Irak: Kurden sichern sich Ölgebiete

An der Wand hängt ein riesiger Stadtplan Kirkuks. Akribisch sind alle Plätze und Straßen der reichsten irakischen Stadt eingezeichnet, auch die turkmenischen, arabischen, kurdischen und christlichen Viertel. Bis vor wenigen Jahrzehnten waren die Kurden hier noch in der Minderheit. Das ist heute anders. „Kirkuk gehört uns, das hier ist Kurdistan!“, sagt Abdul Rahman. Der kräftig gebaute Mann mit scharfem Blick ist außenpolitischer Sprecher der Patriotischen Union Kurdistans PUK, der stärksten politischen Kraft in der 400.000-Einwohner-Stadt.

Abdul Rahman spricht Deutsch, oder besser: Österreichisch. In Salzburg studierte er Philosophie, ehe er 2003, kurz nach dem Sturz Saddam Husseins, in seine Heimatstadt zurückkehrte. Eine Dekade später haben sich seine kühnsten Träume erfüllt. Generalstabsmäßig marschierten Peschmerga-Kämpfer der Autonomieregierung in Arbil vor knapp zwei Wochen in Stellungen ein, die die irakische Armee kampflos hinterlassen hatte.
Die Felder von Baba und Khurmala

Aus Furcht, in die Hände der Gotteskrieger des Islamischen Staats im Irak und (Groß)-Syrien (Isis) zu fallen, hatten Tausende Soldaten der 12. Division Uniformen und Marschgepäck einfach in den Staub geschmissen und sich in der autonomen Kurdenregion im Nordirak in Sicherheit gebracht. Die Kurdenführer sind so zu den großen Gewinnern des neuen Irak-Krieges geworden – und zu den neuen Herren der riesigen Ölfelder rund um die Provinzhauptstadt, die anders als Arbil, Dohuk und Suleimanije nicht zur Autonomieregion gehören.

Es geht um die ölreichste Gegend des Landes, neben Basra im schiitischen Süden: 280.000 Fass am Tag wurden zuletzt über die Kirkuk-Pipeline ausgeführt, ehe Anschläge islamistischer Terroristen die Exporte im März zum Erliegen brachten. 2001, vor der amerikanischen Invasion, waren es sogar 900.000 Fass, die von Kirkuk aus auf dem Weltmarkt landeten. Den Gewinn steckte die Zentralregierung ein. Das dürfte sich schon bald ändern: Die bei Kirkuk gelegenen Felder von Baba und Khurmala könnten zum Dreh- und Angelpunkt eines souveränen Staates Kurdistan werden – diese Vision beflügelt die Kurden seit Jahrzehnten.
Klammheimliche Freude

Auch der irakische Präsident Dschalal Talabani hat sie nie ganz vergessen, obwohl er in Bagdad eigentlich nationale Interessen zu vertreten hatte. Überall auf dem Gelände der Kurdenpartei in der verwaisten Innenstadt Kirkuks hängen Bilder des schwer erkrankten PUK-Führers, der seit Dezember 2012 in einem Berliner Krankenhaus behandelt wird. Wäre er noch handlungsfähig, sagt der jordanische Botschafter in Bagdad in einem Interview, das gerade über den Fernseher in Abdul Rahmans Büro läuft, hätte Isis es nie geschafft, das Land an den Rand des Abgrunds zu bringen.

Wohin man dieser Tage auch kommt in Kirkuk, die Menschen sitzen vor den Bildschirmen – und alle Sender zeigen Aufnahmen vom Siegeszug der Isis-Kämpfer mit ihren schwarzen Fahnen. Im Vorzimmer von Abdul Rahmans Büro haben sich Uniformierte auf Sofas unter einem Porträt Talabanis aneinandergedrängt und starren auf die Fernsehbilder. Von Angst ist nichts zu spüren – anders als in Bagdad oder Takrit, wo viele eine Rückkehr des Terrors der Jahre 2005 bis 2008 fürchten. Bei den irakischen Kurden herrscht klammheimliche Freude über den Blitzkrieg der Dschihadisten. Innerhalb weniger Tage konnten die Kurden ihr Gebiet um Hunderte Quadratkilometer erweitern.

Die seit Jahren ungelösten Streitigkeiten mit der Zentralregierung in Bagdad wurden im Handstreich beseitigt. Auch über Abdul Rahmans Schreibtisch hängt ein Bild Talabanis, des Gegenspielers von Kurdenpräsident Barzani. Barzani führt in Arbil die kurdische Konkurrenz der PUK an, die Kurdische Demokratische Partei (KDP). Über Jahre lieferten sich die Milizen der beiden Parteien einen blutigen Bürgerkrieg, ehe der Sturz der Saddam-Diktatur 2003 sie einen entscheidenden Schritt voranbrachte auf dem Weg zum eigenen Staat. Fortan zogen sie an einem Strang. Während Barzani von Arbil aus eine eigene Außenpolitik betrieb und die Verbindungen zur benachbarten Türkei ausbaute, setzte Talabani in Bagdad kurdische Interessen durch.

Mit seinem Verhandlungsgeschick wäre es dem erkrankten Staatschef sicherlich gelungen, die gemäßigten sunnitischen Unterstützer der Isis-Terroristen zu besänftigen, sagt Abdul Rahman – und sie vom gemeinsamen Kampf mit den Dschihadisten abzuhalten. Die Freude über die unerwarteten Gebietsgewinne steht ihm das ganze Gespräch über ins Gesicht geschrieben. Aber auch ohne ihren großen Führer Talabani würden die Kurden alles tun, um die atemberaubende Neuordnung des Iraks in politische Gewinne umzumünzen. In Bagdad ist Ministerpräsident Nuri al Maliki dringend auf Koalitionspartner angewiesen.
Al Maliki müsste auf die Kurden zugehen

Sollte sich der schiitische Herrscher überhaupt halten können, müsste er auf die Kurden zugehen. Schon jetzt kämpfen wenige Kilometer nördlich der Hauptstadt Peschmerga-Einheiten gemeinsam mit Regierungssoldaten gegen sunnitische Milizen. In Kirkuk sorgte ein vom Gouverneur der Provinz eilends ausgehandeltes Abkommen zwischen den flüchtenden Offizieren der Bundesarmee und dem Peschmerga-Oberkommando dafür, dass die staatliche Ordnung erhalten blieb.

Nur so ließ sich der Durchmarsch von Isis-Kämpfern verhindern. Tausend Männer der kurdischen Regionalgarde seien allein am PUK-Hauptquartier im verwaisten Stadtzentrum Kirkuks stationiert, sagt Abdul Rahman. Nochmal so viele dürften es auf dem Gelände der KDP-Führung ein paar Straßen weiter sein.

Ortswechsel. Am Maschruah-Kanal, 25 Kilometer westlich von Kirkuk, weiden Schafe auf kargen Feldern. Grell lodern die Fackeln der Bohrtürme in den von der stechenden Sonne blassen Himmel. Ein paar Dutzend kurdische Soldaten haben sich in den Schatten der von Palmwedeln bedeckten Unterstände zurückgezogen. Hinten am Horizont ragt eine Hügelkette hervor. Dort haben die Isis-Kämpfer sich festgesetzt, immer wieder in den vergangenen Tagen kam es zu Gefechten mit den Peschmerga.
Alle Karten in der Hand

Weiter südlich setzten die Dschihadisten am vergangenen Dienstag sogar zum Sturm auf die beiden größten Raffinerien des Landes an. Würde die Zentralregierung in Bagdad nach den Ölfeldern von Kirkuk auch noch die Anlagen in Baidschi, rund 200 Kilometer weiter südlich, verlieren, wären Stromversorgung und Treibstoffnachschub im Land ernsthaft gefährdet. Auch deshalb hat die Kurdenführung nun alle Karten in der Hand, um Bagdad zu weitreichenden Zugeständnissen zu zwingen. Eine Verbindung zu den Ölgebieten von Avana, die die kurdische Regionalregierung seit 2008 betreibt, gebe es bereits, sagte der Minister für natürliche Ressourcen, Ashti Hawrami, vergangene Woche.

Von Avana aus führt die kurdische Pipeline zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan, es ist die Lebensader eines unabhängigen Kurdistans. Die tägliche Ausfuhr von derzeit 400.000 Fass soll schon im kommenden Jahr auf eine Million gesteigert werden, bis 2019 auf das Doppelte – und da sind die unter den Feldern westlich von Kirkuk schlummernden Reserven noch gar nicht einberechnet. Da die Nachbarländer Türkei und Iran eigene kurdische Minderheiten haben, würden sie einen eigenständigen Staat nicht akzeptieren, das wissen Präsident Massud Barzani und sein Neffe, Regierungschef Nechirvan Barzani. Doch haben sie mächtige wirtschaftliche Verbündete, die den Übergang bis zu einer tatsächlichen Unabhängigkeit schon heute versüßen.
„Da gehen wir nicht mehr weg“

Fast alle Großkonzerne der Ölbranche sind seit 2011 im Nordirak eingestiegen, trotz aller Sanktionsdrohungen der Zentralregierung. Chevron, Exxon Mobil, Hess und Total SA dealten lieber mit Arbil als mit Bagdad – auch weil der Ausbau der Infrastruktur im korrupten Süden des Landes nur schleppend vorankommt. Würde die Autonomieregion eines Tages unabhängig werden, stiege Irakisch-Kurdistan zum zehntgrößten Erdölproduzenten der Welt auf.

Für den PUK-Funktionär Abdul Rahman ist das nicht einmal nötig. „Kirkuk wird einen Status erhalten, der die Zuständigkeiten zwischen der Autonomieregierung und der Exekutive einvernehmlich regelt“, sagt er mit österreichischem Zungenschlag. Seine Sorge solle das nicht sein, schließlich sei Kirkuk die „reichste Stadt der Welt“, da falle für jeden etwas ab.

Über eine Landkarte Iraks gebeugt, fährt er mit dem Zeigefinger die neuen Hoheitsgebiete ab – von Tuz Khurmatu, nur 200 Kilometer nördlich von Bagdad, bis an die syrischen, türkischen und iranischen Grenzen. Auch auf den kleinen Kanal 25 Kilometer westlich von Kirkuk zeigt er, den Saddam Hussein einst bauen ließ, um die Äcker über den Ölfeldern der Gegend zu bewässern. „Das gehört jetzt uns“, sagt Abdul Rahman, „da gehen wir nicht mehr weg.“

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Irak-Ticker: Armee erbeutet riesigen Datenschatz der ISIS

Auf Speicher-Sticks finden sich laut dem britischen „Guardian“ die Namen von Terroristen, Codewörtern, Namen von Informanten und Finanzdaten. Danach besitzen die Terroristen durch die Eroberung der Stadt Mossul ein Vermögen von mehr als 2 Mrd. Dollar.

viaIrak-Ticker: Armee erbeutet riesigen Datenschatz der ISIS – Röttgen für vermittelnde Rolle Deutschlands in der Irak-Krise – Politik Ausland – Bild.de.

Aufstand im Irak: Die Rache des Kreuz-Königs

Seit elf Jahren ist Izzet Ibrahim al Duri auf der Flucht. Wiederholt wurde die Verhaftung des Stellvertreters von Saddam Hussein bekanntgegeben, mehrfach wurde er voreilig für tot erklärt. Doch noch immer wirkt Duri, der „Kreuz-König“ im amerikanischen Kartenspiel von 2003, das die meistgesuchten Iraker im Regime von Saddam Hussein führt, im Untergrund. Vieles spricht dafür, dass der fromme Muslim Duri im Aufstand der sunnitischen Provinzen gegen die Regierung des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al Maliki eine entscheidende Rolle spielt. Er ist seit 2007 der Vorsitzende der im Untergrund tätigen irakischen Baath-Partei.

Als deren bewaffneter Arm gilt die „Armee der Männer des Ordens der Naqshbandija“, die 2006 gegründet wurde. Zunächst sollte sie die Mitglieder des Ordens schützen. Zunehmend arbeitete die Miliz dann mit Dschihadisten zusammen. Sie erklärte, mit allen zu kooperieren, die ihr Ziel teilten, die Macht der Schiiten zu brechen. Duri, der selbst dem Orden der Naqshbandija angehört, soll deren spirituelles Oberhaupt sein, nicht aber der operative Führer dieser Miliz. Die Vereinigten Staaten haben auf seine Ergreifung ein Kopfgeld von 10 Millionen Dollar ausgesetzt.

Duri bringt die Voraussetzungen mit, die drei wichtigsten sunnitischen Gruppen im Irak, die in den vergangenen Jahren nichts miteinander zu tun haben wollten, für einen Aufstand gegen den neuen irakischen Staat zusammenzuführen: Als frühere rechte Hand von Saddam Hussein spricht Duri die weit über 100.000 zwangspensionierten Soldaten der 2003 aufgelösten Armee an, die in Mossul wohnen. Als Saddams ehemaliger Beauftragter für die Stämme des Nordirak kennt er die dortigen Stammesführer, und als frommer Muslim findet er auch bei den Dschihadisten Gehör.

Izzet Ibrahim al Duri wurde am 1. Juli 1942 in Takrit geboren und war fünf Jahre jünger als der ebenfalls aus Takrit stammende Saddam Hussein. Die beiden gehörten demselben Clan an, sie wurden Freunde und Weggefährten. Saddam Hussein soll an Duri dessen Härte, aber auch dessen Witz geschätzt haben. Duri, dessen Vater ein Eisverkäufer war, gehörte zum engen Kreis um Saddam Hussein, als sich der 1968 an die Macht geschossen und geputscht hat. Der rothaarige und asketisch wirkende Duri stieg zum stellvertretenden Staatspräsidenten, zum stellvertretenden Vorsitzenden des Revolutionsrates, des wichtigsten Gremiums von Saddams Republik, und zu dessen Stellvertreter an der Spitze der Streitkräfte auf. Einmal sagte Duri öffentlich zu Saddam Hussein: „Selbst deine Fehler sind richtig.“

Saddam Hussein entsandte meist seinen langjährigen Außenminister Tareq Aziz ins Ausland, wenn er Sympathie erzeugen wollte. Wollte er aber Kompromisslosigkeit und Härte demonstrieren, schickte er Duri – so noch am Vorabend des irakischen Einmarsches vom 2. August 1990, als Duri im saudischen Dschidda die kuweitische Führung spüren ließ, was sie in den Stunden danach zu erwarten hatten. Zwei Jahre zuvor war er für die irakischen Streitkräfte im Nordirak verantwortlich und damit auch für den Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabdscha. Anfang 1991 warnte er die Kurden, dass sich Halabdscha jederzeit wiederholen lasse.

Duri vermutlich oft in Mossul

Nach der Vertreibung der irakischen Armee durch eine internationale Streitmacht aus Kuweit im Februar 1991 und nach der Verhängung des Sanktionsregimes gegen den Irak war es Duri, der Saddam Hussein drängte, eine islamische Politik zu verfolgen. Duri selbst leitete die „Kampagne des Glaubens“ (al hamla al imanija). Seither steht auf der irakischen Flagge „Allahu akbar“ geschrieben. Duri setzte auch durch, radikale antiwestliche Gruppen sunnitischer Muslime mit Staatsgeldern zu fördern. Duri wurde so zum Repräsentanten des extremistischen sunnitischen Flügels in der Baath-Partei.

Im Juli 2003 kondolierte er Saddam Hussein zum Tod von dessen Söhnen Udai und Qusai. Beide waren drei Monate nach dem Sturz von Saddam Hussein in einem Haus in Mossul getötet worden. Es wird vermutet, dass sich Duri oft in Mossul aufhält. In Mossul fanden 2009 die ersten Anschläge der „Armee der Männer des Ordens der Naqshbandija“ statt. Unklar bleibt hingegen, wie sich Duri gegen Leukämie behandeln lässt, an der er seit den 1990er Jahren erkrankt ist. Zumindest hatte er sich 1999 in Wien gegen Leukämie behandeln lassen. Als er Saddam Hussein im Juli 2003 kondolierte, schrieb er, er werde nicht ruhen, bis dessen Söhne gerächt seien.

Zuletzt meldete sich Duri in zwei Videos zu Wort. Das erste Video zirkulierte im April 2012. Anlässlich des 65. Jahrestags der Gründung der Baath-Partei erklärte Duri, der eine olivgrüne Uniform trug, dem Westen und Iran den Krieg. Er rief in der eine Stunde dauernden Rede alle „nationalistischen und islamischen Kräfte“ im Irak auf, die Regierung in Bagdad zu stürzen und beschimpfte die schiitische Regierung als Handlanger der „Mongolen“. Seit dem irakisch-iranischen Krieg von 1980 bis 1988 bezeichnete das irakische Regime Iraner und Schiiten als „Mongolen“; diese hatten 1258 Bagdad in Schutt und Asche gelegt. Er prangerte die „ausländische Intervention“ in Libyen an und pries die sunnitische Erhebung in Syrien.

Duri wirkte in dem Video alt und gebrechlich. Der amerikanische Irak-Experte Michael Knights verglich Duri daraufhin mit Don Corleone im Roman und Film „Der Pate“, der gegen Ende ebenfalls im Hintergrund wirkte. Duris ältester Sohn Ahmad ist hingegen selbst, wird gemutmaßt, führend im „Widerstand“ tätig. In einem zweiten Video vom 5. Januar 2013 rief Duri abermals alle „nationalistischen und islamischen Kräfte“ zum „Sturz der safawidisch-persischen Allianz“ auf. Kurz darauf begannen in der Ortschaft Hawidscha die Proteste gegen die Regierung Maliki, die dieser blutig niederschlagen ließ. Das wurde zur Initialzündung für den Aufstand – hinter dem mutmaßlich Duri steckt.

viaAufstand im Irak: Die Rache des Kreuz-Königs – Politik – FAZ.

„Keine Lernkurve in den USA“

Für den US-Journalisten Seymour Hersh kommt der Vormarsch der Isis Islamischer Staat im Irak und Großsyrien nicht unerwartet. „Das war absehbar. Die amerikanischen Geheimdienste beobachten Saudi-Arabien sehr genau. Die haben Geld und kleine Waffen geliefert in den vergangenen vier, fünf Jahren. Das waren einige Hundert Millionen pro Jahr.“ Vor allem in die Region Anbar, das Herzstück der sunnitischen Opposition, sei viel Geld geflossen, sagte der Nahostspezialist im Gespräch mit dem Standard am Rande eines Medienkongresses in Barcelona, auf dem er eine Rede hielt.

Warum der Vormarsch jetzt erfolge? „Es gibt Anzeichen dafür, dass der Ausbruch von Extremisten aus dem Gefängnis von Abu Ghraib damit zu tun hat“, sagte Hersh. Dies habe zu einer weiteren Radikalisierung geführt. Hersh war 2004 der erste Journalist, der über die Foltermethoden von US-Soldaten in Abu Ghraib berichtete. Für seine Berichterstattung über das My-Lai-Massaker in Vietnam 1969 bekam Hersh den Pulitzer-Preis.

Seiner Ansicht nach liefert der Vormarsch der Isis Ministerpräsident Nuri al-Maliki Argumente für Bombardierungen. Dieser sei ohnehin nicht stark und erhoffe sich Rückenwind für die Wahlen.

Nach Ansicht von Hersh wird Isis nicht versuchen, Bagdad einzunehmen, sondern darauf setzen, ihre jetzt eroberten Bastionen zu sichern. Der Journalist, der viele Jahre für die New York Times und den New Yorker arbeitete, findet die Berichterstattung in vielen Medien oberflächlich. Wenn es um Terrorismus gehe, werde fast immer von Al-Kaida gesprochen, „dabei ist nicht alles Al-Kaida, die ist längst nicht mehr so mächtig“. In den USA werde dieser Begriff vor allem deshalb verwendet, weil die Anti-Terror-Gesetze darauf beruhten und Al-Kaida ein rechtlicher Terminus sei. Um der US-Regierung ein Handeln zu ermöglichen, werde alles mit Al-Kaida bezeichnet, „ob dies nun zutrifft oder nicht. Das hält Al-Kaida auch in Medien groß.“

Nach Ansicht von Hersh „haben die Amerikaner keine Ahnung, was passieren wird“. Die USA seien mit schuld an der derzeitigen Lage. Im Irak seien Mitarbeiter der Regierung und Armee, darunter viele Sunniten, entlassen und zu Al-Kaida getrieben worden. „Das waren die Einzigen, die ihnen Geld gaben.“ In Afghanistan kämpfen US-Soldaten seit 13 Jahren und „haben nichts erreicht“.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 habe man nichts gegen die sozialen Probleme unternommen, die zu Terrorismus führten. „Jüngere Familienmitglieder werden dann für terroristische Zwecke verkauft, wenn kein Geld da ist. Viele kennen den Koran nicht einmal.“ Hershs Fazit: „In den USA gibt es keine Lernkurve.“ Die Europäer würden aber gar nichts unternehmen und nicht einmal einig sein.

via„Keine Lernkurve in den USA“ – Irak – derStandard.at › International.

Angeblich systematische Folter im Irak: Britische Soldaten wegen Kriegsverbrechen angezeigt

Über sechs Jahre hinweg sollen britische Soldaten im Irak-Krieg Gefangene systematisch misshandelt und gefoltert haben. Dies behaupten zumindest zwei Nichtregierungsorganisationen. Sie haben bereits Klage gegen die britische Regierung eingereicht.

Wegen angeblicher systematischer Folter und Kriegsverbrechen durch britische Soldaten während des Irak-Krieges haben zwei Nichtregierungsorganisationen beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag Strafanzeige erstattet. Das berichteten die „Süddeutsche Zeitung“ und der Norddeutsche Rundfunk am Freitag nach gemeinsamen Recherchen.

Das European Center for Constitutional and Human Rights ECCHR in Berlin und die Public Interest Lawyers PIL, eine gemeinnützige Anwaltskanzlei aus Birmingham, hätten die Klage gegen die britische Regierung eingereicht. Die Anwälte fordern Ermittlungen gegen hochrangige britische Kommandeure, damalige Minister und Staatssekretäre.

Verteidigungsministerium räumt Misshandlungen ein

Konkret soll es um die Misshandlung von Gefangenen in den Jahren 2003 bis 2008 gehen. Den Angaben zufolge haben insgesamt 109 ehemalige irakische Gefangene ihre Erlebnisse zu Protokoll gegeben.

Das britische Verteidigungsministerium bestätigte am Freitagabend auf eine gemeinsame Anfrage von „SZ“ und NDR, dass es im Irak zu Misshandlungen durch britische Soldaten gekommen sei – in „wenigen Fällen“. Den Vorwurf, britische Soldaten hätten systematisch gefoltert, wies ein Sprecher zurück.

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Durch den Irak-Krieg starb eine halbe Million Menschen

Vom Beginn des Irakkriegs 2003 bis 2011 sind einer neuen Studie zufolge fast eine halbe Million Menschen an den Folgen des Krieges gestorben. Die meisten Toten könnten auf direkte Gewalteinwirkung zurückgeführt werden, bei etwa einem Drittel der Todesfälle gebe es dagegen indirekte Ursachen, heißt es in der am Dienstag in den USA veröffentlichten Untersuchung.

Zu den indirekten, aber mit dem Krieg zusammenhängenden Ursachen gehört demnach der Zusammenbruch der Infrastruktur für Gesundheitsfürsorge, Ernährung, sauberes Trinkwasser und Verkehrswesen.

Die Forscher von der Universität Washington, der Johns Hopkins University und der Simon Fraser University befragten stichprobenartig 2000 repräsentativ ausgewählte Haushalte im Irak zu Geburt und Tod ihrer Angehörigen. Dabei kamen sie auf eine geschätzte Zahl von 405.000 Irakern, die bis Mitte 2011 direkt oder indirekt durch Kriegshandlungen getötet wurden.

Hinzu kamen 55.805 Iraker, die im Exil starben. Bei den Gründen für nicht gewaltsame Tode rangieren Herzkrankheiten auf Platz eins, gefolgt von chronischen Erkrankungen und Krebs. Die Studie wurde in der Zeitschrift \“PLoS Medicine\“ veröffentlicht

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„Die schlimmsten Arten von Folter“: US-Veteranen leiteten Aufbau von Folterkellern im Irak

Ein Netzwerk von Verliesen hat während der Besatzung durch US-Truppen den Irak durchzogen, zahllose Menschen wurden darin gefoltert und gequält. Nun enthüllt ein Bericht: Die geheimen Gefängnisse entstanden unter der Leitung von US-Veteranen.Ausgerechnet US-Veteranen sollen während der US-Besatzung im Irak ein Netzwerk von Folterkellern aufgebaut und so den Bürgerkrieg in dem Land verschärft haben. Unzählige Menschen waren zwischen März 2003 und Dezember 2011 in diesen Geheimgefängnissen gequält und gefoltert wurden, manche kehrten nie zurück. Nun enthüllten der britische „Guardian“ und die BBC, dass die Folterzentren von US-Veteranen geleitet wurden – offenbar mit vollem Wissen oder gar auf Weisung des Pentagon und von Ex-CIA-Chef David Petraeus.Der Bericht bezieht sich auf Aussagen von Zeugen aus den USA und dem Irak. Demnach waren vor allem zwei Militärs für das grausame Netzwerk verantwortlich: die Colonels James Steele und James H. Coffmann. Letzterer bezeichnete sich demnach einst als Petraeus´ „Augen und Ohren“ im Irak, der zwischen 2003 und 2005 als General im Irak war. Coffmann soll direkt an den damaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld berichtet haben. Erfahrung in brutalen Verhörmethoden hatte er offenbar durch Einsätze in Zentralamerika in den 80er-Jahren.„Sie kannten alles, die schlimmsten Arten von Folter“Stimmen die Anschuldigungen, wären sie die erste direkte Verbindung von systematischer Folter im Irak zu hohen Vertretern des US-Militärs. „Sie haben Hand in Hand gearbeitet“, zitiert der „Guardian“ einen irakischen General in Bezug auf Petraeus und Steele. „Sie kannten alles, was in diesen Zentren vor sich ging, die Folter, die schlimmsten Arten von Folter.“ Weitere Zeugen sind ein Fotograf und ein Reporter, die ähnliche Angaben machten.Der irakische General stellte das System der Qualen so dar: In jedem Gefängnis habe es ein eigenes „interrogation comittee“ gegeben, bestehend aus einem Offizier des Geheimdienstes und acht Fragern. Diese neun Leute hätten „alle Arten von Folter“ benutzt, Elektrizität eingesetzt, Menschen kopfüber aufgehängt, Fingernägel rausgezogen. Laut dem Bericht gibt es allerdings nur Beweise dafür, dass Steele und Coffmann ab und zu in den Folterzentren zugegen waren – nicht dafür, dass sie sich selber an der Folter beteiligten.

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