Amnesty International: Syrische US-Verbündete an Kriegsverbrechen beteiligt

Amnesty International hat den Rebellengruppen in Syrien brutale Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Die regierungsunabhängige Organisation legte einen Bericht vor, in dem sie Fälle von Entführungen, Folterungen und Hinrichtungen dokumentierte. Syrische Zivilisten seien unter der Herrschaft der Rebellen einer „erschreckenden Welle“ von Gewalttaten ausgesetzt, heißt es darin.

Unter den Oppositionsgruppen seien auch einige Milizen, die von den USA oder Regionalmächten unterstützt würden, berichtete Amnesty. Die Organisation rief die internationale Gemeinschaft dazu auf, die Unterstützung jener Rebellengruppen einzustellen, die sich der Verletzung von Menschenrechten schuldig gemacht hätten.

In den von Rebellen kontrollierten Stadtgebieten in Aleppo und Idlib hätten „bewaffnete Gruppierungen freie Hand, ohne Furcht vor Strafe Kriegsverbrechen und andere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht zu begehen“, kritisierte der Leiter des Nahost-Programms von Amnesty International, Philip Luther. Die Gruppierungen nähmen willkürlich Zivilisten fest, die kritisch eingestellt seien, die gegen moralische Gebote verstießen oder Minderheiten angehörten.

Übergriffe gegen Medienaktivisten

Amnesty International dokumentiert in seinem Bericht Menschenrechtsverletzungen durch insgesamt fünf Gruppierungen, die im Norden Syriens aktiv sind: Al-Nusra-Front, Ahrar al-Scham, Nureddin Sinki, Levante-Front und Division 16. Untersucht wurden Vorfälle aus den Jahren 2012 bis 2016. Auch Menschenrechtsverletzungen der Regierung von Syriens Präsident Baschar al-Assad waren von Amnesty bereits dokumentiert und kritisiert worden.

Der aktuelle Bericht fußt auf Interviews mit etwa 70 Personen in den von den Aufständischen gehaltenen Gebieten. Der Report dokumentiert mindestens 24 Entführungen von Aktivisten und Vertretern ethnischer oder religiöser Minderheiten. Auch drei Kinder seien verschleppt worden, von denen zwei bis vergangene Woche noch vermisst gewesen seien. Einige Betroffene seien wegen ihrer Kritik an den Milizen oder einfach nur wegen Abspielens von Musik entführt worden.

Leben in ständiger Angst

In der Öffentlichkeit sei es teils zu standrechtlichen Erschießungen von Soldaten der Regierungstruppen gekommen. Dabei handele es sich laut Amnesty um ein Kriegsverbrechen. Übergriffe gab es den Angaben zufolge auch gegen Medienaktivisten. Einige Betroffene berichteten Amnesty, sie seien an ihren Handgelenken aufgehängt oder mit verbundenen Händen in einen Reifen gezwängt worden. Zu diesen Foltermethoden soll auch die syrische Regierung greifen.

Radikalislamische Gruppierungen hätten in ihrem Herrschaftsbereich außerdem Religionsgerichte installiert, die etwa bei Ehebruch oder beim Verdacht auf Abfall vom Glauben die Todesstrafe verhängten, heißt es in dem Bericht. „Viele Zivilisten leben in anhaltender Furcht vor Entführung, wenn sie das Verhalten der herrschenden bewaffneten Gruppen kritisieren oder gegen die strengen Regeln verstoßen, die manche Gruppen verhängt haben“, erklärte Philip Luther.

Quelle: Amnesty International: Syrische US-Verbündete an Kriegsverbrechen beteiligt | ZEIT ONLINE

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Bilanz von Obamas Drohneneinsätzen

Kein amerikanischer Präsident ordnete je so viele Einsätze gegen Terroristen an wie Barack Obama. Nun hat er erstmals Opferzahlen genannt.

Heikle Informationen werden in Washington gerne veröffentlicht, wenn das Land gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist. Am Freitag war es wieder so weit. Ein langes Wochenende stand bevor, gekrönt von den Barbecues zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli. Nachmittags, als viele Bürger schon auf dem Weg in den Kurzurlaub waren, veröffentlichte der Geheimdienst-Direktor erstmals Zahlen zu den Opfern des geheimen Drohnenriegs gegen Terroristen. Zwischen dem Amtsantritt Barack Obamas im Januar 2009 und dem Jahresende 2015 kamen demnach 64 bis 116 Personen ums Leben, die als „Nicht-Kombattanten“ eingestuft wurden. Die Zahl der getöteten Kombattanten soll hingegen bei 2372 bis 2581 liegen.

Man kann sich die Zahlen leichter vergegenwärtigen, wenn man sie auf die Zahl der Angriffe umrechnet, insgesamt 473: Im Durchschnitt wurden bei jeder Drohnenattacke fünf Terroristen getötet, bei jeder fünften starb ein Zivilist. Die Angaben beziehen sich auf verdeckte Einsätze gegen Al Qaida und ihre Verbündeten in Pakistan, Jemen und Somalia. Die Angriffe werden in der Regel vom Auslandsgeheimdienst CIA geführt, während das amerikanische Militär für Operationen in Kriegsgebieten zuständig ist. Derzeit sind das Afghanistan, der Irak und Syrien. Allerdings lassen sich die Programme nicht exakt auseinander halten. Denn Obama übertrug 2013 Kompetenzen von der CIA an das Militär, und im Jemen operieren beide gemeinsam.

Quelle: Bilanz von Obamas Drohneneinsätzen

Fehlerquote des FBI: 95 Prozent

Behörde gesteht falsche Haaranalysen ein – auch in Fällen mit Todesstrafe

Jahrzehntelang galten Haare als die besten Freunde von Kriminalbeamten, nicht nur in den USA. Schließlich verlieren Menschen täglich 60 bis 100 Haare, auch an Tatorten von Verbrechen. Und in vielen Fällen konnten Täter überführt werden, weil Haarvergleiche zeigten, dass sie – entgegen ihrer Aussagen – am Tatort gewesen waren. So jedenfalls die Theorie. Nun stellt sich heraus, dass diese Analysen in früheren Zeiten nicht die Aussagekraft hatten, die ihnen von den Ermittlungsbehörden lange zugeschrieben wurden. In einem Aufsehen erregenden Kurswechsel musste das FBI eingestehen, dass in fast allen überprüften Fällen vor dem Jahr 2000, in denen FBI-Ermittler in Sachen Haaranalysen ausgesagt haben, falsche Ergebnisse präsentiert worden waren.

Von 28 Untersuchern in der mikroskopischen Haarvergleichsabteilung des FBI haben 26 die Übereinstimmung von Haarproben in einer Weise übertrieben, die den Anklagebehörden in die Hände spielten, schreibt die „Washington Post“. Das geht aus einem Zwischenbericht der Nationalen Vereinigung von Strafverteidigern (NACDL) und dem Innocence Project hervor, die in Partnerschaft mit dem FBI seit dem Jahr 2012 Altfälle überprüfen. Bisher wurden 268 Fälle untersucht, in 95 Prozent davon konnten Fehler nachgewiesen werden. Darunter sind auch 32, in denen die Angeklagten später zum Tode verurteilt worden waren. In 14 davon sind die Beschuldigten schon hingerichtet worden oder sind im Gefängnis gestorben. Allerdings bedeutet das nicht, dass die Verurteilten allein oder vor allem wegen Haarvergleichen schuldig gesprochen wurden. In vier Fällen kam es jedoch schon zu einer Aufhebung des Urteils.

Ernste Zweifel an der Wissenschaftlichkeit der FBI-Analysen waren im Jahr 2009 aufgetaucht, als die Nationale Wissenschaftsakademie einen Bericht über die forensischen Methoden der US-amerikanischen Ermittlungsbehörden veröffentlichte. „Es gibt keine wissenschaftlich akzeptierten Statistiken über die Häufigkeit, mit der verschiedene Haarmerkmale in der Bevölkerung auftauchen“, hieß es darin. „Es scheint keine allgemeingültigen Standards zu geben über die Anzahl von Charakteristiken, in denen Haarproben sich ähneln müssen, bevor ein Ermittler seine Übereinstimmung feststellen kann.“ Das vernichtende Fazit der Akademie lautete damals, dass Haarvergleiche ohne gleichzeitigen DNA-Abgleich wissenschaftlich wertlos seien. Den endgültigen Anstoß zu jener beispiellosen Überprüfungsaktion gaben dann Revisionsfälle zwischen 2009 und 2012, in denen drei Männer nachträglich freigesprochen wurden, die schon lange Haftzeiten absolviert hatten. Später vorgenommene DNA-Analysen haben nachgewiesen, dass die FBI-Haaranalysen, die zur Verurteilung geführt hatten, falsch waren.

Tatsächlich hatte eine interne Untersuchung des FBI schon im Jahr 2002 aufgrund von DNA-Tests festgestellt, dass elf Prozent der entsprechenden Analysen des eigenen Labors falsch lagen. Aber erst die Revisionsfälle und eine kritische Recherche der „Washington Post“ haben die US-Bundespolizei 2012 dazu gebracht, die größte Überprüfungsaktion ihrer Geschichte einzuleiten. Die Behörde ging dafür eine bis dahin undenkbare Partnerschaft mit der Strafverteidigervereinigung NACDL und mit dem Innocence Project ein, die nun ein erstes Zwischenergebnis vorstellten. „Die über drei Jahrzehnte andauernde mikroskopische Haaranalyse zur Überführung von Angeklagten war eine komplette Katastrophe“, sagt Peter Neufeld, Mitgründer des Innocence Projects, der „Washington Post“.

Neufeld fordert eine tiefgehende Untersuchung, wie das FBI und die Regierungen der Bundesstaaten, die sich auf vom FBI geschulte Ermittler verließen, so etwas geschehen lassen konnten und warum es nicht früher gestoppt wurde. Allerdings ist die Revision noch nicht abgeschlossen, insgesamt sind 2500 Verurteilungen identifiziert worden, in denen problematische mikroskopische Haarvergleiche zur vermeintlichen Überführung eines Täters herangezogen wurden. Haarvergleiche haben mindestens seit den 70er-Jahren zur Verurteilung in Mordfällen, Vergewaltigungen und anderen Gewaltverbrechen beigetragen. Nun stellt sich heraus, dass viele der damals Belangten möglicherweise nur schuldig gesprochen wurden, weil das FBI die Wahrscheinlichkeit von Haarübereinstimmungen systematisch übertrieben hatte und nicht genug Raum für Zweifel ließ. Seit Ende der 90er-Jahre wird die mikroskopische Haaranalyse vom FBI jedoch nicht mehr als alleinige Methode bei Haarvergleichen angewandt, sondern meist zusammen mit DNA-Tests benutzt.

Bei aller Kritik hat das FBI aber auch Lob geerntet dafür, sich selbst und frühere Ermittlungsergebnisse einer Überprüfung auszusetzen. Allerdings schreitet das Projekt nur langsam voran. In 700 von den 2500 identifizierten Problemfällen hat das FBI bisher keinerlei Rückmeldung von lokalen Behörden erhalten. Wird festgestellt, dass es einen problematischen Anteil falscher Haaranalysen an einem Schuldspruch gibt, werden nun automatisch sowohl die Behörden als auch die Verurteilten sowie ihre Anwälte davon in Kenntnis gesetzt. Es ist noch unklar, wie viele Fälle dann wieder aufgerollt werden müssen.

viaFehlerquote des FBI: 95 Prozent – Nachrichten Print – WELT KOMPAKT – Wissen (Print DWK) – DIE WELT.

USA verärgert über China: Peking baut eigene Investitionsbank

Europäische Staaten helfen China, einen Weltbank-Konkurrenten zu gründen. Die USA versuchen, ihre Verbündeten vom Eintritt abzubringen. Deutschland lässt sich davon nicht aufhalten.

Abseits von Hochgeschwindigkeitszügen und Wolkenkratzern gibt es in manchen Teilen Asiens weder Strom noch fließend Wasser. Die „Asiatische Infrastruktur Investitionsbank“ (AIIB) soll das ändern. Sie könnte Bauprojekte verschiedenster Art schon ab Ende 2015 unterstützen.

Großbritannien sagte als erstes europäisches Land zu, in das von China initiierte Projekt einzusteigen. Vergangen Dienstag kündigten auch Deutschland, Frankreich und Italien an, sich zu beteiligen. In den USA wird das als diplomatischer Rückschritt in den transatlantischen Beziehungen bezeichnet. Ist die Beteiligung von Europäern am Weltbank-Konkurrenten ein Affront gegen die USA?

Schon im Oktober 2014 hatten sich 21 Staaten aus dem asiatisch-pazifischen Raum zusammengeschlossen und die AIIB gegründet, darunter China, Pakistan, Singapur, Thailand und Vietnam. Staaten, die bis 31. März unterzeichnen, werden noch den Status von Gründungsmitgliedern haben und über die Ausrichtung der Investitionsbank mitbestimmen können. Die Bank soll den Ausbau von Wasserversorgung, Stomtrassen und besseren Straßen fördern. Wer investiert, erkauft sich dadurch auch politischen Einfluss – allen voran China.

Die AIIB wird ein Gründungskapital von etwa 100 Milliarden US-Dollar haben, von denen allein 50 Milliarden von der Volksrepublik bereitgestellt werden. Über die Höhe der Mittel aus Deutschland wird noch diskutiert. Der Präsident des Europäischen Parlaments Martin Schulz sagte bei einem Besuch in Peking, er begrüße die europäische Beteiligung. „Wenn noch mehr Mitgliedsländer dem folgten, fände ich das noch besser.“

Und auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht den Beitritt positiv. Stefan Mair aus der Geschäftsführung des BDI betont allerdings, die neue Entwicklungsbank dürfe sich nicht mit anderen bestehenden Institutionen in diesem Bereich, wie der Weltbank oder der Asiatischen Entwicklungsbank ADB, ins Gehege kommen.

In diesen beiden Banken dominieren die Westmächte, insbesondere die USA. Die ADB, die 1965 von den Vereinten Nationen initiiert wurde, gilt als direkter Konkurrent zur chinesischen AIIB. Sie stützt ebenfalls Projekte zur Armutsbekämpfung und für eine nachhaltige Umweltpolitik.

„Neue Bank muss sich unterscheiden“

Der BDI fordert daher, die Programme dieser Institutionen müssten sich ergänzen. Chinas stellvertretender Finanzminister Shi Yaobin trat diesen Befürchtungen entgegen. „Die AIIB wird keine Konkurrenz zur Weltbank. Vielmehr wird die neue Bank eine unterstützende Rolle für die anderen internationalen Institutionen spielen“, sagte Shi dem „Handelsblatt“.

David Dollar, ehemaliger Weltbank-Mitarbeiter in China, nannte die AIIB in der New York Times ein Resultat der Frustration asiatischer Staaten über die existierenden Entwicklungsbanken. Wahrscheinlich sei, dass durch die neue Bank ein gesunder Wettbewerb und ein Zusammenspiel von Konkurrenz und Kooperation entstehe. Bei großen Projekten ergebe es Sinn, dass sich die Banken die Finanzierung teilten. Natürlich werde die AIIB jedoch gleichzeitig versuchen, schlanker und schneller als Weltbank und ADB zu operieren und damit Reformen in den alten Institutionen provozieren.

Britischer Beitritt ist ein „Debakel“

Der amerikanische Thinktank Council on Foreign Relations bezeichnete es als „Debakel“, dass europäische Staaten die Bank mittragen wollen. Nach der öffentlichen Verkündung Chinas, auch nicht-asiatische Länder seien eingeladen, sich zu beteiligen, legte Washington den Europäern Zurückhaltung nahe. Als Großbritannien dennoch den Beitritt verkündete, sagte Patrick Ventrell, der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats der USA, lediglich, es handele sich um eine souveräne Entscheidung des Königreichs. Washington hoffe nun darauf, dass Großbritannien seine Stimme nutzt, um ehrgeizige Kriterien zum Umweltschutz und zu Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Sogar die engen US-Partner Japan und Australien ziehen ein Engagement in Erwägung. Voraussetzungen dafür seien aber Transparenz und ein glaubwürdiges Verfahren der Kreditvergabe, so der japanische Finanzminister Taro Aso.

Elisabeth Economy vom Council for Foreign Relations empfiehlt den USA, sich entweder an der Bank zu beteiligen oder die Sache auf sich beruhen zu lassen. Als Teilhabernation wäre es möglich, direkt Einfluss auf Umweltstandards und Arbeitsbedingungen in der Institution zu nehmen. Alternativ könne man die Sache aber auch von außen beobachten und die neue Rolle Chinas in einem multipolaren Zeitalter annehmen. Die AIIB blockieren zu wollen, sei zu einem Mühlstein im Nacken Washingtons geworden. Nun gelte es, ihn entweder in die eine oder die andere Richtung zu entfernen.

viaUSA verärgert über China: Peking baut eigene Investitionsbank – n-tv.de.

Big Data und die Emotionserkennung in Gesichtern

An die Weitergabe unserer Aktivitäts- und Standortdaten haben wir uns fast gewöhnt. Doch sind wir auch bereit, unser Seelenleben preiszugeben? Neue Technologien kundschaften nun unsere Gefühle aus.

Maschinenliebe ist im Trend. Im Film „Her“ von Spike Jonze verliebt sich der einsame Held in das Betriebssystem „OS1“, das ihn besser versteht, als es ein Mensch je könnte. Und in „Ex Machina“, der im April in die Kinos kommt, ist es eine Roboterfrau mit dem Namen „Ava“, die dem Mann die Augen verdreht und zum Objekt seiner Sehnsüchte wird. Doch findet sich die Vorstellung einer empathischen Maschine schon viel früher, etwa in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“, in der dem Protagonisten Nathanael das Automatenwesen Olimpia als perfekte Gefährtin erscheint. Der Wunsch, im Apparat statt kalter Mechanik echte Gefühle anzutreffen, ist uralt.

Zwar ist die technische Entwicklung noch nicht ganz so weit, aber die ersten Schritte werden gerade gemacht. Computerprogramme, die menschliche Emotionen noch nicht selbst empfinden, aber präzise nachvollziehen können, existieren bereits. So lautet jedenfalls das Versprechen jener aufstrebenden Start-Up-Unternehmen, die sogenannte „emotion analytics“ betreiben und sich Affectiva, Emotient oder Beyond Verbal nennen. Mittels Gesichts- oder Stimmerkennung lesen uns ihre Programme unsere Wünsche und Leidenschaften buchstäblich von den Lippen ab – und das in Echtzeit.

Weltweit 2,5 Millionen Gesichter ausgewertet

Die amerikanische Firma Affectiva etwa konzentriert sich auf die Analyse von Gesichtsmustern. Die wissenschaftliche Basis bildet die Forschung des Psychologen Paul Ekman, der in den siebziger Jahren Pionierarbeit bei der Klassifikation von Gesichtsausdrücken leistete. Ekman schlüsselte auf, welche Muskeln oder Muskelgruppen am Zustandekommen eines bestimmten Gesichtsausdrucks beteiligt sind und entwickelte darauf aufbauend ein Erkennungssystem namens „Facial Action Coding System“ (FACS), mit Hilfe dessen er eine Reihe sogenannter Basisemotionen bestimmte: darunter Freude, Wut, Ekel oder Überraschung. Affectivas Software geht darüber sogar noch hinaus. Mit Hilfe komplexer, selbstlernender Algorithmen ist man in der Lage, ein größeres Spektrum an Emotionen abzubilden als Ekman es vermochte.

Um das Mienenspiel der Probanden zu erfassen, genügt dann eine einfache Webcam. Das Analyseprogramm des Unternehmens, Affdex, weist dem jeweiligen Gesichtsausdruck umgehend eine bestimmte Gefühlsregung zu – im Abgleich mit seinem Datensatz. Und der, Big Data macht es möglich, ist riesig. Affectiva hat weltweit bereits 2,5 Millionen Gesichter in 75 Ländern ausgewertet, ein Ende ist nicht in Sicht. Die globale Reichweite ermöglicht es dem Unternehmen, den Ausdruck von Gefühlen über kulturelle Unterschiede hinweg zu untersuchen. Resultat soll ein universales Modell menschlicher Mimik sein.

Mittlerweile ist Affectiva zum Marktführer der Branche aufgestiegen. Letztes Jahr beschloss man eine Partnerschaft mit Millward Brown, der zweitgrößten Marktforschungsfirma der Welt, die unter anderem Kunden wie Unilever, Kelloggs und Pepsi berät. Durch die Kooperation wird Affectivas Software ab sofort standardmäßig verwendet, um die Reaktion von Konsumenten auf Werbung aller Art zu untersuchen. Außerdem testet man in Zusammenarbeit mit Fernsehsendern die Resonanz des Publikums auf Serienpiloten. Für Rana el Kaliouby, Gründerin und wissenschaftlichen Leiterin des Unternehmens, ist das erst der Anfang. „Wir leben in einer Emotionsökonomie: Gefühle beeinflussen ganz maßgeblich die wirtschaftlichen Entscheidungen, die wir treffen. Emotional involvierte Konsumenten sind das, wonach Unternehmen suchen, denn bei ihnen ist es wahrscheinlicher, dass sie sich an das Produkt erinnern, darüber reden, und es schließlich kaufen.“ sagte sie im Gespräch mit FAZ.NET. Bisher habe sich die Marktforschung auf die Befragung der Konsumenten verlassen, doch mit Hilfe von Emotionsdaten könne man viel präziser bestimmen, was die Menschen bewegt und Produkte optimal darauf abstimmen. Ein Beispiel biete die Konzeption von Filmtrailern: „Man hat immer eine Reihe von Szenen, die man auf unterschiedliche Weise zusammensetzen kann. Unsere Technologie hilft dabei, die besten Szenen auszuwählen, für ein bestimmtes Publikum, eine bestimmte Zielgruppe.“

Affdex ist sogar in der Lage, sogenannte Mikroexpressionen zu registrieren, also die unfreiwilligen, nur Sekundenbruchteile dauernden Veränderungen auf unseren Gesichtern, wenn uns ein Gefühl überkommt. Wir kennen das aus der populären Fernsehserie „Lie To Me“, die sich um einen Ermittler dreht, der über ähnliche Fähigkeiten verfügt. Doch hat die Serie einen realen Hintergrund: Paul Ekman persönlich betreibt ein Unternehmen, das FBI wie CIA berät und Workshops für Agenten anbietet, um sie darin zu schulen, in Verhören Lügner zu identifizieren. Wenn aber Computerprogramme den Job zuverlässiger und automatisiert erledigen können, werden solche Einweisungen bald überflüssig sein. Rana el Kaliouby betont, dass Affectiva die Zusammenarbeit mit Polizei oder Geheimdiensten ablehne. Konkurrenten wie die Firma Eyeris sind aber, wie das Wall Street Journal kürzlich berichtete, weniger zimperlich.

Flirthilfe für Gefühlsblinde

Auch Affectiva sucht aber für seine Software weitere Anwendungen. So arbeitet man seit kurzem mit ooVoo zusammen, einem Dienst für Videotelefonie. In Zukunft wird man seine Gesprächspartner nicht nur sehen und hören, sondern auch herausfinden können, was sie gerade fühlen. Der Dozent eines Onlinekurses könnte etwa die Aufmerksamkeit seiner Schüler kontrollieren – und ob sein letzter Witz gut ankam. Bei Geschäftsverhandlungen per Videokonferenz könnten die Parteien überprüfen, ob die Gegenseite wirklich mit offenen Karten spielt. Und auch bei Vorstellungsgesprächen lässt sich das Programm nutzen: Bewerber müssten sich dann nicht nur den Augen der Chefs, sondern auch dem unbestechlichen Blick der Kamera aussetzen. Von den unendlichen Möglichkeiten für notorisch eifersüchtige Partner ganz zu schweigen.

Wie eine Welt aussehen könnte, in der computergestützte Emotionsanalyse allgegenwärtig ist, zeigt ein Werbevideo des israelischen Unternehmens Beyond Verbal, das sich anstatt auf Gesichts- auf Stimmerkennung spezialisiert. Flirtanalphabeten verspricht der Sprecher die Lösung all ihrer Probleme: Du bist mal wieder nicht in der Lage, ihre Körpersprache zu deuten? Lass deine mobile App die Sache erledigen – indem du ihre Stimme aufnimmst und feststellen lässt, ob sie sich amüsiert.

Eine neue Dimension des Datensammelns

Zunächst klingt das absurd. Anderseits: Seit Google Maps auf Smartphones zu finden ist, fragt ja auch niemand mehr nach dem Weg. Und wenn ein fetziger Song läuft, dessen Namen man nicht kennt, wird der Musikdetektor Shazam angeworfen, anstatt in der Kneipenrunde zu diskutieren. Wieso also nicht eine App, um sich auf dem Terrain der Gefühle zurechtzufinden? Yuval Mor, Vorstandsvorsitzender von Beyond Verbal, glaubt jedenfalls fest daran, dass seine Technologie helfen kann, sowohl Wohlbefinden als auch psychische Leistungsfähigkeit der Menschen zu verbessern. Er selbst nutze die Smartphone-App – sie heißt übrigens „Moodies“ – etwa auf Konferenzen; so könne er sich vor wichtigen Reden vergewissern, dass er entschlossen und selbstsicher klinge. Auch während des Interviews für diesen Artikel nimmt er sich selbst auf und teilt mir die Ergebnisse mit: „Am Anfang des Interviews zeigt mit die App ‚Selbstkontrolle‘ an. Meine Stimmung veränderte sich dann hin zu Freundlichkeit, mit Weitsicht und Willensstärke als sekundären Emotionen. Am Ende zeigt mir die App, dass ich zufrieden bin, und überzeugt von dem, was ich sage.“

Zehn bis fünfzehn Sekunden an gesprochener Sprache genügen Beyond Verbals Software, die Erkenntnisse aus Physik und Neuropsychologie nutzt, um den Gemütszustand der Sprecher zu berechnen – unabhängig von der verwendeten Einzelsprache. Kommerzielle Verwendung findet die Technologie etwa in Call-Centern, um die Verkaufseffizienz von Mitarbeitern zu verbessern. Denn oft komme es nicht darauf an, was man sagt, sondern wie man es sagt, so Mor. Ist der Klient aufgebracht, und drauf und dran, seinen Vertrag zu kündigen? Oder klingt er zufrieden und aufgeschlossen gegenüber neuen Angeboten? Der Verkäufer kann durch die Sprachanalyse seine Strategie anpassen, das Programm gibt ihm dabei laufend Handlungsvorschläge. So erzielt er jeweils den besten Preis.

So weit, so effizient. Bleibt nur die Frage: Wird hier nicht eine neue Dimension des Datensammelns erreicht? Möchten wir unsere Gefühle den Maschinen wirklich preisgeben? Obwohl wir uns an die freie Zirkulation unserer Aktivitäts- und Standortdaten schon beinahe gewöhnt haben, ist die Erfassung dessen, was wir als unser Intimstes, unser innerstes Wesen begreifen, noch unbekannt. Zwar legen aktuelle Studien nahe, dass auch unsere Facebook-Likes bereits Rückschlüsse auf unsere Persönlichkeit und psychische Disposition erlauben. Doch das Auslesen unserer Gefühle in dem Moment, in dem wir sie empfinden, ist ein Quantensprung.

Welcher Film passt gerade zu deiner Stimmung?

Man nehme die Bedenken der Skeptiker ernst, meinen die Unternehmer und betonen, dass man immer das Einverständnis der Menschen einhole, deren Emotionen aufgezeichnet würden. Sonst aber sei alles eine Sache der Gewöhnung. In der Zukunft werden empathische Maschinen ganz selbstverständlich unseren Alltag bevölkern, glaubt Yuval Mor: „Technische Geräte oder sogar humanoide Roboter werden einem sagen können: ‚Du siehst müde aus. Vielleicht willst du beim nächsten Café Halt machen.‘ Und wenn du ins Kino gehst, wird die Technologie dir einen Film empfehlen, der deiner Stimmung entspricht.“ Rana el Kaliouby meint ebenfalls, dass die Technologie sich durchsetzen und das Leben der Menschen bereichern wird: „Ich denke, in fünf bis zehn Jahren werden all unsere Geräte einen Emotionschip haben, der kontinuierlich unsere Stimmung liest. Dein Smartphone oder deine Smartwatch werden auf deinen emotionalen Zustand reagieren können.“

In „Her“ gibt es eine Szene, in der alle Menschen mit Knopf im Ohr durch die Stadt laufen – scherzend, lächelnd, mit traumverlorenem, glücklichen Blick. Doch sind es nicht andere Menschen, mit denen sie reden, sondern Samantha, das jederzeit aufmerksame, einfühlsame Betriebssystem. Werden Künstliche Intelligenzen am Ende noch die großen Tröster der Menschheit? Oder werden sie uns vielmehr manipulieren, wie es „Ex Machina“ vorführt? Fest steht: Egal, ob wir Wohlwollen oder Unbehagen gegenüber der technischen Entwicklung verspüren – die Maschinen werden es erkennen.

viaBig Data und die Emotionserkennung in Gesichtern.

US-Gericht verklagt Palästinenser auf Schadensersatz

Für Bombenanschläge in der Zeit von 2002 bis 2004 sollen die Palästinensische Autonomiebehörde und die PLO mehr als 200 Millionen US-Dollar an die Opfer zahlen. Der Betrag könnte sich sogar noch vervielfachen.

Ein US-Bundesgericht in New York sprach die Angeklagten schuldig, bei sechs Anschlägen 33 Menschen getötet und mehr als 450 verletzt zu haben. Dabei handelte es sich unter anderem um Angriffe auf einen Bus (Artikelbild) und die Hebräische Universität in Jerusalem, auf mehrere Cafés und eine jüdische Siedlung in Ostjerusalem.

Elf Opferfamilien hatten vor dem Gericht auf Schadensersatz geklagt. Sie gaben der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) eine Mitschuld an den Anschlägen, die von Mitgliedern der radikalislamischen Hamas und den Fatah-nahen Al-Aksa-Märtyrerbrigaden ausgeführt wurden. Einige der Täter sollen auf den Gehaltslisten der beiden Organisationen gestanden und „materielle Unterstützung“ für die Attentate erhalten haben.

218 Millionen US-Dollar – mal drei

Insgesamt setzte das Gericht die Schadensersatzsumme auf 218 Millionen US-Dollar (ca. 192 Millionen Euro) fest. Durch einen Passus im Anti-Terrorismus-Gesetz der USA kann dieser Betrag verdreifacht werden.

Die Familien der Opfer hatten ursprünglich 350 Millionen US-Dollar gefordert, die nach der Verdreifachung auf fast eine Milliarde Dollar angewachsen wären. Eine ihrer Anwältinnen, Nitsana Darshan-Leitner, sagte nach dem Urteil: „Jetzt kennen PLO und PA den Preis für die Unterstützung des Terrorismus.“

Israels Außenminister Avigdor Lieberman begrüßte das Urteil als „moralischen Sieg für den Staat Israel und alle Opfer des Terrorismus“. Erfreut über den Richterspruch äußerte sich auch Staatsanwalt Kent Yalowitz. Er sprach von einem „großen Tag“ im Anti-Terror-Kampf und würdigte den Mut der Opferfamilien sowie das einstimmige Urteil der Geschworenen in dem knapp sechswöchigen Verfahren.

Widerspruch erwartet

Der palästinensische Ministerpräsident Rami Hamdallah kündigte Berufung an. Anwälte der Palästinenser hatten erklärt, die beiden angeklagten Organisationen hätten die Anschläge verurteilt, die die Al-Aksa-Brigaden und die Hamas begangen haben sollen.

Die Klagen seien deshalb „gegenstandslos“, sagte der stellvertretende Informationsminister Mahmud Chalifa. Der Fall sei „politisch motiviert“ und von Friedensgegnern in Israel angestoßen worden, die eine Zweistaatenlösung zur Beilegung des israelisch-palästinensischen Konflikts hintertreiben wollten.

Hinzu kommt nach Ansicht von Beobachtern, dass die Palästinenser kaum in der Lage sein dürften, die hohen Schadenersatzsummen zu zahlen. So kämpfe die PA zum Beispiel mit großen finanziellen Problemen, unter anderem wegen von Israel eingefrorener Einkünfte.

viaUS-Gericht verklagt Palästinenser auf Schadensersatz | Aktuell Nahost | DW.DE | 23.02.2015.

Huthi-Rebellen reißen Macht im Jemen an sich

Die schiitischen Rebellen im Jemen haben das Parlament des Landes aufgelöst und die Macht übernommen. In einer im Fernsehen übertragenen Erklärung aus dem Präsidentenpalast in der Hauptstadt Sanaa verkündeten die Huthis am Freitag, dass das von ihnen geführte „Revolutionskomitee“ interimistisch die Regierung bilden werde. Anschließend soll ein Präsidentenrat entstehen und zwei Jahre lang amtieren.

Der dramatische Schritt vom Freitag vervollständigt die Machtübernahme der Rebellen, die bereits vor Monaten eingeleitet wurde. Die aus dem Nordjemen stammenden Huthis hatten im vergangenen September Sanaa und später andere Städte sowie Provinzen unter ihre Kontrolle gebracht und mehr Mitbestimmung in dem mehrheitlich sunnitischen Land gefordert.

Die USA äußerten sich angesichts der jüngsten Entwicklungen besorgt. Ein Sprecher des Weißen Hauses, Eric Schultz, bezeichnete die Machtübernahme der Rebellen als einseitigen Schritt. Die Anti-Terror-Operationen der USA im Jemen würden trotzdem ununterbrochen weitergehen, sagte er.

Konflikt zwischen Stämmen könnte jetzt eskalieren

Mit der Machtübernahme könnte der Konflikt mit sunnitischen Stammesangehörigen und Sezessionisten eskalieren, die für eine Abspaltung des Südens eintreten. Beobachter befürchten unter anderem auch, dass sich Sunniten dem gefährlichen Al-Qaida-Ableger im Jemen anschließen könnten, um die Huthis zu bekämpfen.

Die Huthis sagten weiter, das sogenannte Revolutionskomitee werde dafür zuständig sein, ein Parlament mit 551 Mitgliedern aufzustellen. Das Parlament soll dann den Präsidentenrat bestimmen. Das Revolutionskomitee ist der Sicherheits- und Geheimdienstarm der Rebellengruppe und wird von Mohammed Ali al-Huthi, einem Cousin von Rebellenführer Abdel-Malek al-Huthi geleitet.

Es sei der Beginn „einer neuen Ära, die den Jemen zu sichereren Ufern tragen wird“, sagte ein nicht namentlich genannter Sprecher im Fernsehsender der Rebellen.

In der Ankündigung vom Freitag machten die Rebellen keinerlei Angaben zu möglichen Neuwahlen. Auch das Schicksal von Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi wurde nicht erwähnt. Ihn hatten die Huthis kürzlich abgesetzt und in seiner Residenz de facto unter Hausarrest gestellt.

Gespräche zwischen Rebellen und Politikern scheiterten

Zuletzt waren alle Gespräche zwischen den Rebellen und den politischen Lagern des Landes gescheitert, unter anderem an den Forderungen der Huthis nach einer größeren Mitbestimmung in der Regierung. Schließlich stellten die Huthis am Sonntag den Parteien ein dreitägiges Ultimatum, um doch noch eine politische Lösung zu erreichen. Andernfalls würden sie die Macht übernehmen.

Der bitterarme Jemen ist seit dem Arabischen Frühling 2011 nie wirklich zur Ruhe gekommen. Nach monatelangen Protesten wurde der langjährige Machthaber Ali Abdullah Salih abgesetzt, sein Stellvertreter Hadi folgte ihm nach.

Im damaligen Machtvakuum erstarkte die al-Qaida im Süden, im Norden hingegen wurden die Huthis immer mächtiger. Beobachter werfen dem schiitischen Iran vor, die Rebellen zu unterstützen.

viaHuthi-Rebellen reißen Macht im Jemen an sich – DIE WELT.