Westafrika: Ebola-Ausbruch geht auf Kleinkind zurück

Ärzte Zeitung online, 17.04.2014

Das Ebolavirus, das in Westafrika bislang für über hundert Todesopfer gesorgt hat, ist offenbar ein parallel entstandener Stamm. Darauf deuten erste Analysen eines internationalen Forscherteams unter Mitwirkung von Virologen des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts (BNI).

Danach ist der entscheidende Indexfall womöglich schon deutlich früher aufgetreten, nämlich bereits Anfang Dezember 2013 (N Engl J Med 2014; online 16. April).

Nach jüngsten Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO vom Dienstag sind aus Westafrika insgesamt 210 Verdachtsfälle gemeldet, die der klinischen Falldefinition der Ebola-Viruserkrankung entsprechen. 121 Menschen starben. Nur bei rund 40 bis 45 Prozent der Betroffenen liegt bislang jedoch ein positiver PCR-Nachweis vor.
Epizentrum Guinea

Fast 1000 Menschen standen oder stehen unter Beobachtung. Epizentrum des Ausbruchs ist Guinea. Von dort werden allein 168 Verdachtsfälle und 108 Todesopfer gemeldet. Auch Liberia und Mali sind betroffen. Die lokalen Gesundheitsbehörden sprechen derweil davon, dass der Ausbruch bereits unter Kontrolle sein könnte. Es gebe keine neuen Fälle.

Allerdings ist diese Einschätzung nicht von der WHO bestätigt, die die Untersuchungen vor Ort koordiniert. Die UN-Organisation sprach zuletzt davon, dass man womöglich noch bis zu vier Monate mit dem Ausbruchsgeschehen beschäftigt sein könnte.

Nach der vorläufigen Analyse des internationalen Forscherteams, das vor Ort Proben gesammelt und Krankenhausberichte epidemiologisch ausgewertet hat, hat der jetzige Ausbruch seinen Lauf offenbar schon am 2. Dezember vergangenen Jahres genommen. Damals war im Dorf Meliandou in der Provinz Guéckédou ein zweijähriges Kind mit entsprechenden Symptomen einer Ebola-Viruskrankheit erkrankt, allerdings ohne hämorrhagische Symptome.
Indexpatient ist ein Kind

Dieses Kind muss nach der jetzigen Analyse der Indexpatient gewesen sein. Bereits vier Tage nach dem Erkrankungsbeginn starb es. Vier Tage später starb auch die Mutter mit Blutungen. Auch die dreijährige Schwester des Kindes erkrankte und starb kurz vor Silvester. Am 1. Januar starb zudem die Großmutter der beiden Kinder.

Ebolaviren können bekanntlich eine Inkubationszeit von bis zu drei Wochen haben. In der Folge starben Anfang Februar außerdem eine Krankenschwester, die offenbar die Erkrankten gepflegt hatte, und eine Dorfhebamme.

Von ihr ging später offenbar ein kleiner Cluster mit sechs Todesfällen in dem Dorf Dandou Pompo in der gleichen Provinz aus. Dort wurde die Frau von einem Familienmitglied gepflegt, das schließlich selbst am 11. Februar mit hämorrhagischen Symptomen starb und den Erreger mutmaßlich an die fünf anderen Personen weitergegeben hat, die bis Ende März dort starben.

Die Erkrankungswelle ins Rollen brachte offenbar erst die Großmutter des Indexpatienten. Zu ihrer Beerdigung waren den Forschern zufolge die Schwester und eine weitere Kontaktperson aus dem Dorf Dawa in der gleichen Provinz angereist.

In den Ländern Äquatorialafrikas ist es nicht ungewöhnlich, sich bei Beerdigungen mit Berührungen von den Gestorbenen zu verabschieden. Da Ebolaviren im Serum aber noch viele Tage virulent sind und das Blut somit hochkontagiös bleibt, sind diese Zeremonien eine enorme Gefahr während eines solchen Ausbruchs.

Die beiden Personen aus Dawa bachten die Erkrankung schließlich in ihr Heimatdorf. Dort starben sie Ende Januar, bis Mitte März starben weitere sechs Einwohner. Von dem Dorf Dawa könnten schließlich zwei weitere Cluster mit insgesamt 18 Toten ausgegangene sein – in Baladou und Farako.
Pflegekraft bringt Virus wohl nach Macenta und Kissidougou

Den entscheidenden Sprung in die anderen betroffenen Regionen Macenta und Kissidougou hat das Virus aber offenbar erst durch eine Pflegekraft gemacht. Sie könnte sich bei einem Einsatz in Meliandou oder Dawa infiziert habe. Vermutlich hat die Pflegekraft das Ebolavirus ins Krankenhaus von Macenta eingeschleppt, wo sie am 10. Februar starb – und der Ausbruch seinen Lauf nahm.

Dort, und nun sprechen die Forscher von bestätigten Fällen, die sie beweisen können, hat sich zuerst ein Arzt infiziert. Er hat das Virus an mindestens drei Personen weitergegeben, die wiederum andere Menschen infiziert haben. Für diesen Weg über mindestens acht Kontaktpersonen hat das Virus immerhin knapp drei Monate gebraucht – ein Zeichen für die große „Ausdauer“ des Filovirus und die hohe Kontagiosität.

Unklar ist bisher allerdings, wie sich der junge Indexpatient im November infiziert hat. Immerhin ist das der erste bekannte Ebolafall in Westafrika. Hier laufen die Untersuchungen noch. Als mögliche Überträger gelten Fruchtfledermäuse, die selbst nicht erkranken und in großen Teilen Westafrikas heimisch sind.

Eine vollständige genetische Analyse des viralen Erbguts zeigt allerdings auch, dass die jetzige Virusklade zwar zu dem bekannten Zairestamm gehört, sich aber parallel zu den bekannten Stämmen aus dem Kongo und in Gabun entwickelt hat.

Die Kladen haben den Forschen zufolge einen gemeinsamen „frühen Vorfahren“. Die Ebolaviren wurden im jetzigen Ausbruch also offenbar nicht importiert. Das lässt darauf schließen, dass die Viren unbemerkt in ihren ursprünglichen Reservoiren zirkulieren.

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Ebola: Epidemie in Westafrika außer Kontrolle

Die Ebola-Epidemie in Westafrika ist nach den Worten von Ärzte ohne Grenzen „völlig außer Kontrolle“. Von Seiten der Organisation heißt es, sie sei mit ihren Möglichkeiten, auf den Ebola-Ausbruch zu reagieren, an ihrem Limit angekommen. Mehr als 40 Mitarbeiter und vier Behandlungszentren hat Ärzte ohne Grenzen vor Ort – mehr könne man nicht leisten.

Der aktuelle Ausbruch hat mehr Todesopfer gefordert als jeder andere zuvor in der Geschichte. In Guinea, Sierra Leone und Liberia hat Ebola den jüngsten Zahlen der Weltgesundheitsorganisation zufolge mehr als 330 Tote gefordert. Der bisher schlimmste Ausbruch war 1976 im Kongo mit 280 Toten.

Internationale Organisationen und Regierungen müssten mehr Gesundheitsexperten schicken und die Öffentlichkeit besser darüber informieren, wie man die Ausbreitung der Krankheit stoppen könne, so Bart Janssens, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen. Der einzige Weg, die Ausbreitung zu stoppen, sei die Menschen zu überzeugen, dass sie sich bereits bei kleinsten Symptomen melden müssen und dass sie nicht mit den Kranken und Toten in Berührung kommen dürfen.

Länder haben Tragweite nicht erkannt

„Wir müssen uns der Wahrheit stellen, dass es jetzt eine zweite Welle der Epidemie gibt. Und, für mich, ist sie völlig außer Kontrolle geraten“, so Janssens. Die betroffenen Regierungen hätten die ganze Tragweite der Epidemie noch nicht erkannt.

Der Ausbruch hatte Ende 2013 in Guinea begonnen, hatte sich dann verlangsamt, sich aber in den vergangenen Wochen weiter ausgebreitet und erstmals in der liberianischen Hauptstadt Monrovia angekommen.

Ebola ist eine der tödlichsten Krankheiten weltweit. Das Virus wird durch Blut und andere Körperflüssigkeiten übertragen. Infizierte leiden unter anderem an Fieber, Muskelschmerzen, Durchfall sowie in heftigen Fällen an inneren Blutungen und Organversagen.

Die Krankheit ist sehr ansteckend und endet meist tödlich. Bisher gibt es weder eine vorbeugende Impfung noch eine Therapie.

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