leckeres Resultat zu erhalten. Die Wahrscheinlichkeit, durch Abweichen von der gewohnten Teigmischung, Temperatur oder Ofenzeit ein missratenes Gebäck zu erhalten, ist sehr viel größer als die Chance, einen noch schmackhafteren Kuchen zu erhalten. Dies gilt natürlich erst recht in einer archaischen Gesellschaft, bei der das bewährte, richtige Vorgehen bei der Jagd, beim Sammeln von Pilzen, bei der Herstellung von Waffen oder der Zubereitung von Speisen über Leben oder Tod entscheiden kann. Doch die Tendenz, einmal eingeschlagene Wege und Verhaltensweisen beizubehalten, bedingt genauso gut das Beschreiten von Umwegen, Vorurteile und Aberglauben.
Auch Zufälle und das „selektive“ Gedächtnis des Menschen bewirken und verstärken so manche etablierte, wenn auch irrige Vorstellung. Welches Kind hätte nicht schon von seiner Mutter die Warnung mit auf den Weg bekommen: „Und trockne dir ja gut die Haare nach dem Baden ab, sonst kriegst du eine Erkältung!“ Doch den Schnupfenforschern wollte es einfach nicht gelingen, einen solchen Zusammenhang nachzuweisen. Sie ließen Versuchspersonen nach einem heißen Bad eine halbe Stunde im Durchzug frieren, verlangten von ihnen, in nassen Socken oder feuchten Haaren auszuharren, in eiskaltem Wasser zu schwimmen und brachten sie mit dem Nasensekret verschnupfter Patienten in Kontakt. Als einzig verlässliches Mittel, um Erkältungen auszulösen, erwies sich der Kontakt mit den ansteckenden Sekreten anderer Menschen. Auch Klimaanlagen, sportliche Übungen, Barfuß- oder Ohne-Hut-Gehen waren ohne Wirkung.
Fünf Mal mag das Kind daher mit nassen Haaren durch die Welt gesaust sein, ohne krank zu werden. Aber beim sechsten Mal hat es vielleicht eine Portion Schnupfenviren von seinem Schulkameraden abbekommen, und die Nase läuft wie in jedem Jahr. „Siehst du, das kommt davon, weil du wieder mit nassen Haaren herumgelaufen bist“, bekommt der Nachwuchs dann triumphierend zu hören. Und dieses eine Mal bleibt selbstverständlich im Gedächtnis haften. Die Vorstellung, dass Kälte und Nässe einen Schnupfen hervorbringen, gehört offenbar zu den unausrottbaren Legenden der Volksmedizin. Zufälle haben eine ebenso eindrucksvolle Wirkung auf die Vorstellungen der Menschen. Da spazieren wir gerade durch eine Straße unserer Stadt und treffen auf einen Bekannten, den wir schon seit Jahren nicht mehr gesehen haben. „So ein Zufall, das gibt’s doch gar nicht“, rufen wir aus. Vor allem, wenn es sich um eine besonders emotionale Begegnung handelt, bleibt sie uns tief in Erinnerung. Und da wir immer nach Zusammenhängen suchen, ist die Erklärung „purer Zufall“ unbefriedigend. Es muss etwas anderes hinter dem Zusammentreffen stecken, und wir grübeln so lange, bis wir eine Erklärung gefunden haben – notfalls ist es eben das Wirken des Schicksals. Solche „Zufälle“ brennen wie Leuchtfeuer in unserem Gedächtnis, während die häufigen Male, in denen wir durch dieselbe Straße gingen, ohne Bekannten zu begegnen, als unwichtig aus der Erinnerung gestrichen werden.
Der Psychologe Seymour Epstein von der University of Massachusetts bezeichnet diese Vorgehensweise unseres Gehirns, nach Zusammenhängen und Erklärungen zu suchen, als intuitives Erfahrungssystem. Es ist eine ursprüngliche Denkweise, die quasi automatisch und völlig unbewusst erfolgt, Muster aufdeckt und Passendes miteinander verbindet. Sie berücksichtigt neuronal gespeicherte, vorangegangene Erfahrungen, arbeitet intuitiv und gefühlsbetont. Seine Schlüsse zieht das Gehirn dabei fast
augenblicklich, und die Ergebnisse tauchen wie von selbst in unserem Bewusstsein auf. Dieser Denkweise steht eine ganz andere gegenüber, die Epstein rationales System nennt. Sie funktioniert zielgerichtet und logisch, indem sie Informationen rechnerisch verarbeitet und ein präzises Ergebnis präsentiert. Dieses analytische, rationale System arbeitet langsamer als das intuitive, ist weniger an Emotionen gebunden und läuft im Bewusstsein ab. Es erlaubt daher nüchterne, logische Schlussfolgerungen, die sich exakt und häufig in Form von Zahlen ausdrücken und bewerten lassen. Das rationale Denken kann jede neue Information sofort berücksichtigen, während das intuitive System die Neigung hat, seine Vorurteile und Erklärungen auch gegen widersprechende Fakten beizubehalten.
So gesehen arbeiten in unserem Kopf zwei Gehirne: Ein älteres intuitives, das den Menschen im Verlauf der Evolution geholfen hat, schnell Muster und Zusammenhänge in seiner Umwelt zu erkennen, Gefahren zu erahnen und Probleme zu vermeiden, und ein vermutlich jüngeres, das abstraktes, logisches Denken mit rationalen Schlussfolgerungen ermöglicht, eines, das uns mathematische Formeln aufstellen, den Flug von Raketen zum Mond berechnen und Computer konstruieren lässt. Epsteins Sicht vom Gegensatz dieser Denkweisen entspricht etwa dem, was auch populär als klassischer Konflikt zwischen „Kopf“ und „Bauch“ bekannt geworden ist.

Die Evolutionspsychologen John Tooby und Leda Cosmides von der University of California in Santa Barbara meinen sogar, der Mensch habe quasi Hunderte von Minigehirnen im Kopf. Sie bezeichnen sie als „mentale Module“ oder „Expertensysteme“. Jedes von ihnen ist von der Evolution für bestimmte Aufgaben entwickelt und perfektioniert worden und arbeitet weitgehend unabhängig von den anderen. Eines zum Beispiel mag für die Liebe der Eltern zu den Kindern zuständig sein, ein weiteres für den Appetit auf Süßes, ein Drittes für die Einschätzung sozialer Beziehungen, weitere für das Verständnis der biologischen Welt oder für die Risikoabwägung in gefährlichen Situationen.
Ob man die Fähigkeit des Gehirns, Muster zu erkennen, Zusammenhänge herzustellen und unbewusst Erklärungen zu suchen, nun als intuitives Erfahrungssystem bezeichnet wie Epstein oder sie einem mentalen Modul zuschreibt wie Tooby und Cosmides: Es handelt sich um eine der wichtigsten Errungenschaften des Menschen im Verlauf der Evolution, die es ihm ermöglicht, hinter allen Phänomenen Bezüge und Wirkungen zu vermuten und sie so zu deuten, dass er sie in die Zukunft fortschreiben und sich vor Gefahren schützen kann.

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