Die Vermessung des Kunden

Immer mehr US-Unternehmen lassen sich von Spezialisten berechnen, wie viel ihnen ein Konsument bis zum Tod einbringen wird. Wer viel wert ist, wird beim Einkauf hofiert – der Rest ignoriert.

Wenn nur die grässliche Musik nicht wäre. Die fröhlich dahergeplapperten Durchhalteparolen und „Wussten Sie schon?“-Sprüche, das Knacken in der Leitung, das jedes Mal die trügerische Hoffnung weckt, ein echtes menschliches Wesen werde sich am anderen Ende melden und die Tortur beenden. Doch wieder nichts: Zum zehnten Mal in 30 Minuten beginnt die Dudelei von vorn, und der Anrufer fragt sich verzweifelt, warum er schon wieder in der Telefonwarteschleife festhängt, wo doch die Nachbarin immer sofort durchgestellt wird. Klar, kann Zufall sein – aber vermutlich ist es keiner, zumindest nicht in den USA. Weitaus wahrscheinlicher ist: Die Nachbarin hat einen deutlich höheren CLV.

CLV, das steht für „customer lifetime value“, zu Deutsch: „Kundenlebenszeitwert“ – ein neues machtvolles Marketinginstrument, das Unternehmen in den Vereinigten Staaten so elektrisiert wie es Verbraucherschützer alarmiert, denn einen ähnlich groß angelegten Angriff auf die Privatsphäre von Millionen Flug-, Telefon-, Einzelhandels- und sonstigen Kunden dürfte es selbst in der US-Wirtschaftsgeschichte mit ihren dauernden Datenskandalen bisher nicht gegeben haben. Immer mehr Firmen lassen anhand Dutzender, Hunderter, gar Tausender persönlichen Daten berechnen, wie viel ihnen ein einzelner Käufer über sein gesamtes „Kundenleben“ wohl in Dollar und Cent einbringen wird. Kommt jemand auf einen hohen CLV, wird er umgarnt und gepflegt, erhält Rabatte, Hochstufungen, persönliche Hotline-Ansprechpartner und andere schicke Sonderleistungen. Ist der Wert dagegen niedrig, fristet der meist ahnungslose Konsument fortan ein Leben in der Telefonschleife.

„Viele Unternehmen glauben, dass Kunde gleich Kunde ist. Aber das stimmt nicht.“

Dass Unternehmen Verbraucher in unterschiedliche Kategorien einteilen, ist keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Wer früher Stammkunde im Tante-Emma-Laden um die Ecke war, bekam selbst in Berlin mit seinen notorisch übellaunigen Verkäufern einmal ein paar Kartoffeln oben drauf, fand die Brötchentüte beim Betreten des Geschäfts schon fertig gepackt vor oder konnte anschreiben lassen. Gelegenheitsbesucher hingegen mussten mit einem Mindestmaß an Freundlichkeit auskommen und damit rechnen, auch einmal von der Seite angepflaumt zu werden: „Wat anjefasst wird, wird ooch jekooft.“

Die modernen Kundenbewertungen in den USA jedoch haben mit derlei schnoddrig-eindimensionaler Kauzigkeit nichts mehr gemein. Heute führen Modehäuser, Mobilfunkanbieter, Kreditkartenfirmen, Hotelketten, Fluggesellschaften, Autohändler und viele andere Firmen nicht nur akribisch Buch darüber, wer in den vergangenen Jahren was wann wo wie oft gekauft oder gebucht hat. Vielmehr beauftragen sie Analyseunternehmen damit, bei sogenannten Datenbrokern weitere persönliche Informationen über einzelne Konsumenten zu erwerben, die Vielzahl an Informationen zu gewichten und daraus individuelle Kundenlebenszeitwerte zu berechnen. Der Marketingdienstleister Zeta Global etwa, das jüngste Start-up des früheren Apple- und Pepsi-Chefs John Sculley, bietet angeblich Profile von 700 Millionen Menschen an, die auf mehr als 2500 Einzelinformationen beruhen – pro Person.

Der Fundus, aus dem die Analytiker mittlerweile schöpfen können, ist beinahe unendlich groß. Die Experten wissen, wer wie oft Waren reklamiert, bei Hotlines anruft und in Online-Portalen über ein Unternehmen herzieht. Sie kennen die Lieblingsgeschäfte, die Lieblingsrestaurants und -kneipen vieler Verbraucher, die Zahl ihrer „Freunde“ bei Facebook, die Art und den Urheber von Anzeigen, die Social-Media-Nutzer angeklickt haben. Sie wissen, wer in den vergangenen Tagen die Webseite eines Konkurrenten des Auftraggebers besucht oder bestimmte Waren gegoogelt hat. Sie kennen die Hautfarbe, das Geschlecht, die finanzielle Lage eines Menschen, seine körperlichen Erkrankungen und seelischen Beschwerden. Sie wissen das Alter, den Beruf, die Zahl der Kinder, die Wohngegend, die Größe der Wohnung – schließlich ist es etwa für einen Matratzenanbieter durchaus interessant zu erfahren, ob ein Kunde Single ist oder im Fall der Fälle wohl gleich fünf Schaumstoffmatten für die gesamte Familie ordert.

Peter Fader, Professor für Marketing an der Universität von Pennsylvania und Miterfinder des CLV-Konzepts, räumt ein, dass die Verwendung von Kundenlebenszeitwerten für viele Menschen ein „bisschen unheimlich klingt, fast wie Hexenwerk.“ Für Firmen sei es jedoch von größter Bedeutung, sich nicht nur um die Entwicklung von Produkten, sondern mit der gleichen Intensität auch um die Belange der Kundschaft zu kümmern. „Viele Unternehmen glauben, dass Kunde gleich Kunde ist. Aber das stimmt nicht“, sagt der frühere Versicherungsmathematiker. „Wenn man weiß, welche Kunden die größten Gewinne versprechen, kann man bei der Akquise und der Betreuung sehr viel zielgerichteter vorgehen und besonders treue Konsumenten durch eigens zugeschnittene Angebote und Rabatte an sich binden.“ Und damit nicht genug: Addiere man die Lebenszeitwerte aller Kunden auf, so der Wissenschaftler, sage die Summe oft mehr über die Zukunftsaussichten einer Firma aus als etwa der Aktienkurs.

Nach Faders Erfahrung hat jeder US-Bürger mit einem Bankkonto und einem Handyvertrag heute mindestens zwei, drei verschiedene CLVs. Wer dazu viel shoppt, reist und ausgeht, kommt leicht auf ein, zwei Dutzend und mehr. Bei einem hohen Kundenwert lässt einen die Kreditkarten- oder die Mobilfunkfirma beispielsweise nicht einfach ziehen, wenn man sich über sie geärgert hat und mit Kündigung droht. Stattdessen bietet die Firma eine attraktivere Karte oder ein kostenloses neues Smartphone an. Autofirmen stellen „wertvollen“ Kunden teure Ersatzwagen zur Verfügung, Fluggesellschaften versetzen Konsumenten mit einem hohen CLV in eine bessere Klasse und ersetzen ohne jede Nachfrage den beschädigten Koffer.

Stammkundenprämien und Vorzugsbehandlungen gibt es natürlich auch in Europa. Dass Firmen aber aus Tausenden Daten einen konkreten „Lebenszeitwert“ errechnen lassen, ist noch nicht verbreitet – was auch damit zu tun hat, dass Erhebung, Nutzung und Verkauf von Kundendaten durch die Datenschutz-Grundverordnung der EU viel stärker begrenzt ist als in den USA. Das heißt aber nicht, dass europäische Experten nicht über CLV-Konzepte nachdächten: „Ich weiß, dass etwa viele deutsche Kollegen an solchen Scores arbeiten“, sagt Marketingprofessor Fader.

Wie es aussieht, wenn sich ein Unternehmen dem CLV-Konzept verschreibt, zeigt die neue New Yorker Vorzeigefiliale von Nike. Der Sportartikelhersteller hat in diesem Frühjahr Faders Datenanalyse-Firma Zodiac gekauft – und nutzt sie jetzt rege. Betritt ein Kunde mit Nike-App auf dem Smartphone den schicken, sechsstöckigen Laden an der Fifth Avenue, wird er von der Geofencing-Software erkannt und kategorisiert. Die Startseite der App ändert sich und anstelle von Online-Angeboten erscheinen auf dem Bildschirm Neuheiten, persönlich zugeschnittene Sonderangebote und Empfehlungen, die im Geschäft angeboten werden. Besonders treue Kunden erhalten gleich im Laden kleine Geschenke und können sich sämtliche Waren per Smartphone in die Umkleidekabine liefern lassen. „Zodiac und die von der Firma entwickelten Instrumente werden uns dabei helfen, unsere Beziehung zu den Kunden in aller Welt noch weiter zu vertiefen“, so Nike-Chef Mark Parker im Frühjahr.

Tatsächlich: Mancher Kunde empfindet es wohl als Gewinn an Komfort und Annehmlichkeit, wenn er die Umkleidekabine gar nicht mehr verlassen muss, weil das Modehaus seine Kleidergröße, den persönlichen Geschmack und einzelne Vorlieben kennt. Auch haben die Amerikaner generell weniger Berührungsängste mit sogenannten „Scorings“, schließlich bekommt jeder Bürger mehrmals im Jahr von der Bank seine aktuelle Kreditwürdigkeitsnote mitgeteilt. Und: Der Konsum spielt in der US-Gesellschaft eine noch viel größere Rolle als etwa in der deutschen – notfalls hat dabei auch die Privatsphäre zurückzustehen. „Ich kaufe, also bin ich“ lautet das Lebensgefühl, das von der Dauerwerbung im Fernsehen, aber auch von vielen Politikern vermittelt wird. So war es keineswegs eine peinliche Panne, als am Tag nach den verheerenden Terroranschlägen vom 11. September 2001 der damalige New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani den Menschen nicht etwa dazu riet, innezuhalten und über das Leben nachzudenken, sondern einkaufen zu gehen.

14 Billionen

Dollar werden die US-Bürger 2018 in etwa ausgeben. Die Hälfte des Geldes fließt in Wohnung, Gesundheit, Lebensmittel, Energie und andere unabdingbare Posten. Um den Rest streiten sich Bekleidungs- und Möbelgeschäfte, Benzin- und Elektroautoanbieter, Fluggesellschaften und Hotelketten, Friseure und Nagelstudios. Sie alle konnten in früheren Jahrzehnten kaum mehr tun, als möglichst originell um Käufer zu werben. Heute gehen die Firmen sehr viel zielgerichteter vor, denn Untersuchungen haben gezeigt, dass es sich lohnt, seine Kunden genau zu kennen. Denn eine Frau aus einer guten Wohnlage beispielsweise trägt viel mehr Geld in ein Bekleidungsgeschäft als ein Mann aus einer armen Gegend.

Quelle: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/konsum-die-vermessung-des-kunden-1.4264260

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Rätselhafte Angriffe auf Kuba Wie Schallwaffen funktionieren

vom 30.09.2017

US-Diplomaten sollen auf Kuba Opfer von akustischen Angriffen geworden sein. Ist so eine Attacke überhaupt möglich? Was über Schallwaffen bekannt ist.

Der Vorwurf klingt wie der Stoff für einen Science-Fiction-Film: In Havanna auf Kuba werden angeblich mehr als 20 US-Diplomaten über Monate gezielt angegriffen – und das auf offenbar ausgesprochen hinterlistige Weise.

Die Betroffenen klagen alle unterschiedlich stark über verschiedene Symptome: Von Kopf- und Ohrenschmerzen über Schwindel bis hin zu Gehörverlust sowie Seh- und Schlafstörungen. Einige hätten sogar Gehirnerschütterungen erlitten und dauerhaft ihr Gehör verloren, hieß es von US-Seite.

Die Ursache für die Beschwerden sind noch nicht gefunden. Doch die Behauptung der Amerikaner wirkt wie aus einem James-Bond-Film der Zukunft. Ihre Diplomaten, die noch während der Amtszeit von Barack Obama wieder Beziehungen mit dem kommunistischen Inselstaat vereinbarten, könnten mit Schallwaffen angegriffen worden sein, glaubt man. Nun wurden mehr als die Hälfte des Botschaftspersonals von der Insel abgezogen.

Der Schallwaffen-These scheinen die Ermittler schon seit Ende 2016 nachzugehen. Doch wie wahrscheinlich ist es, dass die Leiden der US-Diplomaten tatsächlich von Schallwaffen verursacht werden – was ist über die Technik bekannt?

 

Schmerz durch Schall

Physikalisch gesehen ist Schall eine sich ausbreitende, wellenförmige Schwingung. Bei einem Geräusch, wie es etwa entsteht, wenn man ein Buch zuschlägt, werden Luftmoleküle verdrängt und in Bewegung gebracht – Schallwellen entstehen. Werden mehr Luftmoleküle in Bewegung gebracht, weil das Buch sehr stark zusammengeschlagen wird, entsteht ein lauter Ton. Geschieht das eher sachte, werden weniger Moleküle verdrängt – der Ton ist leiser. Schall unterteilt sich in verschiedene Frequenzbereiche: Der für den Menschen hörbare liegt zwischen 16 Hertz und 20 Kilohertz – je nach Alter. Der Bereich drunter wird Infraschall genannt, der über 20 Kilohertz Ultraschall.

Dass Schall Schmerzen auslösen kann, weiß jeder. Bei sehr lauten Geräuschen schützt man seine Ohren reflexartig. Ab wann ein Geräusch als unangenehm und schmerzhaft empfunden wird, ist aber individuell unterschiedlich und hängt auch von der Frequenz ab. Messungen ergeben eine Unbehaglichkeitsschwelle bei Normalhörern zwischen 90 und 110 Dezibel, die Schmerzgrenze liegt etwa 20 Dezibel darüber.

Doch auch unabhängig von den Ohren hat Schall einen Einfluss auf den Körper. Gehörlose etwa spüren Bässe, obwohl sie die Musik selbst nicht hören können. Deshalb besuchen einige gerne laute Technoclubs. Ein sehr hoher Schalldruckpegel kann sogar Organe schädigen. So sterben bei nicht weit entfernten Explosionen manchmal Menschen durch einen Lungenriss.

Mit hörbarem Schall arbeiten Waffenentwickler schon länger: Im Einsatz bei US-Streitkräften und der Polizei ist die Long Range Acoustic Device (LRAD), eine Art Schallkanone. Bei dem Gerät handelt es sich um einen großen Lautsprecher, der sehr gezielt und über weite Strecken eingesetzt werden kann. So übermittelt die US-Polizei etwa Lautsprecherdurchsagen, die bis zu 500 Metern verständlich sein sollen. Das System, an das ein einfacher Mp3-Player angeschlossen werden kann, wurde 2009 bei nicht genehmigten Demonstrationen am Rande des G20-Gipfels in Pittsburgh eingesetzt.

Das LRAD erzeugt einen maximalen Schalldruckpegel von etwa 150 Dezibel. Zudem kann es einen schrillen Piepton abgeben, der bei kürzeren Abständen sehr schmerzhaft ist. So können Angreifer außer Gefecht gesetzt oder Demonstranten auseinandergetrieben werden. Werden Personen mit dieser Schallkanone beschossen, versuchen sie reflexartig ihre Ohren zu schützen. Ist man dem Geräusch länger ausgesetzt, drohen Hörschäden.

Das Gerät, das zunächst beschönigend als Kommunikationsmittel beworben wurde, wurde deshalb kürzlich von einem amerikanischen Richter als Waffe eingestuft. LRAD-Systeme haben zahlreiche Anwendungsbereiche: Derzeit werden sie auch auf Schiffen zur Abwehr von somalischen Piraten eingesetzt.

Wegen der entstehenden Lautstärke gilt es aber als sehr unwahrscheinlich, dass solche Systeme auf Kuba zum Einsatz kamen und für die Beschwerden verantwortlich sind.

Ultraschall gegen Infraschall

Interessanter für die These vom akustischen Angriff ist dagegen der nicht hörbare Bereich. Doch hier ist die Faktenlage bisher äußerst dünn. Bekannt ist zwar, dass in Militärlaboren an solchen Ideen geforscht wurde. Doch eine lautlose Schallkanone bezeichnen Fachleute wie etwa der Experimentalphysiker Jürgen Altmann von der Universität Dortmund als sehr unwahrscheinlich.

Im Ultraschallbereich sei es sehr schwer, Schallwellen mit hoher Frequenz über ein gewisse Entfernung durch ein Medium wie Luft zu transportieren. Denn diese Wellen werden von Luft wesentlich stärker aufgenommen, als solche mit niedrigeren Frequenzen. Zudem passen die zahlreichen beschriebenen Beschwerden bei den Diplomaten nicht zur Wirkung von Ultraschallwellen auf den Körper. Immerhin ist Ultraschall in der Medizin als relativ sanfte Diagnostik bekannt.

Doch Ultraschall kann durchaus auch unangenehme Folgen haben. Bekannt ist etwa das „Mosquito“-System: Hier sendet ein kleiner Kasten einen Piepton aus, der verhindern soll, dass sich Jugendliche an öffentlichen Plätzen treffen und es dort zu Lärmbelästigungen oder Vandalismus kommt. Das System nutzt den Effekt, dass mit dem Alter bestimmte Frequenzbereiche nicht mehr wahrgenommen werden – Menschen ab etwa 25 Jahren fühlen sich also nicht mehr belästigt. Doch für Jüngere wirkt der Ton äußerst nervig. Allerdings verwies der Akustikexperte Holger Schulze gegenüber der ARD darauf, dass bei Tests auch Ältere Beschwerden bekamen, die die Frequenzen eigentlich nicht mehr wahrnehmen.

Auch der ehemalige MIT-Experte Joseph Pompei äußerte sich skeptisch zum Ultraschall-Einsatz auf Kuba: „Damit es etwa zu einer Gehirnerschütterung kommt, hätte jemand den Kopf der Betroffenen in einen Pool tauchen müssen, der mit sehr leistungsfähigen Ultraschallwandlern ausgekleidet ist.“

Schmerzen im Ohr

Eine Waffe, die im Infraschallbereich arbeitet, ist zwar wahrscheinlicher, allerdings scheinen auch hier die beschriebenen Symptome nicht zu passen. Tieffrequenter Infraschall wird in unserer Umwelt von zahlreichen Quellen abgegeben. Dazu gehören Autos, Lkws und Industriebetriebe. Zwar kann Infraschall bei einem hohen Schalldruckpegel zu Schmerzen im Ohr führen sowie systemische Folgen wie Kopfschmerzen oder erhöhten Blutdruck hervorrufen. Aber die Symptome verschwinden, wenn der Infraschall verschwindet.

Solche Schallquellen sind technisch zudem nahezu nur unter Laborbedingungen zu erzeugen, bei denen der Effekt in einem luftdicht abgeschlossenen Raum auftritt. Dass die Angreifer solche Bedingungen in einem Hotel in Havanna schaffen können, ist sehr unwahrscheinlich. Zudem bräuchte es riesige Gerätschaften, die wohl nur schwer zu verbergen wären.

Zwar ist nicht auszuschließen, dass Waffen, die die beschriebenen Schäden verursachen könnten, existieren. Wahrscheinlicher ist aber, dass Umwelteinflüsse eine Rolle spielen. Sogenannte ototoxische Stoffe etwa haben einen giftigen Effekt auf das Innenohr. Sie wirken auf die Sinneszellen des Hör- und Gleichgewichtsorgans. Zu solchen ohrgiftigen Mitteln gehören einige Antibiotika aber auch Lösungsmittel und Schwermetalle.

Quelle: http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/schallwaffen-wie-funktionieren-schallkanonen-a-1170765.html

„Havanna-Syndrom“ Neuer Fall von mysteriöser Krankheit

Die Serie mysteriöser Erkrankungen, die offenbar nur Diplomaten und Diplomatinnen sowie Botschaftsangehörige aus Kanada und den USA in Kuba treffen, geht weiter. Vergangene Woche wurde erneut ein kanadischer Diplomat mit einer Gehirnverletzung unbestimmter Ursache in Kuba ins Krankenhaus eingeliefert. Die Hintergründe dieses „Havanna-Syndroms“ sind weiter unklar.

Es ist der 13. Fall des „Havanna-Syndroms“, der einen Mitarbeiter der kanadischen Botschaft in der kubanischen Hauptstadt Havanna betrifft, berichtet der kanadische Sender CBC. Kanada hat es seinen Botschaftsmitarbeitern freigestellt, auf eigenen Wunsch zurückzukehren. Bereits zuvor wurde ein Teil der Botschaftsmitarbeiter ausgewechselt. Die Regierung untersucht aktuell die Hintergründe der mysteriösen Erkrankung. Dahinter werden Angriffe vermutet, die laut offiziellen Stellen noch nicht näher erklärbar sind.

Bisher ist vor allem etwas über die Symptome bekannt, wenig über die Ursache. Betroffene berichten, dass sie bei Angriffen eine Art Druckwelle in ihrem Kopf spüren. Viele hören auch laute Geräusche, vergleichbar mit Zikaden, die sie innerhalb des jeweiligen Gebäudes verfolgen, beim Öffnen einer Tür nach draußen aber nicht mehr zu hören sind. Einige Betroffene beschreiben zudem eine Art unsichtbaren Energiering.

Die Opfer leiden im Anschluss unter anderem unter Kopfweh, Schwindel, Schlafstörungen und Tinnitus. Bei Untersuchungen wurden Verletzungen gefunden, die mit einem Schädel-Hirn-Trauma, wie sie Soldaten durch Bomben im Irak oder Afghanistan erleiden, vergleichbar sind, wie etwa Hirnschwellungen. Allerdings gibt es laut Ärzten keinerlei Anzeichen einer Verletzung oder eines Angriffs, so der „New Yorker“.

Erster Fall wurde Ende 2016 bekannt

Der erste Fall wurde Ende 2016 bekannt, schreibt der „New Yorker“. Ein CIA-Mitarbeiter und erfahrener Spion berichtete damals, dass er in seinem Haus in Kuba ungewöhnliche Geräusche in seinem Kopf und ein Druckgefühl gespürt habe, gefolgt von Kopfweh und Schwindel. Er wird als erfahrener Spion beschrieben, der auch darauf trainiert wurde, Gegenspionage zu erkennen. Im Gegensatz zu Russland oder China war körperliche Gewalt gegen Agenten in Kuba bis dahin allerdings nicht an der Tagesordnung.

Rund zehn Tage später meldete derselbe CIA-Agent einen weiteren Vorfall. Als Anfang Februar zwei weitere CIA-Agenten von vergleichbaren Symptomen berichteten, die sie in ihren Häusern erlebt hätten, begann die US-Regierung, die Fälle näher zu untersuchen. Sie rief die Mitarbeiter ihrer Botschaft in Kuba auf, sich untersuchen zu lassen – es kamen dabei immer mehr Fälle ans Tageslicht. Mittlerweile sind es über 20 gemeldete Fälle.

Viele CIA-Mitarbeiter betroffen

Vor allem CIA-Mitarbeiter waren zu Beginn von der sonderbaren Erkrankung betroffen, sie machten rund die Hälfte der bis Frühling 2017 gemeldeten 16 Fälle aus. Die Angriffe wurden bis dahin immer in den Wohnungen und Häusern der jeweiligen Opfer durchgeführt. Im April 2017 wurde schließlich auch ein Arzt im Auftrag der US-Regierung in einem Hotel in Kuba Opfer eines solchen Angriffs.

Im Sommer 2017 informierten die USA Botschaftsmitglieder anderer Staaten über die mysteriöse Erkrankung. Daraufhin meldeten sich die ersten Betroffenen aus Kanada, darunter ein Diplomat und seine Familie. Im März 2018 schließlich wurde der erste Fall aus China gemeldet, der jenen aus Kuba sehr ähnlich war.

Kanada reagierte auf die Angriffe, indem es die Botschaftsmitarbeiter an einem gemeinsamen, sicheren Ort statt vieler verstreuter privater Unterkünfte unterbrachte. Auch die USA brachten ihre mittlerweile deutlich reduzierten Botschaftsmitarbeiter in gesicherten Häusern unter. Zwischenzeitlich wurde sogar die Schließung der US-Vertretung überlegt, obwohl sich kurz zuvor die Beziehungen entspannt hatten.

Wer, warum und wie, ist unklar

Wie genau die Angriffe durchgeführt werden, ist ebenso unklar wie die Frage, von wem und warum. Offizielle Stellen aus den USA und Kanada geben an, dass die Angriffe nicht auf bisher bekannte Waffen oder Technologien zurückzuführen seien. Die erste Vermutung lautete, dass die Schäden durch Schallwaffen ausgelöst wurden, dann waren Mikrowellen im Verdacht. Diese sind aber eigentlich nicht präzise genug.

Die jüngste These lautet laut „New Yorker“, dass bestimmte Frequenzen oder elektromagnetische Impulse, die direkt durch das Ohr der Opfer eingetreten sind, für die Schäden verantwortlich sind. Im Innenohr lösen diese eine Art Blasenbildung aus. Die Blasen können beim Explodieren entweder das Gleichgewichtsorgan beschädigen oder, sofern sie ins Gehirn gelangen, dort zu kleinen Schlaganfällen führen.

Kuba weist jede Verantwortung für die Vorfälle von sich und beteiligte sich an den Untersuchungen – ohne Erfolg. Vermutungen, dass Russland hinter den Angriffen steckt, haben sich nicht bestätigt. Mittlerweile beteiligt sich die US-Bundespolizei FBI neben dem CIA und dem Außenministerium an der Untersuchung – ebenfalls bisher ohne Erfolg.

 

Quelle: https://orf.at/stories/3103004/

Amnesty International: Syrische US-Verbündete an Kriegsverbrechen beteiligt

Amnesty International hat den Rebellengruppen in Syrien brutale Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Die regierungsunabhängige Organisation legte einen Bericht vor, in dem sie Fälle von Entführungen, Folterungen und Hinrichtungen dokumentierte. Syrische Zivilisten seien unter der Herrschaft der Rebellen einer „erschreckenden Welle“ von Gewalttaten ausgesetzt, heißt es darin.

Unter den Oppositionsgruppen seien auch einige Milizen, die von den USA oder Regionalmächten unterstützt würden, berichtete Amnesty. Die Organisation rief die internationale Gemeinschaft dazu auf, die Unterstützung jener Rebellengruppen einzustellen, die sich der Verletzung von Menschenrechten schuldig gemacht hätten.

In den von Rebellen kontrollierten Stadtgebieten in Aleppo und Idlib hätten „bewaffnete Gruppierungen freie Hand, ohne Furcht vor Strafe Kriegsverbrechen und andere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht zu begehen“, kritisierte der Leiter des Nahost-Programms von Amnesty International, Philip Luther. Die Gruppierungen nähmen willkürlich Zivilisten fest, die kritisch eingestellt seien, die gegen moralische Gebote verstießen oder Minderheiten angehörten.

Übergriffe gegen Medienaktivisten

Amnesty International dokumentiert in seinem Bericht Menschenrechtsverletzungen durch insgesamt fünf Gruppierungen, die im Norden Syriens aktiv sind: Al-Nusra-Front, Ahrar al-Scham, Nureddin Sinki, Levante-Front und Division 16. Untersucht wurden Vorfälle aus den Jahren 2012 bis 2016. Auch Menschenrechtsverletzungen der Regierung von Syriens Präsident Baschar al-Assad waren von Amnesty bereits dokumentiert und kritisiert worden.

Der aktuelle Bericht fußt auf Interviews mit etwa 70 Personen in den von den Aufständischen gehaltenen Gebieten. Der Report dokumentiert mindestens 24 Entführungen von Aktivisten und Vertretern ethnischer oder religiöser Minderheiten. Auch drei Kinder seien verschleppt worden, von denen zwei bis vergangene Woche noch vermisst gewesen seien. Einige Betroffene seien wegen ihrer Kritik an den Milizen oder einfach nur wegen Abspielens von Musik entführt worden.

Leben in ständiger Angst

In der Öffentlichkeit sei es teils zu standrechtlichen Erschießungen von Soldaten der Regierungstruppen gekommen. Dabei handele es sich laut Amnesty um ein Kriegsverbrechen. Übergriffe gab es den Angaben zufolge auch gegen Medienaktivisten. Einige Betroffene berichteten Amnesty, sie seien an ihren Handgelenken aufgehängt oder mit verbundenen Händen in einen Reifen gezwängt worden. Zu diesen Foltermethoden soll auch die syrische Regierung greifen.

Radikalislamische Gruppierungen hätten in ihrem Herrschaftsbereich außerdem Religionsgerichte installiert, die etwa bei Ehebruch oder beim Verdacht auf Abfall vom Glauben die Todesstrafe verhängten, heißt es in dem Bericht. „Viele Zivilisten leben in anhaltender Furcht vor Entführung, wenn sie das Verhalten der herrschenden bewaffneten Gruppen kritisieren oder gegen die strengen Regeln verstoßen, die manche Gruppen verhängt haben“, erklärte Philip Luther.

Quelle: Amnesty International: Syrische US-Verbündete an Kriegsverbrechen beteiligt | ZEIT ONLINE

Bilanz von Obamas Drohneneinsätzen

Kein amerikanischer Präsident ordnete je so viele Einsätze gegen Terroristen an wie Barack Obama. Nun hat er erstmals Opferzahlen genannt.

Heikle Informationen werden in Washington gerne veröffentlicht, wenn das Land gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist. Am Freitag war es wieder so weit. Ein langes Wochenende stand bevor, gekrönt von den Barbecues zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli. Nachmittags, als viele Bürger schon auf dem Weg in den Kurzurlaub waren, veröffentlichte der Geheimdienst-Direktor erstmals Zahlen zu den Opfern des geheimen Drohnenriegs gegen Terroristen. Zwischen dem Amtsantritt Barack Obamas im Januar 2009 und dem Jahresende 2015 kamen demnach 64 bis 116 Personen ums Leben, die als „Nicht-Kombattanten“ eingestuft wurden. Die Zahl der getöteten Kombattanten soll hingegen bei 2372 bis 2581 liegen.

Man kann sich die Zahlen leichter vergegenwärtigen, wenn man sie auf die Zahl der Angriffe umrechnet, insgesamt 473: Im Durchschnitt wurden bei jeder Drohnenattacke fünf Terroristen getötet, bei jeder fünften starb ein Zivilist. Die Angaben beziehen sich auf verdeckte Einsätze gegen Al Qaida und ihre Verbündeten in Pakistan, Jemen und Somalia. Die Angriffe werden in der Regel vom Auslandsgeheimdienst CIA geführt, während das amerikanische Militär für Operationen in Kriegsgebieten zuständig ist. Derzeit sind das Afghanistan, der Irak und Syrien. Allerdings lassen sich die Programme nicht exakt auseinander halten. Denn Obama übertrug 2013 Kompetenzen von der CIA an das Militär, und im Jemen operieren beide gemeinsam.

Quelle: Bilanz von Obamas Drohneneinsätzen

Fehlerquote des FBI: 95 Prozent

Behörde gesteht falsche Haaranalysen ein – auch in Fällen mit Todesstrafe

Jahrzehntelang galten Haare als die besten Freunde von Kriminalbeamten, nicht nur in den USA. Schließlich verlieren Menschen täglich 60 bis 100 Haare, auch an Tatorten von Verbrechen. Und in vielen Fällen konnten Täter überführt werden, weil Haarvergleiche zeigten, dass sie – entgegen ihrer Aussagen – am Tatort gewesen waren. So jedenfalls die Theorie. Nun stellt sich heraus, dass diese Analysen in früheren Zeiten nicht die Aussagekraft hatten, die ihnen von den Ermittlungsbehörden lange zugeschrieben wurden. In einem Aufsehen erregenden Kurswechsel musste das FBI eingestehen, dass in fast allen überprüften Fällen vor dem Jahr 2000, in denen FBI-Ermittler in Sachen Haaranalysen ausgesagt haben, falsche Ergebnisse präsentiert worden waren.

Von 28 Untersuchern in der mikroskopischen Haarvergleichsabteilung des FBI haben 26 die Übereinstimmung von Haarproben in einer Weise übertrieben, die den Anklagebehörden in die Hände spielten, schreibt die „Washington Post“. Das geht aus einem Zwischenbericht der Nationalen Vereinigung von Strafverteidigern (NACDL) und dem Innocence Project hervor, die in Partnerschaft mit dem FBI seit dem Jahr 2012 Altfälle überprüfen. Bisher wurden 268 Fälle untersucht, in 95 Prozent davon konnten Fehler nachgewiesen werden. Darunter sind auch 32, in denen die Angeklagten später zum Tode verurteilt worden waren. In 14 davon sind die Beschuldigten schon hingerichtet worden oder sind im Gefängnis gestorben. Allerdings bedeutet das nicht, dass die Verurteilten allein oder vor allem wegen Haarvergleichen schuldig gesprochen wurden. In vier Fällen kam es jedoch schon zu einer Aufhebung des Urteils.

Ernste Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der FBI-Analysen waren im Jahr 2009 aufgetaucht, als die Nationale Wissenschaftsakademie einen Bericht über die forensischen Methoden der US-amerikanischen Ermittlungsbehörden veröffentlichte. „Es gibt keine wissenschaftlich akzeptierten Statistiken über die Häufigkeit, mit der verschiedene Haarmerkmale in der Bevölkerung auftauchen“, hieß es darin. „Es scheint keine allgemeingültigen Standards zu geben über die Anzahl von Charakteristiken, in denen Haarproben sich ähneln müssen, bevor ein Ermittler seine Übereinstimmung feststellen kann.“ Das vernichtende Fazit der Akademie lautete damals, dass Haarvergleiche ohne gleichzeitigen DNA-Abgleich wissenschaftlich wertlos seien. Den endgültigen Anstoß zu jener beispiellosen Überprüfungsaktion gaben dann Revisionsfälle zwischen 2009 und 2012, in denen drei Männer nachträglich freigesprochen wurden, die schon lange Haftzeiten absolviert hatten. Später vorgenommene DNA-Analysen haben nachgewiesen, dass die FBI-Haaranalysen, die zur Verurteilung geführt hatten, falsch waren.

Tatsächlich hatte eine interne Untersuchung des FBI schon im Jahr 2002 aufgrund von DNA-Tests festgestellt, dass elf Prozent der entsprechenden Analysen des eigenen Labors falsch lagen. Aber erst die Revisionsfälle und eine kritische Recherche der „Washington Post“ haben die US-Bundespolizei 2012 dazu gebracht, die größte Überprüfungsaktion ihrer Geschichte einzuleiten. Die Behörde ging dafür eine bis dahin undenkbare Partnerschaft mit der Strafverteidigervereinigung NACDL und mit dem Innocence Project ein, die nun ein erstes Zwischenergebnis vorstellten. „Die über drei Jahrzehnte andauernde mikroskopische Haaranalyse zur Überführung von Angeklagten war eine komplette Katastrophe“, sagt Peter Neufeld, Mitgründer des Innocence Projects, der „Washington Post“.

Neufeld fordert eine tiefgehende Untersuchung, wie das FBI und die Regierungen der Bundesstaaten, die sich auf vom FBI geschulte Ermittler verließen, so etwas geschehen lassen konnten und warum es nicht früher gestoppt wurde. Allerdings ist die Revision noch nicht abgeschlossen, insgesamt sind 2500 Verurteilungen identifiziert worden, in denen problematische mikroskopische Haarvergleiche zur vermeintlichen Überführung eines Täters herangezogen wurden. Haarvergleiche haben mindestens seit den 70er-Jahren zur Verurteilung in Mordfällen, Vergewaltigungen und anderen Gewaltverbrechen beigetragen. Nun stellt sich heraus, dass viele der damals Belangten möglicherweise nur schuldig gesprochen wurden, weil das FBI die Wahrscheinlichkeit von Haarübereinstimmungen systematisch übertrieben hatte und nicht genug Raum für Zweifel ließ. Seit Ende der 90er-Jahre wird die mikroskopische Haaranalyse vom FBI jedoch nicht mehr als alleinige Methode bei Haarvergleichen angewandt, sondern meist zusammen mit DNA-Tests benutzt.

Bei aller Kritik hat das FBI aber auch Lob geerntet dafür, sich selbst und frühere Ermittlungsergebnisse einer Überprüfung auszusetzen. Allerdings schreitet das Projekt nur langsam voran. In 700 von den 2500 identifizierten Problemfällen hat das FBI bisher keinerlei Rückmeldung von lokalen Behörden erhalten. Wird festgestellt, dass es einen problematischen Anteil falscher Haaranalysen an einem Schuldspruch gibt, werden nun automatisch sowohl die Behörden als auch die Verurteilten sowie ihre Anwälte davon in Kenntnis gesetzt. Es ist noch unklar, wie viele Fälle dann wieder aufgerollt werden müssen.

viaFehlerquote des FBI: 95 Prozent – Nachrichten Print – WELT KOMPAKT – Wissen (Print DWK) – DIE WELT.

USA verärgert über China: Peking baut eigene Investitionsbank

Europäische Staaten helfen China, einen Weltbank-Konkurrenten zu gründen. Die USA versuchen, ihre Verbündeten vom Eintritt abzubringen. Deutschland lässt sich davon nicht aufhalten.

Abseits von Hochgeschwindigkeitszügen und Wolkenkratzern gibt es in manchen Teilen Asiens weder Strom noch fließend Wasser. Die „Asiatische Infrastruktur Investitionsbank“ (AIIB) soll das ändern. Sie könnte Bauprojekte verschiedenster Art schon ab Ende 2015 unterstützen.

Großbritannien sagte als erstes europäisches Land zu, in das von China initiierte Projekt einzusteigen. Vergangen Dienstag kündigten auch Deutschland, Frankreich und Italien an, sich zu beteiligen. In den USA wird das als diplomatischer Rückschritt in den transatlantischen Beziehungen bezeichnet. Ist die Beteiligung von Europäern am Weltbank-Konkurrenten ein Affront gegen die USA?

Schon im Oktober 2014 hatten sich 21 Staaten aus dem asiatisch-pazifischen Raum zusammengeschlossen und die AIIB gegründet, darunter China, Pakistan, Singapur, Thailand und Vietnam. Staaten, die bis 31. März unterzeichnen, werden noch den Status von Gründungsmitgliedern haben und über die Ausrichtung der Investitionsbank mitbestimmen können. Die Bank soll den Ausbau von Wasserversorgung, Stomtrassen und besseren Straßen fördern. Wer investiert, erkauft sich dadurch auch politischen Einfluss – allen voran China.

Die AIIB wird ein Gründungskapital von etwa 100 Milliarden US-Dollar haben, von denen allein 50 Milliarden von der Volksrepublik bereitgestellt werden. Über die Höhe der Mittel aus Deutschland wird noch diskutiert. Der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz sagte bei einem Besuch in Peking, er begrüße die europäische Beteiligung. „Wenn noch mehr Mitgliedsländer dem folgten, fände ich das noch besser.“

Und auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht den Beitritt positiv. Stefan Mair aus der Geschäftsführung des BDI betont allerdings, die neue Entwicklungsbank dürfe sich nicht mit anderen bestehenden Institutionen in diesem Bereich, wie der Weltbank oder der Asiatischen Entwicklungsbank ADB, ins Gehege kommen.

In diesen beiden Banken dominieren die Westmächte, insbesondere die USA. Die ADB, die 1965 von den Vereinten Nationen initiiert wurde, gilt als direkter Konkurrent zur chinesischen AIIB. Sie stützt ebenfalls Projekte zur Armutsbekämpfung und für eine nachhaltige Umweltpolitik.

„Neue Bank muss sich unterscheiden“

Der BDI fordert daher, die Programme dieser Institutionen müssten sich ergänzen. Chinas stellvertretender Finanzminister Shi Yaobin trat diesen Befürchtungen entgegen. „Die AIIB wird keine Konkurrenz zur Weltbank. Vielmehr wird die neue Bank eine unterstützende Rolle für die anderen internationalen Institutionen spielen“, sagte Shi dem „Handelsblatt“.

David Dollar, ehemaliger Weltbank-Mitarbeiter in China, nannte die AIIB in der New York Times ein Resultat der Frustration asiatischer Staaten über die existierenden Entwicklungsbanken. Wahrscheinlich sei, dass durch die neue Bank ein gesunder Wettbewerb und ein Zusammenspiel von Konkurrenz und Kooperation entstehe. Bei großen Projekten ergebe es Sinn, dass sich die Banken die Finanzierung teilten. Natürlich werde die AIIB jedoch gleichzeitig versuchen, schlanker und schneller als Weltbank und ADB zu operieren und damit Reformen in den alten Institutionen provozieren.

Britischer Beitritt ist ein „Debakel“

Der amerikanische Thinktank Council on Foreign Relations bezeichnete es als „Debakel“, dass europäische Staaten die Bank mittragen wollen. Nach der öffentlichen Verkündung Chinas, auch nicht-asiatische Länder seien eingeladen, sich zu beteiligen, legte Washington den Europäern Zurückhaltung nahe. Als Großbritannien dennoch den Beitritt verkündete, sagte Patrick Ventrell, der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats der USA, lediglich, es handele sich um eine souveräne Entscheidung des Königreichs. Washington hoffe nun darauf, dass Großbritannien seine Stimme nutzt, um ehrgeizige Kriterien zum Umweltschutz und zu Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Sogar die engen US-Partner Japan und Australien ziehen ein Engagement in Erwägung. Voraussetzungen dafür seien aber Transparenz und ein glaubwürdiges Verfahren der Kreditvergabe, so der japanische Finanzminister Taro Aso.

Elisabeth Economy vom Council for Foreign Relations empfiehlt den USA, sich entweder an der Bank zu beteiligen oder die Sache auf sich beruhen zu lassen. Als Teilhabernation wäre es möglich, direkt Einfluss auf Umweltstandards und Arbeitsbedingungen in der Institution zu nehmen. Alternativ könne man die Sache aber auch von außen beobachten und die neue Rolle Chinas in einem multipolaren Zeitalter annehmen. Die AIIB blockieren zu wollen, sei zu einem Mühlstein im Nacken Washingtons geworden. Nun gelte es, ihn entweder in die eine oder die andere Richtung zu entfernen.

viaUSA verärgert über China: Peking baut eigene Investitionsbank – n-tv.de.