Eine griechische Gesundheitstragödie

Die finanzielle Hilfe für Griechenland ist an drakonische Sparmaßnahmen geknüpft. Die Kürzungen betreffen auch das Gesundheitssystem – mit drastischen Folgen: Immer mehr Menschen können sich keine medizinische Versorgung leisten, die Selbstmordrate steigt, ebenso wie die Säuglingssterblichkeit. Die Regierung jedoch verleugne diese Auswirkungen, kritisieren Forscher in der Fachzeitschrift „Lancet“.

Kein EU-Mitglied, das bereits vor 2004 in der Union war, gibt weniger für das staatliche Gesundheitssystem aus als Griechenland. Um die dringend benötigten Hilfspakete in Milliardenhöhe zu erhalten, darf der Staat maximal sechs Prozent seines Bruttosozialprodukts für die medizinische Versorgung seiner Bevölkerung ausgeben. Das Budget für Krankenhäuser fiel von zwischen 2009 und 2011 um 26 Prozent, die staatlichen Ausgaben für Medikamente sollen von 4,37 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf 2 Milliarden Euro in 2014 sinken. Öffentliche Mittel für die Behandlung psychischer Krankheiten wurden allein von 2011 auf 2012 um 55 Prozent gekürzt.

Eigentlich sollen die Einschnitte dafür sorgen, dass Gelder effizienter eingesetzt werden; auch der Korruption sollte das Sparprogramm den Garaus machen. Doch wie Alexander Kentikelenis von der University of Cambridge und seine Kollegen in der Fachzeitschrift „Lancet“ darlegen, verschlechtert sich dadurch auch der Gesundheitszustand der Bevölkerung. Immer mehr Menschen haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Das liegt nicht nur daran, dass Kliniken und Praxen Personal einsparen.

Die Krise schlägt auf die Psyche

Mit der Zahl der Langzeitarbeitslosen steigt die Zahl jener Menschen, die nicht krankenversichert sind. Freiwillige versuchen, dieses Problem abzufedern, indem sie mittellose Patienten in Sozialkliniken versorgen. Auch Medikamentenkosten werden zum Problem: Da die Apotheken oft nicht rechtzeitig Geld von der Krankenkasse erhalten und teils hoch verschuldet sind, müssen die Patienten immer häufiger in Vorkasse gehen. In einer Studie aus dem Jahr 2012 gaben 70 Prozent aller Befragten an, sich die Medikamente, die ihr Arzt ihnen verschrieben habe, von ihrem Einkommen nicht leisten zu können.

Dabei brauchen viele Griechen gerade jetzt Hilfe. Seit Beginn der Krise hat sich die Zahl der Menschen mit schweren Depressionen mehr als verdoppelt. Die Selbstmordrate steigt, ebenso wie die Zahl der Kinder, die an Mangelernährung leiden. Forscher der Greek National School of Public Health berichten, dass die Zahl der Totgeburten zwischen 2008 und 2011 um 21 Prozent zugenommen hat – Schuld ist ihrer Meinung nach mangelnde medizinische Versorgung während der Schwangerschaft. Auch die Säuglingssterblichkeit nimmt erstmals seit langem wieder zu. Hilfsprogramme für Drogensüchtige wurden zusammengestrichen – mit dem Ergebnis, dass die Zahl der HIV-Infektionen durch verseuchte Nadeln steigt. Erstmals seit 40 Jahren infizieren sich Menschen wieder in Griechenland mit Malaria, weil Gemeinden das Geld für die Bekämpfung der Moskitos fehlt.

Die Regierung verleugnet das Problem

Die Griechen seien „einem der radikalsten Programme zur Einsparungen von Sozialleistungen in der jüngsten Geschichte“ ausgesetzt, folgern die Forscher. Doch die Regierung verschließe die Augen vor den gefährlichen Folgen. „Angesichts der umfassenden Belege für die schädlichen Folgen einer Sparpolitik für die Gesundheit ist die mangelnde öffentliche Anerkennung des Problems durch aufeinanderfolgende griechische Regierungen und internationale Behörden bemerkenswert“, heißt es in der Studie.

Doch immerhin: Es gibt ein wenig Hoffnung. Seit September verteilt die Regierung Gesundheitsgutscheine an Bedürftige. Zwei Monate zuvor stimmte die Weltgesundheitsorganisation WHO zu, Griechenland bei der Planung von Reformen zu unterstützen. „Um ein gut funktionierendes Gesundheitssystem aufzubauen, braucht es Strukturen für umfassende Verantwortlichkeiten, eine effiziente Koordination, Leistungsmanagement sowie das Wissen von Akademikern und Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten – keine Verleugnung“, schreiben Kentikelenis und seine Kollegen. „Die Menschen in Griechenland verdienen etwas Besseres“.

viaEine griechische Gesundheitstragödie – bild der wissenschaft.

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„Neue Risiken dazugekommen“: IWF sieht Aufschwung in weiter Ferne

Die Aussichten für die Weltwirtschaft sind laut Internationalem Währungsfonds (IWF) düster. Kaum begann sich die globale Wirtschaft leicht zu erholen, verliert sie auch schon wieder an Schwung. Für zahlreiche Länder korrigierte der IWF in seiner am Dienstag vorgestellten Prognose unter dem Titel „Wachstumsschmerzen“ die Daten teils stark wieder nach unten. Darunter befinden sich auch die Konjunkturlokomotiven Deutschland, USA und China. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zu den alten Risiken seien neue dazugekommen, so der IWF. So gibt das mögliche Ende der lockeren US-Geldpolitik Anlass zu Skepsis. Und der Euro-Zone droht laut IWF eine Rezession.

via„Neue Risiken dazugekommen“: IWF sieht Aufschwung in weiter Ferne – news.ORF.at.

Kommentar: Griechenland droht beispiellose Radikalisierung

Es war falsch, das Volk zu diesem Zeitpunkt zu den Urnen zu rufen. Es war falsch, weil den Griechen in den vergangenen zwei Jahren politisch und vor allem wirtschaftlich zu viel abverlangt worden ist und zu wenig Perspektiven eröffnet worden sind. Es war falsch, weil mit Lukas Papadimos ein Fachmann die Regierungsgeschäfte führte, der sich auf eine Zweidrittelmehrheit im Parlament stützen konnte. Es trifft zu, dass diese Volksvertreter längst nicht mehr in gleichem Maße das Volk repräsentierten. In dieser Hinsicht hätte das Wahlergebnis deutlicher nicht sein können. Die beiden „großen“ Parteien Pasok und Nea Dimokratia sind zusammengefallen wie Ballons, aus denen die Luft entwichen ist.

Banken und Geldverleiher sind bedient worden

Griechenland hat sich durch die Wahlen auf eine gefährliche Schleuderfahrt eingelassen. Die Schuldenkrise ist keineswegs gelöst. Den Gläubigern – und nur ihnen – konnte durch Geld und immer mehr Geld ein Stück weit geholfen werden. Doch schon bald stehen die nächsten Rückzahlungen an. Schon bald will die Troika in Athen auftauchen, um den Fortgang der so genannten Reformen zu bewerten. Heben sie nicht den Daumen, beginnt für die Hellenen wieder das große Zittern. Denn wenn EU, IWF und EZB kein neues Geld fließen lassen, dann droht wieder die große Pleite.

Die vielen Milliarden und Abermilliarden Euro, die bislang nach Athen geflossen sind, haben in Griechenland keine Jobs geschaffen, keine Rente gesichert, keine Armut verhindert. Genau das Gegenteil ist der Fall: Banken und Geldverleiher, die jahrelang ohne jeden Skrupel skrupellosen griechischen Politikern und Geschäftemachern Geld hinterher geworfen haben, sind bedient worden. Gleichzeitig vernichtet das Sparprogramm Wohlstand, Arbeitsplätze und Zukunft.

Die EU muss jetzt handeln

Die Wahl vom Sonntag war hoffentlich nur ein Warnschuss und kein Menetekel. Wenn es der EU als Ganzes nicht gelingt, Griechenland wirtschaftlich wieder auf die Beine zu bringen, droht eine beispiellose Radikalisierung – nicht nur in Griechenland. Die Wähler als Souverän haben gesprochen. Der Ausgang der Wahl ist denkbar unsouverän. Die einstmals Großen sind zum Regieren zu klein geworden. Die einst Kleinen – allen vor voran Alexis Tsipras vom Bündnis der Radikalen Linken – sind plötzlich groß, aber gänzlich unerfahren. Es ist wenig wahrscheinlich, dass sie eine Regierungskoalition zusammenbringen.

Sollte es ihnen nicht gelingen, dürften schon im Juni Neuwahlen anstehen. Sollte es ihnen gelingen, müssen sich Europa, der IWF und die Europäische Zentralbank auf harte Neuverhandlungen gefasst machen. Denn viele Forderungen nach Wachstumsprogrammen und sozialer Gerechtigkeit werden nicht nur von den so genannten Protestwählern getragen, sondern sie sind auch mehr als berechtigt.

viaKommentar: Griechenland droht beispiellose Radikalisierung | tagesschau.de.

IWF: Deutschland drohen Billionen-Verluste durch steigende Lebenserwartung

Der internationale Währungsfonds (IWF) hat berechnet, das Deutschland bis zum Jahr 2050 mit bis zu zwei Billionen Euro Verlust aufgrund der steigenden Lebenserwartung der Bevölkerung rechnen muss. “Diese Risiken bauen sich zwar langsam über einen längeren Zeitraum auf. Aber wenn sie nicht bald angegangen werden, können sie potenziell die Stabilität des gesamten Finanzsystems gefährden”, warnen die Autoren des Globalen Reports zur Stabilität des Finanzsystems.

Bei den früheren Kalkulationen hatten sich die Experten verrechnet und daher den Einfluss der gesteigerten Lebenserwartung unterschätzt. Ein Anstieg der durchschnittlichen menschlichen Lebensdauer um nur drei Jahre bis zum Jahr 2050 ziehe laut der Untersuchung einen Kostenanstieg für Deutschland von zwei Drittel der deutschen Wirtschaftsleistung nach sich – eine Prognose, die Deutschlands Bankrotturteil darstellen könnte.

Staatliche Rentenversicherung als Ursache

Der Grund für das schlechte Abschneiden Deutschlands in der Studie besteht darin, dass die gesetzlichen Rentenversicherung bei der Altersversorgung hierzulande eine große Bedeutung spielt.

viaIWF: Deutschland drohen Billionen-Verluste durch steigende Lebenserwartung.

Islands Ex-Ministerpäsident steht wegen Finanzkrise vor Gericht

In Island beginnt vor einem Sondergericht der Prozess gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten Haarde wegen seiner Rolle in der Finanzkrise 2008. Es ist das erste Mal, dass sich ein ehemaliger Regierungschef wegen der Krise, die weltweit einen Flächenbrand auslöste, vor Gericht verantworten muss. Haarde wird vorgeworfen, im Vorfeld des Zusammenbruchs des isländischen Bankensystems nicht rechtzeitig gehandelt zu haben.

Es ist still geworden um Island. Doch die Folgen der Finanzkrise halten das Land weiterhin in Atem. Nach mehreren Verzögerungen wird heute in Reykjavik die Verhandlung eines Sondergerichts eröffnet. Es soll die Verantwortung des ehemaligen Ministerpräsidenten Geir Haarde für den Zusammenbruch des Bankensystems untersuchen.

Damit wird erstmals seit der Unabhängigkeit des Landes Artikel 14 der Verfassung in Anspruch genommen. Die 15 Richter können gegen amtierende oder abgesetzte Regierungsmitglieder wegen Verletzung der Amtspflichten verhandeln  und bei einem Schuldspruch Geld- und Haftstrafen verhängen. Doch inzwischen zweifeln selbst viele Befürworter einer schonungslosen juristischen Aufarbeitung am Sinn des Tribunals.

Politischer Streit um den Prozess

Die Parteien stritten im Parlament bis zuletzt. Das Verfahren gegen seinen Parteifreund Geir Haarde sei ungerecht, klagt Bjarni Benediktsson am Vorabend der Prozesseröffnung im Plenum des Parlaments. Niemand könne ernsthaft mit einem Schuldspruch rechnen, konstatiert der Vorsitzende der konservativen Unabhängigkeitspartei.

Doch sein Antrag, das Parlament möge die Einberufung des Sondergerichts noch widerrufen, scheiterte an den Stimmen der Regierungskoalition: „Das ist eine bittere Entscheidung für unsere Justiz. Die grundlegenden Prinzipien der Menschenrechte verbieten es, dass eine Person für Taten angeklagt wird, die man nicht bestrafen kann“, so Benediktsson.

Keine Ermittlungen gegen beschuldigte Minister

Atli Gíslason stand dem parlamentarischen Ausschuss vor, der die Anklage gegen ursprünglich vier ranghohe Mitglieder der Vorgängerregierung vorbereitet hat. Im September 2010 stimmte eine knappe Mehrheit der 63 Abgeordneten im Parlament für die Einberufung des Sondergerichts. Die Sozialdemokraten, damals wie heute an den Schalthebeln der Macht, setzten sich damals auch gegen ihre Koalitionspartner, die Linksgrünen, durch. Auf Ermittlungen gegen die eigenen Minister, denen der Ausschuss ebenfalls Versäumnisse bei der Finanzaufsicht bescheinigt hatte, wurde verzichtet.

Aus Protest ist Gislason aus seiner Partei ausgetreten. Für den einstigen Linksgrünen blieb nur Verbitterung zurück: „Ich bin enttäuscht über dieses Spiel, das schon im September begann, als die Sozialdemokraten ihre Leute schonten. Geir Haarde wurde damals die alleinige Schuld für den Bankenkrach und die Haftung für Kundeneinlagen bei der Icesafe-Bank zugeschoben. Als Regierungschef war er doch nicht direkt verantwortlich. Das ist Missbrauch der Justiz und es untergräbt die Würde des Parlaments.“

Offenbar wenig Interesse an Aufklärung

Jóhanna Sigurðardóttir sieht es pragmatisch. Das Kind ist in den Brunnen gefallen, nun nehmen die Dinge ihren Lauf. So könnte man die Haltung der Ministerpräsidentin etwas salopp beschreiben. Selbst formuliert es die Sozialdemokratin freilich in gesetzteren Worten: „Meine Meinung ist ganz klar: Ich war früher schon der Auffassung, dass es keine konkreten Gründe gibt, Geir Haarde anzuklagen – und daran hat sich nichts geändert. Es sind aber auch keine Argumente aufgetaucht, die es gerechtfertigt hätten, das Verfahren zu stoppen.“

Man kann Geir Haarde, aber auch anderen Politikern vorwerfen, dass die drei großen Banken nach ihrer Privatisierung nahezu ohne Aufsicht blieben. Im kleinen Island, wo jeder jeden kennt, wurden Chefpositionen nach Parteiproporz verteilt. Und wenig spricht dafür, dass die Finanzelite ein Interesse an der Aufklärung hat.

Ein Aufklärer wird kaltgestellt

Der jüngste Paukenschlag erregte am letzten Donnerstag die Gemüter. Da verkündete der Aufsichtsrat der Finanzaufsichtsbehörde den Rauswurf seines Generaldirektors Gunnar Andersen. Der Ex-Banker hat sich als resoluter Ermittler einen Namen gemacht. Er ließ frühere Kollegen und prominente  Kreditnehmer gefesselt vor den Richter führen. Nun der tiefe Fall: Andersen soll heimlich und illegal Finanzauskünfte über den früheren Gesundheitsminister eingeholt haben. Ein Versuch, interessierter Kreise, die Finanzaufsicht zu diskreditieren, um die alte Ordnung möglichst bald wieder herzustellen, wie es manche Beobachter in Reykjavik vermuten?

Julie Kozack hält sich mit Spekulationen zurück. Der Abbau der Staatsschulden komme voran, der Haushalt sei solide, lobt die Statthalterin des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Island. Und dann wird sie doch noch deutlich: „Das Land dürfe keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass seine Finanzaufsicht auch in Zukunft unabhängig arbeiten und bei Bedarf kraftvoll zuschlagen kann, sagt sie. Die Fehler der Vergangenheit dürften sich nicht wiederholen.“

viaIslands Ex-Ministerpäsident steht wegen Finanzkrise vor Gericht | tagesschau.de.

G20-Treffen in Mexiko: Europäer stoßen auf Gegenwind

Die Hoffnungen der Europäer auf eine Stärkung des Internationalen Währungsfonds und damit mehr Hilfen zur Bekämpfung der Schuldenkrise haben in der G20-Gruppe einen Dämpfer erhalten. Die Partner forderten die Europäer kurz vor dem Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer am Wochenende in Mexiko-Stadt auf, zunächst selbst mehr zu tun, um ihre Krise zu bekämpfen.

Erst dann könnten sie auf zusätzliche Hilfen aus einer Erhöhung der IWF-Finanzmittel hoffen. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann erklärte wie andere Teilnehmer, er rechne bei dem Treffen nicht mit Entscheidungen zur Aufstockung des Fonds. Die Europäer werben bei ihren Partnern um eine Beteiligung an den finanziellen Anstrengungen, mit denen eine Verschärfung der Schuldenkrise verhindert werden soll.

Ein Weg könnte darin bestehen, dass zahlungskräftige IWF-Mitgliedsländer wie China oder Japan dem Fonds bilateral Kredite geben, die dann als Hilfen unter anderem nach Europa fließen könnten. Der Fonds hatte kürzlich einen Bedarf von 600 Milliarden Dollar angemeldet, von denen 500 Milliarden Dollar für Hilfen fließen sollen. 200 Milliarden Dollar davon sollen aus Europa kommen.

Länder wie die USA argumentieren aber, die Euro-Länder sollten zunächst ihre Rettungsschirme EFSF und ESM deutlich verstärken, bevor solche Hilfen infrage kommen könnten. Europa müsse den ersten Schritt machen, fordern viele G20-Länder. Der Gastgeber des G20-Treffens, Mexikos Finanzminister Jose Antonio Meade erklärte, es sei noch zu früh, um über Zahlen für eine IWF-Kapitalerhöhung und die Methoden dafür zu diskutieren.

Sein US-Kollege Timothy Geithner sagte im Fernsehsender CNBC: „Was wir nicht wollen, ist, dass der IWF ein Ersatz – und er kann dafür wirklich kein Ersatz sein – für einen stärkeren Impuls aus Europa wird.“ Selbst wenn die US-Regierung dem IWF mehr Mittel zufließen lassen wollte, hätte sie kaum Chancen, dies im US-Wahlkampf im Kongress durchzusetzen. Deswegen rechnet man im Falle der Vereinigten Staaten in Deutschland schon nicht mehr mit einem Entgegenkommen. Das gilt aber nicht für andere Länder wie China, Indien oder Brasilien.

Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union wollen sich Anfang März in Brüssel treffen. Dabei soll erneut über die Ausstattung der Rettungsfonds gesprochen werden. Davon wird es abhängen, ob sich wichtige G20-Länder letztlich über den IWF an der Bekämpfung der Schuldenkrise beteiligen. Mexikos Zentralbank-Präsident Agustin Carstens beklagte, in vielen Ländern würden bei Krisen Entscheidungen verschleppt.

Wenn die Europäer rasch entschieden, wäre das für die Weltwirtschaft verheißungsvoll. Deutschland ist bei dem G20-Treffen besonders unter Druck, weil viele Partner noch mehr von der Bundesrepublik verlangen. Die Kritik lautet, mit einem einseitigen Beharren auf Sparen habe Deutschland Staaten wie Griechenland noch stärker in die Krise gestoßen. Dem widersprach Weidmann entschieden.

Deutschland trage zu den europäischen Rettungsanstrengungen überproportional viel bei, sagte er in einer Diskussionsveranstaltung. Ohne Haushaltsdisziplin könne Vertrauen und Stabilität nicht zurückgewonnen werden. Auch zur IWF-Mittelerhöhung sei Deutschland bereit, knapp 42 Milliarden Dollar beizutragen. Bedingung sei aber eine breite Beteiligung anderer Länder.

Das Ministertreffen der G20 beginnt am Samstag in Mexiko-Stadt. Wegen der Bundestagsabstimmung über das zweite Griechenlandpaket wird der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble am Sonntagmittag und damit noch vor dem offiziellen Ende der Konferenz nach Deutschland zurückreisen.

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China-Reise der Kanzlerin: Merkel im Reich der Mittel

Europa braucht dringend Geld. Bei ihrer Reise nach China will Angela Merkel daher um Investitionen in die klammen Euro-Staaten werben. Doch Peking gibt sich bislang knauserig. Schafft die Kanzlerin die Wende?

Merkel besucht die Volksrepublik bereits zum fünften Mal, die Beziehungen sind in den vergangenen Jahren immer intensiver geworden, doch diesmal spricht man auch in der Bundesregierung mit Blick auf den Trip von einem „ausgesprochen glücklichen Timing“. Denn die Visite der Kanzlerin findet unmittelbar nach dem jüngsten EU-Krisengipfel statt. Den dort verabschiedeten Pakt für strengere Haushaltsdisziplin in Europa hat Merkel gerade als „Meisterleistung“ gefeiert, und die will sie der chinesischen Führung nun „aus erster Hand“ erläutern. Die CDU-Chefin, heißt es aus Regierungskreisen, wolle in Peking berichten, wie sich Europa auf den Weg in die Stabilitätsunion macht: „Es ist wichtig, Vertrauen in den Euro-Raum zu schaffen.“

Vertrauen, das sich auszahlen soll. China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, auch wenn sich die Konjunktur abgekühlt hat, von den Wachstumsraten – 9,2 Prozent im Jahr 2011 – können die Europäer nur träumen. Das Land verfügt über geschätzte Devisenreserven im Wert von 3,2 Billionen US-Dollar, Geld, das der europäischen Währungsunion bei der Stabilisierung helfen könnte. Und an einer stabilen Euro-Zone und einem starken Euro, darauf wird in der Bundesregierung gerne verwiesen, hätten die Chinesen ein großes Interesse. Das hat die Führung in Peking mehrfach wiederholt.

„Investitionen ausdrücklich willkommen“

Und so wird die Kanzlerin in der Volksrepublik nicht nur mit Staatspräsident Hu Jintao und Ministerpräisdent Wen Jiabao sprechen, so ist aus Regierungskreisen zu hören, sondern auch mit Finanzinvestoren – auch wenn es natürlich nicht Merkels Aufgabe sei, Investmentbanking zu betreiben. Ein hoher Regierungsvertreter betonte am Dienstag in Berlin aber auch: „Chinesische Investitionen sind ausdrücklich willkommen. Sie werden gesucht, gebraucht und begrüßt.“ Und zwar in Deutschland genauso wie im Rest des Euro-Raums.

So besteht in Europa nach wie vor großes Interesse, dass sich die Chinesen beim Rettungsschirm EFSF engagieren, um dessen Garantiesumme zu hebeln und seine Schlagkraft im Kampf gegen die Schuldenkrise zu erhöhen. Die Signale aus Peking dazu waren bisher verhalten, eine Werbetour von EFSF-Geschäftsführer Klaus Regling vor einigen Wochen in China blieb erfolglos. In der Bundesregierung wird darauf verwiesen, dass die Hebelinstrumente gerade erst eingesetzt worden seien. Nun wird Merkel die Gelegenheit sicher nutzen, noch einmal nachzuhaken. In Regierungskreisen wird das offiziell vorsichtig formuliert: „Die Frage, ob und wie viel die Chinesen in den EFSF stecken, stellt sich im Moment nicht, kann sich aber stellen.“

Akut stellt sich die Frage sehr wohl beim Internationalen Währungsfonds (IWF), der seine Brandmauern ebenfalls erhöhen will. Auch hier könnte China einen Beitrag leisten. Dafür zu werben sei aber nicht Merkels Job, sondern vor allem der von IWF-Chefin Christine Lagarde, heißt es in Berlin. Aussparen wird die Kanzlerin das Thema deswegen nicht.

Ganz sicher dürfte sich Merkel für weitere Direktinvestitionen in Deutschland und deutsche Aufträge in China stark machen. Schon jetzt sind nach Angaben der Bundesregierung rund 800 chinesische Unternehmen in Deutschland aktiv. Auf der Reise nach Peking und die Stadt Kanton (Guangzhou) wird Merkel zudem von einer 20-köpfigen, hochrangigen Wirtschaftsdelegation begleitet – unter ihnen mehrere Chefs großer Dax-Unternehmen und aus dem Mittelstand.

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